Ich bin Riesling

Bitte nicht falsch verstehen: Ich behaupte nicht, nur aus Wein zu bestehen, aber was wäre ich ohne den Wein? Vielleicht ein langweiliger Schuhverkäufer in einem langweiligen Vorort von London.

Foto Bettina Keller, Februar 2013

Ich bin am 26. Mai 1960 im Krankenhaus von Orpington in Südostlondon geboren und war ein sehr introvertiertes Kind. Mein Vater, Peter Malcolm Pigott (1935-1987) stieg 1960 in die Computer-Branche ein und meine Mutter Sheila Pigott (1935 -, geborene Pratt) hängte nach meiner Geburt den Beruf an den Nagel, um mich zu erziehen und zu verwöhnen. Meine Eltern waren oft von mir enttäuscht, weil ich ein mäßiger Schüler war. Dennoch deutete alles auf ein wissenschaftliches Studium hin, einen Job und tägliches Pendeln mit der S-Bahn, so wie es mein Vater tat.

1976 war ich zu feige, um Punk zu werden, obwohl eine Reihe meiner Schulfreunde Kernfiguren der Punk-Szene waren. Ähnlich ging es mir mit meinem Ehrgeiz, Schauspieler zu werden. Vielleicht ist es kein Wunder, dass ich mit 17 eine große Krise erlebte und fast in einer geschlossenen Anstalt landete. 1979 begann ich ein Kunststudium am Goldsmiths College of Art in London, bekam aber im darauffolgenden Jahr keinen Platz für den nächsten Studien-Abschnitt, weil ich ein arroganter Mistkerl war. So jobbte ich ein Jahr lang, zuletzt als Wein-Kellner mit Null-Wissen im Restaurant der Tate Gallery, wo der Wein mich entdeckte! Dabei war (selbstverständlich) der Riesling!

1981 trat ich ein dreijähriges Malerei-Studium in der St. Martins School of Art in London an, wechselte zum Royal College of Art (RCA), um meinen Magister in Kulturwissenschaft zu machen. Nebenbei begann ich über dem Wein – seine Gegenwart und seine Geschichte – zu schreiben. Mein erster Bericht erschien im April 1984 in der Fachzeitschrift ‚Decanter’. Die deutschen Weine wurden schnell zu meinem Hauptthema, auch, weil es wenig Konkurrenz gab. Im Rückblick war mein Studium für mein heutiges Schaffen sehr wichtig. Von meinem Professor Christopher Frayling lernte ich kritisches Denken. Am 6. Juli 1986 schloß ich mein Studium erfolgreich ab und versuchte mich als freiberufliche Kulturhistoriker und Schriftsteller über Wasser zu halten. Ein zäher Kampf, der meine Kreativität leider nicht herausforderte. Nach dem Tod meines Vaters und einigen kleineren Katastrophen wagte ich einen Neuanfang. Im Januar 1989 mietete ich eine Wohnung in Bernkastel an der Mosel, um meine Auseinandersetzung mit dem deutschen Wein und mit Deutschland – Gegenwart und Geschichte – zu intensivieren. Langsam driftete ich seelisch von England ab.

Meine Karriere entwickelte sich langsam, bis ich 1992 meine jetzige Frau Ursula Heinzelmann, Sommelière und Restaurant-Leiterin, kennenlernte. Ende 1993 zogen wir nach Berlin. Im Herbst 1994 erschient mein erstes deutschsprachiges Buch. „Wie eine Wildsau“ tituliert der SPIEGEL seinen Bericht darüber. Weitere deutschsprachige Weinbücher folgen und in ihrem Schlepptau eine Vielzahl von Berichten in deutschen und ausländischen Medien zu mir, dem in Berlin ansässigen britischen Schriftsteller. Mit meiner Vorliebe für Kleidung von Vivienne Westwood und einer unkonventionellen, aber deutlichen Sprache gelte ich als „bunter Vogel“.

Inspiriert von den amerikanischen Journalisten Hunter S. Thompson und Tom Wolfe entwickle ich eine revolutionäre Art von Kulturgeschichte des Weins – ich nenne sie „Gonzo“ und meine damit die bedingungslose Recherche, die Einem tief in sein Thema verstrickt. 10 Jahre habe ich mit dieser Methode gearbeitet und eine Trilogie über Wein und Globalisierung (Schöne neue Weinwelt, Argon 2003 / Wilder Wein, Scherz 2006 / Wein weit weg, Scherz 2009) geschaffen. Die Recherche-Kosten trieben mich mehrmals während dieser Zeit an den Rand des Bankrotts, aber mutlos war das Ganze nie.

Neben diesen Werken entstand in Zusammenarbeit mit dem Fotograf Andreas Durst und meinen Ko-Autoren Ursula Heinzelmann, Chandra Kurt, Manfred Lüer und Stephan Reinhardt Wein spricht Deutsch (Scherz, 2007), ein Standardwerk zum Thema deutschsprachigen Weins. Eine lebendige Geschichte der äußerst spannenden und dynamischen Welt des Weins.

Doch wurde mir klar, dass mein Weinwissen lückenhaft bis mangelhaft war. Deswegen studierte ich ab Oktober 2008 zwei Semester auf der berühmten Fachhochschule für Weinbau in Geisenheim/Rheingau. Wegen des Studiums musste ich zwischen Berlin und Rheingau pendeln. Dieses Mal war ich konsequent und mutig: ich habe eine praktische Übung in Weinbau dran gehängt. Christian und Simone Stahl von Winzerhof Stahl haben mir für ein Jahr 10 Zeilen Müller-Thurgau-Reben in supersteiler Lage Hasennest geliehen. Am 15. September 2010 habe ich mein erste Wein in Berlin präsentiert. Heute schriebe ich lieber an der spannende Geschichte des Weins.

20 Responses to Ich bin Riesling

  1. Eugen Schmidt says:

    Lieber Herr Pigott,

    vor einiger Zeit habenSie ein Buch über Winzer am Bodensee veröffentlich. Leider sind Sie bei Ihren Recherchen nicht auf die Weinbaugemeinde Wasserburg gestossen. Hier betreibe ich mit meiner Familie ein Weingut mit nun schon bald 6 ha, welches meine Frau und ich trotz schwierigster Umstände seit 1984 von null an aufgebaut haben. Meine beiden Söhne sind nun zu uns gestossen um den Betrieb weiterzuführen. Ich würde Sie gern mal unseren Wein probieren lassen. Vielleicht schicken Sie mir auf diesem Wege eine Kontaktadresse dann lasse ich Ihnen eine Probe zukommen.
    Beste Grüsse Ihr Eugen Schmidt

  2. stahl albrecht says:

    hi stuart,
    ich bin momentan wieder in sachen wine advise in china unterwegs. diesmal im norden an der grenze zur mongolei. da ich noch eine halbe stunde zeit habe bis mich meine fahrerin abholt, dachte ich, schaust du mal was ueber stuart bei google zu finden ist. gefunden habe ich deine lebensgeschichte. sehr interessant. gruss albrecht stahl

  3. Hallo Herr Pigott, im kommenden Jahr wird unser Konvent 10 Jahre alt. Er ist eine Weiterentwicklung aus der Weinbruderschaft zu Köln, die ich vor 30 Jahren gegründet hatte. Wir möchtes die Gründung am 28. September 2013 feiern und laden Sie herzlich ein um den Tag mit uns zu verbringen und von Ihnen etwas mehr über Ihr Leben in der Weinwelt zu erfahren. Wir möchten Weine aus unserer Heimat, dem Siebengebirge, gegenüber Bonn anbieten, denn die Qualitäten haben sich stark verbessert. Bitte prüfen Sie, ob es für Sie möglich wäre, an diesem Tage nach Köln zu kommen. Schön wäre es, recht bald eine Antwort zu erhalten und auch Ihre E-Mail-Adresse zu erhalten, damit Sie mehr Informationen über unser Jahresprogramm er- halten. Mit den besten Grüßen aus Köln von Harald R. Schlechter

  4. Sascha says:

    Guten Tag Herr Pigott

    Verfolge Sie seit Jahren mit grossem Interesse, und habe auch schon so manchen Tip nachgekauft :-) Würde mich freuen wenn Sie mal wieder Schnäppchen unter 5 Euro finden, wie früher oft propagiert (z.B. damals 1 Liter Muffang Weissburgunder für unglaubliche 3,50 ! ).

    Natürlich aber trotzdem vielen Dank und grosses Lob für Ihre viele Arbeit,
    Sascha

  5. Karl Borromäus Klein says:

    Lieber Herr Pigott,
    in Ihren (stets interessanten) FAS-Beiträgen begründen Sie Qualitätsverbesserungen im deutschen Weinbau der letzten Jahre immer wieder gerne mit ‘Klimaerwärmung’. Anläßlich einer diesbezüglichen Diskussion mit einem meiner ‘Hauswinzer’ an der Mosel meinte dieser, das sei Quatsch. Maßgeblich für die Verbesserungen der letzten Jahrzehnte sei das allgemein höhere Qualitätsbewußtsein der Winzer im Weinberg, hier vor allem Ertragsreduzierung, sowie ein professionelleres Kellermanagment.
    In diesem kalten Winter 2013 (bereits der dritte hintereinander) neige ich dazu, meinem Winzer zu glauben.

    • Stuart says:

      Lieber Karl Borromäus Klein, nie habe ich behauptet, dass die Klimaerwärmung der Hauptfaktor bei der Qualitätsverbesserung des deutschen Weins sei, aber sie spielt wohl eine Rolle. Der letzte Jahrgang in Deutschland mit überwiegend unreif schmeckenden Weinen in allen Weinbaugebieten war 1987. Seit dem gab es manche Jahre in manche Gebiete gewisse Riefeprobleme, aber das ist gar nichts im Vergleich mit der Situation z.B. 1965,’68,’72,’74,’78,’80.Das waren alle wirklich schlechte, grüne Jahrgänge. Diese Situation kommt nicht mehr vor; eine große Veränderung! Grüße aus New York Stuart Pigott

  6. Klaus Treis says:

    Hallo Herr Pigott,

    würde ihnen gerne einen 2012er Bremmer Calmont Riesling trocken zu kommen lassen und ihre Meinung dazu hören.

    Mit freundlichen Grüßen

    Klaus Treis

    • Stuart says:

      Hallo Klaus Treis, bitte schick mir eine Probflasche an der folgende Anschrift: Stuart Pigott / An der Spandauer Brücke 5 / 10178 Berlin. Grüße & Danke Stuart Pigott

  7. Lieber Stuart Pigott,

    Möchte Ihnen meinen Freund Dr.Scherr empfehlen, der als Pathologe seit ein paar Jahren Weinbau in der Pfalz betreibt. Sehr gute Adresse.

    Viele Grüsse
    heinrich Dhom

  8. Normally I do not read article on blogs, however I would like to say that this write-up very forced me to try and do so! Your writing style has been surprised me. Thanks, quite great article.

  9. Jeannette und Jürgen Kaiser says:

    Hallo Herr Pigott,
    wir verfolgen zur Zeit mit großem Interesse Ihr Sendung ” Weinwunder Deutschland”,
    die uns sehr gut gefällt. Als private Weinliebhaber haben wir auch schon einige Weinan-
    baugebiete bereist und finden das Anbaugebiet Saale-Unstrut, insbesondere das Wein-
    gut ” Bernhard Pawis”, wunderbar und sehr interessant. Uns würde interessieren,
    was Sie von diesem Gebiet halten und ob es nicht auch für die deutschen Weine charakteristisch ist.
    Mit frendlichen Grüßen
    Jeannette und Jürgen Kaiser

  10. Guten Tag Stuart Pigott,
    ich habe heute am 10.01.2014 Ihre Sendung über den Riesling gesehen. Können Sie
    mir Ihren Gesprächspartner vom Fernsehen nennen?
    Ich bin Westfale, bei uns war die Frage in einem Lokal: möchten Sie Wein rot oder weiß, dann habe Ich in Trier studiert, habe den Wein besser kennengelernt, kam dann nach Freiburg im Breisgau und habe angefangen mich für Wein zu interessieren. Heute lebe Ich in Basel, bin Rentner, immer noch im Beruf und dabei, einen Handel und Verkauf mit Wein, Spirituosen usw. zu beginnen: Wir leben auf einem Bauernhof mit einem wunderbaren Erdkeller, den Ich zu einem Treffpukt umbauen werde. Meine Lebenspartnerin wird ein Sensorikseminar besuchen, usw. usw.
    Ich würde gern mit Ihnen Kontakt aufnehmen und mich über eine Antwort sehr freuen. Wenn Sie mir Ihre Tel.Nr. geben würde Ich Sie gern anrufen usw.usw.
    Ich habe eine Bitte, wenn Sie kein Interesse haben, vernichten Sie bitte diese e-mail

    und für heute viele liebe Grüße
    ” sähmte ” Günther Ahlers

  11. Schumacher, Siegfried says:

    Hallo, in Ihrer Rubrik “Wein des Monats” finde ich Ihre letzte Empfehlung vom März 2013. Gibt es neuere Ratschläge von Ihnen ?

    Mit freundlichen Grüßen

    S. Schumacher

  12. Pingback: Die alltägliche Abzocke…… | Genuss ist Notwehr

  13. Klaus Müller says:

    Hallo Herr Pigott, vielen Dank für die a
    wiederholt hervorragende Weinempfehlung in der FAZ am letzten Sonntag. Der Spätburgunder Kirschgarten 2009 vom Weingut Knipser ist wirklich phänomenal gut! Aber auch die Verkäuferempfehlung war sehr gut. Sehr gute weitere Weinauswahl, toller Service und der Wein wurde blitzschnell geliefert. Vielen Dank und weiter so, wir freuen uns auf weitere spannende Empfehlungen – vor allem aus Deutschland. Herzliche Grüße aus Augsburg… Klaus Müller.

  14. mathias schöpflin says:

    Hallo Herr Pigott,
    Ich bin ein 20jähriger junger, wilder Winzer, aus dem Rheinhessichen Worms-Herrnsheim. Und habe mein erstes Produkt am 05.03.14 abgefüllt. Es handelt sich meiner Meinung nach: um einen klasse Silvaner 2013 mit einer sehr harmonischen (natürlichen Restsüße). Und ich einfach mal nachfragen wollte ob ich ihnen mal eine Flasche zukommen lassen dürfte. Und sie mein erstes Produkt bewerten könnten.
    Bevor es mit einem einzigartigen Riesling aus Rheinhessen weiter geht.
    Würd mich sehr freuen.
    Sonnige Grüße aus Herrnsheim.

  15. Falko Czekalla says:

    Sehr geehrter Herr Pigott,
    ich habe schon einige Sendungen im TV mit Ihnen gesehen aber noch nie ein Buch von Ihnen gelesen. Ich bin ein bescheidener Weintrinker, von Weinen aus dem Supermarkt. Meine Favoriten sind die Saale-Unstrut-Weine, Müller-Thurgau und auch der Riesling von der Winzervereinigung Freyburg. Haben Sie dieses Weinanbaugebiet schon einmal besucht, oder habe ich eine Sendung verpasst? Ich würde mich über eine Antwort freuen.
    Viele Grüße aus Erfurt,
    Falko Czekalla

  16. Tolle Webseite,
    was mich wundert: schreiben Sie nur über Riesling? Die Weinwelt ist doch sooo gross und Gutes findet man auch in anderen Sorten!
    Bzw. wie halten Sie es mit Österreich?
    lg, Gottfried

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