Israelisches Gas, israelische Gewehre und [yellow tail]
von Esther Moriarty & Stuart Pigott
Lange Zeit schien die glückliche-Familien-Werbung für [yellow tail] bestens zu funktionieren. Wenn eine Weinmarke jegliche Hirnaktivität beim Weineinkauf überflüssig macht und dazu allgegenwärtig ist, wie es bei der Mega-Marke von Casella Wines der Fall ist, dann können die Verkaufszahlen und damit erwirtschaftete Gewinne ziemlich in die Höhe schießen. Selbstverständlich muss dieser Mega-Profit sinnvoll investiert werden, und wenn man die schnellste Abfüllstraße auf Planet Wein bereits besitzt, wie Casella Wines, dann gibt es eine Grenze, wieviel Geld sich darüber hinaus in eine Weinkellerei investieren läßt. Deswegen hat es uns nicht großartig überrascht, im Sydney Morning Herald vom 30. Oktober 2010 in einem Artikel mit dem Titel ‘Lawyers, guns, money, the sting in Yellow Tail’ (SMH3) vom breiten Immobilien-Portfolio der Casellas zu lesen; in Griffith und Yenda sind es diverse Kellereigebäude, Farmen und ein ehemaliges Pflegeheim. Dazu kommt ein Geschäftshaus in St. Leonards/Sydney, für das sie November 2009 5,15 Millionen australische Dollar zahlten, und ein Einkaufszentrum an der Goldküste von New South Wales, im September 2009 für schlappe 16,4 Millionen australische Dollar erworben.
Man könnte meinen, dies würde das Ansehen einer Familie in ihrer Heimat steigern, aber das scheint nicht unbedingt der Fall zu sein. SMH3 gibt den Kommentar einer nicht namentlich genannten Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung wieder, nachdem The Griffith Show in The Casella Wines Annual Show umbenannt worden war: „Sie könnten die Stadt auch gleich in Casella umbenennen.“ Klingt das nicht ein wenig bitter? Sind die Casellas in Griffith vielleicht gar nicht so beliebt? Die Fragen sind zurückgekehrt und vermehren sich weiter!
Die Casaella Familie hat hart gearbeitet, um [yellow tail] ein positives Image beim tierlieben Publikum zu verleihen. Wenn man die Website von Field & Game Australia Inc. studiert, erfährt man, dass Casella Wines der Humane Society of the United States (HSUS) 100.000 US-Dollar gestiftet hat. HSUS wird in Australien durch die Humane Society International (HSI) vertreten, die sich stark gegen die Jagd einsetzen und gegen die New South Wales Shooters Party ins Feld ziehen. Zukünftig sollen alle Produkte von Casella Wines dieses Engagement für die australische Fauna in die Welt hinaustragen. Dummerweise berichtet SMH3 auch, dass Marcello Casella, der bereits einen Gefägnisaufenthalt aufgrund von Marihuanadelikten hinter sich hat (siehe Episode 5), den Bau einer riesigen Fabrik in Griffith plant, die bis zu zehn Millionen Schrotflinten-Patronen pro Jahr produzieren soll. Das Schießen mit Schrotflinten auf Verkehrsschilder und Kängurus ist ein beliebter Zeitvertreib unter australischen Farmern.
Dieser Beispiel von unternehmerischem Wagemut wirkt allerdings verhalten und vorsichtig im Vergleich zu John Casellas Öl- und Gas-Firma in Israel: Cassal Drilling. SMH3 berichtet, Roy Spagnolo, Steuerberater der Casella-Familie in Griffith, habe im Mai 2010 offiziellen Stellen in Israel mitgeteilt, die Firma würde bis zu 60 Millionen australische Dollar in die Suche nach Öl- und Gasvorkommen im Land stecken. SMH3 zufolge war bereits einiges mächtig schief gelaufen, und Cassal Drilling stand in Jerusalem unter rechtlichem Beschuß seitens ihres ehemaligen Geschäftsführers, Rodney Salfinger. Herr Salfinger ist offensichtlicht kein Waisenknabe, was Streitereien betrifft. Laut SMH3 behauptete er, Casella habe die Polizei von Papua-Neuguinea mit israelischen Schußwaffen beliefert. Casella bestätigte, in Papua-Neuguinea nach Öl- und Gasvorkommen zu suchen, streitete aber vehement ab, an Waffengeschäften beteiligt zu sein. Indessen sagt SMH3 aus, die Redaktion der Zeitung habe Fotos gesehen, auf denen ein Direktor von Cassal Drilling und zwei Polizisten aus Papua-Neuguinea Waffen prüfen. Es scheinen sich um Fotos zu handeln, die in der Fabrik von Israel Weapon Industries gemacht wurden, Hersteller des berühmten Uzi-Machinengewehrs. Warum sind wir nach Öl und Gas plötzlich wieder bei Schußwaffen gelandet? Wie wäre es mit einem Wechsel zurück zum Shiraz oder gar Chardonnay?
Die SMH3-Berichterstattung über Rodney Salfinger ist alles andere als lustig. Beim Erscheinen des Zeitungsberichts hatte er einen Prozess in den USA am Hals, weil er auf der Hochzeit seiner Tochter angeblich eine Pistole gezückt hatte. Noch mehr Schußwaffen! Im Oktober 2007 beschrieb ein australischer Richter Salfingers Prozess gegen Niuginni Mining als „grobe Erpressung“, die er „versuchte durch wiederholten, rücksichtslosen Meineid voranzutreiben.“ Vielleicht hatte Casellas Anwalt, Steve Stanton, recht, als er von seinem Mandanten sagte, „seine einzige Fehlentscheidung war die Wahl seines Geschäftspartners im [israelischen] Joint Venture.“ Aber laut SMH3 machten Rodney Salfinger und John Casella bereits fünfzehn Jahre lang zusammen Geschäfte, also auch schon in vor [yellow tail]-Zeiten. Wenn das stimmt, muss man sich fragen, warum der Geschäftsführer von Casella Wines so lange brauchte, um seine Fehlentscheidung zu erkennen? Oder erscheint Ihnen Salfinger auf Anhieb wie ein zuverlässiger und vertrauenswürdiger Geschäftspartner?
Zurück nach Israel, wo SMH3 zufolge John Casella im Oktober 2007 seine erste Lizenz für die Suche nach Öl und Gas bekam und kurze Zeit darauf Cassal Drilling gründete. Im Oktober 2010 hatte die Firma ihr erstes Bohr-Projekt mitten in den Sanddünen zwischen dem Gaza-Streifen und einem Gewerbegebiet nahe der Hafenstadt Ashkelon angepackt. SM3 berichtet auch von zwei Offshore-Projekten „in the pipeline“ [wortspiel], die sich anbahnten. Hier muss erwähnt werden, dass Offshore-Öl- und Gas-Felder einen wichtigen aber meist übersehenen Streitpunkt zwischen Israeli und Palästinensern darstellen. Der ganze Hickhack geht zurück auf die Entdeckung der Gasfelder Gaza Marine 1 und Gaza Marine 2 durch ein Konsorzium von British Gas (BG) , den libanesischen Consolidated Contractors International Co. (CCC) und der palästinensischen Regierung (PA) im Jahr 2000, damals noch unter der Führung von Yasser Arafat. Damals schätze BG die Reserven der beiden Offshore-Felder auf einen Gesamtwert von vier Milliarden US-Dollar, womit der 10%-Anteil der PA satte 400 Millionen US-Dollar wert gewesen wäre. Im Mai 2007 hatte die israelische Regierung einem Abkommen mit der PA über die Abnahme von Gaza-Gas zugestimmt. Das Gas sollte in der Nähe vom Cassal Drilling-Projekt bei Ashkelon an Land gepumpt werden. Dann legte der Mossad anscheinend ein Veto ein, und es kam zum israelischen Angriff auf Gaza im Dezember 2007, was das Abkommen killte.
Inzwischen hat der arabische Frühling die diplomatischen Karten im mittleren Ost jedoch ganz neu gemischt, und dieses Jahr kam es überraschend zu neuen Verhandlungen zwischen der israelischen Regierung und PA zum Thema Gaza-Gas. Israel hält zugleich den Druck auf die Hamas und die Bevölkerung Gazas aufrecht, wie in einem Bericht im britischen Guardian vom 25. Juli 2011 zu lesen war. Titel: ‘Troubled waters: Palestinian fishermen caught in Israeli gunboat policing net’. Die Zeitung berichtete, der Oslo-Vertrag von 1993 gewähre den Fischern von Gaza das Recht, bis zu 20 Seemeilen vor Küste zu fischen, seit der israelischen Gaza-Blockade ließen die israelischen Streitkräfte die Fischerei jedoch nur bis drei Seemeilen vor der Küste zu. Es folgte eine ziemlich grauenhafte Beschreibung, wie die israelische Flotte diese neue „Grenze“ durchsetzen, und es überraschte uns nicht, dass die UNO dies für eine Kollektivstrafe der Zivilbevölkerung hält und damit einen Verstoß gegen internationales Recht. Zielt diese Aktion darauf ab, Hamas vom Gas unter dem Meeresboden vor Gaza abzuschneiden? Gibt es nicht ruhigere Bereiche der Erde, an denen man nach fossilen Brennstoffen suchen kann? Und stellen nicht solche fossilen Brennstoffe sowieso eine fatale Antreibung der globalen Erwärmung dar?
Eine wichtige Geldfrage
Episode 5 der [yellow tail] Sage hat eine wichtige Geldfrage aufgeworfen: wie könnte Bargeld aus versteckten Säcken oder Dosen einer Firma nützen, die regelmäßig vom Finanzamt geprüft wird? Sie erinnert mich an einige Gruselgeschichten über den Exportleiter einer europäischen Weinfirma, der in den USA immer wahnsinnige Verkaufszahlen erzielte. Nennen wir ihn „Carlo“, was selbstverständlich nicht sein tatsächlicher Name ist. Ich habe Carlo einige Male live erlebt, und er machte immer einen gänzlich skrupellosen Eindruck auf mich, so daß ich dazu neige, den Geschichten Glauben zu schenken. Der harte Kern davon ist die Behauptung, Carlo habe mit „Kick Backs“, also illegalen Anreizen für seine Kunden gearbeitet. Ein Beispiel legaler Anreize sind Belohnungen für den erfolgreichsten Verkäufer eines bestimmten Produktes, die dann selbstverständlich in den Finanzunterlagen der verantwortlichen Firma aufgeführt werden. Laut meiner Informanten hat Carlo im Gegenzug für jede größere Bestellung eines amerikanischen Händlers einen Umschlag voller Geldscheine „unter dem Tisch“ zurückgereicht, zugleich eine Belohnung für die „gute Tat“ und ein Anreiz, sie möglichst bald zu wiederholen. Selbstverstänldich hat das Finanzamt nie von diesen Geldern erfahren. Wer über Säcke oder Dosen voller Bargeld verfügt und genauso skrupellos wie Carlo ist, kann ein neues Produkt am Markt schnell etablieren, dann für seine Allgegenwärtigkeit sorgen; unentbehrliche Voraussetzung für den Sprung aus dem Nichts zur Mega-Marke.
Ein Firmenprofil von Casella Wines in Ausgabe 5/2007 der Zeitschrift Wine Business berichtet, kurz nach der Markteinführung von [yellow tail] habe Wine Australia, die nationale Marketing-Organisation für australische Weine, Casella Wines einen Werbezuschuss gezahlt. Casella Wines investierte dieses Geld in australische Busch-Hüte und –Jacken, die sie den Verkäufern ihres US-Importeur W.J. Deutsch & Sons zur Verfügung stellten. Sie waren offensichtlich ein beliebter und witziger Anreiz, der den Verkauf antrieb. Im gleichen Absatz des Berichts wird betont, dass es Preisnachlässe für [yellow tail] nie gegeben habe und vom ersten Tag an in den Preisen für alle Beteiligten gesunde Gewinnmargen steckten. Das ist natürlich eine ganze andere Strategie als Carlos rücksichtsloser Einsatz des Kick Backs zum Antrieb der Verkaufsmaschine. Ich habe übrigens nie herausfinden können, wie Carlo an das nötige Bargeld kam.
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