WEINHIER (neu!)

Riesling Kabinett von der Mosel mit natürliche Süße ist weltweit erfolgreich!

VON DER LEICHTIGKEIT DES SÄUREFRAßES: 2013 Riesling Kabinett von Frank Ebbinghaus

Der Jahrgang 2013 und Riesling Kabinett? Das könnte gut funktionieren. Jedenfalls scheint es ziemlich ausgeschlossen, dass diese Weine übermäßig reif oder gar fett daher kommen — wie es in warmen Jahrgängen leider häufig geschieht. Mit dem Prädikat Kabinett verbindet man leichte, feingliedrige, aber komplexe Weine mit geringem Alkohol und viel Trinkspaß. Zugleich sind es meist echte Terroirweine, oft aus großen, berühmten Lagen und in dieser besonderen Kombination aus Leichtigkeit, Verspieltheit (durch das Zusammenspiel feiner, natürlicher Restsüße mit  Säure und Mineralität), kühler Finesse und großer Individualität eine echte deutsche Spezialität. Der für Robert Parker schreibende Weinkritiker Stephan Reinhardt hat in der Süddeutschen Zeitung vorgeschlagen, Riesling Kabinett zum Weltkulturerbe zu erklären. Das erschient allenfalls jenen Weintrinkerinnen und -trinkern abwegig, die an einem weichen, warmen Sommerabend noch keinen erstklassigen Riesling Kabinett vorzugsweise von Mosel, Saar oder Ruwer im Glas hatten.

Riesling Kabinett ist etwas aus der Mode gekommen. Die Weine sind nicht richtig trocken, aber auch nicht so fruchtsüß wie Auslesen etc. Doch gerade die Klimaerwärmung, die in den vergangenen Jahren den Weinen von Natur aus eine hohe Reife mitgab, hat bei viele Weinfreundinnen und -freunden den Wunsch nach erfrischenden, knackigen Weinen dieser Stilistik neu erwachen lassen. Es gibt also gute Gründe, einer großen Riesling Kabinett-Vergleichsprobe beizuwohnen und die Weine dieses Typs aus dem Jahrgang 2013 kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Wein-Aficionado Martin Zwick führte Samstagabend die Leistungsschau „BerlinKabinettCup“ durch. 32 Riesling Kabinettweine, die blind verkostet wurden, stritten um die Krone des besten dieser Art. Bis auf drei Weine kamen alle Probanden von Mosel, Saar oder Ruwer, was als Hinweis darauf verstanden werden kann, dass dieser Weintyp in den eher kühlen, steilen Schieferlagen besonders gut gedeiht. Allerdings gibt es auch im Rheingau, an der Nahe und in Rheinhessen einige echte Spezialisten, die gestern leider nicht am Start waren, vereinzelt wohl auch, wie im Fall eines sehr berühmten rheinhessischen Winzers gemunkelt wurde, weil man sich allzu geringe Siegeschancen ausrechnete.

Aber wichtiger als die Kür eines Siegers (es gewann der 2013 Karthäuserhofberg Riesling Kabinett vom Weingut Karthäuserhof/Ruwer) war der zwiespältige Eindruck, den die Probe hinterließ: Wie bei den trockenen Großen Gewächsen kämpften zahlreiche Weine mit einer scharfen Säure um Reife und Balance.

Was zur Folge hatte, dass ich etwa zur „Halbzeit“ der Probe das Gefühl hatte, ein Loch hätte sich in Zunge und Gaumen gebrannt. Schon aus Selbsterhaltungsgünden habe ich jene Weine höher bewertet, die Reife und Balance nicht vermissen ließen.

Es wurde verdeckt verkostet. Und groß war mein Erschrecken, als ich beim Aufdecken feststellen musste, dass ich die Weine zweier absoluter Großmeister restsüßer Rieslinge komplett verrissen hatte. Nach der Probe habe ich aus den Resten, die in den Flaschen verblieben waren, nachverkostet. Doch der Befund bleib gleich. Der 2013 Schwarzhofberg Kabinett von Egon Müller (Saar) roch zwar reif, fruchtig und nach diesen eleganten Schiefernoten, die Egon Müllers weltberühmte Weine aus dem Schwarzhofberg so verführerisch und groß machen. Aber am Gaumen stellte sich recht bald eine schneidende Säure ein, die in einen überaus adstringierenden Abgang führte. Dieser Wein ist der mit Abstand teuerste der Probe. Er kostet im Handel knapp unter 50,- Euro!

Der andere sehr prominente Problemkandidat (sonst ebenfalls ein unübertroffener Meister des restsüßen Riesling Kabinett und persönlicher Favorit) war das Weingut Reinhold Haart (Piesport/Mosel)  und sein 2013 Piesporter Goldtröpfchen Riesling Kabinett. Die Nase umfing der Wein noch mit einem schönen Pfirsich-Aprikosenduft. Aber die extreme Säure ließ am Gaumen lediglich mineralische und medizinale Aromen zum Zug kommen, der Abgang war unangenehm adstringierend. Sehr seltsam. Nun muss man zur Ehrenrettung dieser beiden großen Winzer festhalten, dass eine solche Probe nur eine Momentaufnahme ist und dass komplexe Kabinettweine das Recht haben, sich über ein paar Jahre zu entwickeln, um ihr Bestes zu zeigen. Als Beispiel mag der 2009 Graacher Himmelreich Riesling Kabinett des Weingut J. J. Prüm (Wehlen/Mosel) gelten, der als „Pirat“ in diese Probe hinein gemogelt wurde. Der Wein strotzte neben seiner jahrgangsbedingten hohen Reife noch mit Aromen, die von der Spontanvergärung herrühren. Sehr unfertig, aber doch in ein paar Jahren gewiss sehr lecker.

Alles braucht also seine Zeit, auch beim Riesling Kabinett. Doch bezweifle ich, dass jetzt unreif und unharmonisch schmeckende Weine es je mit den besten Weinen der Probe werden aufnehmen können.

Es folgen meine Favoriten. Weil wir zur Punktevergabe genötigt waren, habe ich in meine Favoriten-Liste alle Weine aufgenommen, die zwei Punkte, also nur minimal auseinander lagen. Hinzugezogen haben ich einen Wein, der blind bei mir lediglich im vorderen Mittelfeld gelandet ist, den ich aber auf dem Weingut probiert und privat über drei Wochen getrunken haben und von dem ich finde: Es ist mindestens einer der besten Riesling Kabinett-Weine des Jahrgangs. Die Rede ist von der Saarburger Rausch Riesling Kabinett des Weinguts Forstmeister- Geltz-Zilliken (Saarburg/Saar).

Abschließend betone ich, was bereits in den vorangegangen Zeilen anklang: Die Weine, die mir nicht gefielen, müssen keinesfalls „schlecht“ der gar „fehlerhaft“ sein. Ich finde sie lediglich im Moment und vermutlich auch in den kommenden Jahren unharmonisch und im Wortsinn ungenießbar

Mag ich:

Goldloch Kabinett, Schlossgut Diel (Burg Layen/Nahe).

Erdener Treppchen Kabinett, Jos. Christoffel jr. (Ürzig/Mosel).

Wehlener Sonnenuhr Kabinett, Markus Molitor (Wehlen/Mosel).

Piesporter Schubertslay Kabinett, Julian Haart (Piesport/Mosel).

Dhroner Hofberg Kabinett, A. J. Adam (Neumagen-Dhron/Mosel).

Eitelsbacher Karthäuserhofberg Kabinett, Karthäuserhof (Trier-Eitelsbach/Ruwer).

Maximin Grünhäuser Abtsberg Kabinett, Maximin Grünhaus Schlosskellerei C. von Schubert (Mertesdorf/Ruwer).

Saarburger Rausch Kabinett, Forstmeister-Geltz-Zilliken (Saarburg/Saar)

Wehlener Sonnenuhr Kabinett, Dr. Loosen (Bernkasten/Mosel).

Graacher Domprobst Kabinett, Willi Schaefer (Graach/Mosel).

Mag ich nicht:

Schwarzhofberger Kabinett , Egon Müller Schwarzhof (Wiltingen/Saar).

Piesporter Goldtröpfchen Kabinett, Reinhold Haart (Piesport/Mosel).

Graacher Himmelreich Kabinett, Markus Molitor (Wehlen/Mosel).

Schloss Johannisberg Rotlack, Schloss Johannisberg (Geisenheim-Johannisberg).

Das Zalto Burgund Glas ist in jeder Hinsicht groß!

SEX AUF DER BERGSPITZE: Die Präsentation der 2012 Spätburgunder GG des VDP in Berlin vonFrank Ebbinghaus (10. September, 2014)

Mehr als 60 Spätburgunder – überwiegend GG – habe ich am Montagnachmittag im Rahmen der Präsentation der Großen Gewächse in Berlin verkostet. Sollte es eine Hölle geben, und würde sie den Erwartungen gerecht, die man berechtigterweise an sie stellen kann: Solche Proben gehörten dort zum Tagesprogramm. Junge, komplexe Spätburgunder können ja so gemein sein und einem die letzten Kräfte rauben. Aber ich liebe Spätburgunder/Pinot Noir. Weine dieser Rebsorte sind für mich der Inbegriff an Verführungskraft, Sinnlichkeit, Sexyness und was man sich sonst noch in dieser Richtung bei Wein vorstellen kann. Die großen Pinots, die ich trinken durfte, werde ich nie vergessen. Sie sind meist unverschämt teuer, aber man erwischt sich dabei, dass man irgendwie wenigstens eine Flasche ergattern will, egal, was sie kostet, nur um diese große Empfindung noch einmal zu erleben. Ja, ich bin ein Pinot-Junkie. Und als solcher leidensfähig.

Das Gute wie das Schlechte dieser Tortur liegt darin, dass unmittelbar danach alle Eindrücke in einem Nebel zu versinken scheinen. Was insofern bedauerlich ist, als dass viele ausgezeichnete Gewächse einer großen Relativierung anheimfallen (aus der sie meine Notizen befreien müssen). Andererseits gab es ein paar wirklich große Weine, die wie imposante Bergspitzen aus dem Nebelschleier herauswachsen.

Vorweg dies: Die deutschen Spätburgunder GG haben ein sehr gutes Niveau erreicht. Es gab nur wenige wirklich schwache Weine. Und mancher Tropfen, der jetzt mit Holz überladen scheint, hat doch so viel Potential, um sich eines fernen Tages von dieser Last vielleicht befreien zu können. Aber – und dies ist ebenfalls ein positiver Befund – die Holzmonster scheinen auf dem Rückzug. Frucht, Finesse und Mineralität rücken in den Vordergrund.

Ich habe also tapfer probiert, aber leider nicht alles geschafft, was interessant schien. Gegen Ende – in Württemberg und Baden – musste ich größere Lücken in Kauf nehmen. Sei’s drum. Eine weitere Einschränkung: Spätburgunder oder Pinot Noir ist ein ziemlich launisches Gesöff. Es kann einem in der Jugend eine ganz schöne Nase drehen. Ich habe schon grottenschlechte junge Pinots probiert, die ein paar Jahre später richtig gut waren (an einen umgekehrten Befund kann ich mich freilich nicht erinnern).

Welche Weine haben Suchtfaktor? Für mich der größte Wein ist die 2012 Wildenstein Spätburgunder Reserve von Bernhard Huber (Malterdingen/Baden). Sie besitzt süße Würze und Parfüm, ist samtig und seidig, erotisch und feminin, zeigt immer neue Facetten und ist unglaublich lang – ein Wein, der einen selbst in der homöopathischen Dosierung dieser Probe minutenlang fesselt. Der Wildenstein ist einer der größten deutschen Spätburgunder, die ich je getrunken habe und ein großartiges Vermächtnis des in diesem Jahr tragisch verstorbenen Winzers Bernhard Huber. Der Wein kostet weit mehr als 100 Euro, aber dieser Preis verliert während des Probierens jeden Schrecken.

Überhaupt Huber: Seine vier vorgestellten Spätburgunder GG sind eine Klasse für sich, obwohl sie sich doch stark voneinander unterscheiden: Das 2012 Bienenberg GG wirkt ungemein lebendig mit roten und schwarzen Johannisbeernoten, mit Erde und vielem mehr. Das 2012 Sommerhalde GG duftet nach Samt, Orangen und Marzipan und schmeckt nach roten Früchten, etwas grünem Pfeffer und Cassis. Das 2012 Schlossberg GG riecht nach nassem Rauch und nasser Erde, hat viele Frucht im Hintergrund und schwarzen Pfeffer ohne Schärfe. Der Wein strömt nur so dahin. Allen Huber-Weinen ist eine sehr verführerische Seidigkeit und Eleganz eigen, die über die Jahre zum Markenzeichen dieses großartigen Erzeugers wurde.

Und doch gibt es einen Winzer, dessen vorgestellte Kollektion den Weinen Hubers mindestens gleichkommt, ja sie vielleicht sogar ein wenig übertrifft (außer den Wildenstein): Es ist das Weingut Rudolf Fürst (Bürgstadt/Franken), dessen Spitzen-Pinots nicht nur die verführerische Eleganz Hubers erreichen. Sondern noch einen Tick ausdrucksstärker wirken.

Das beginnt mit dem 2012 Centgrafenberg Spätburgunder GG, das eine verführerische, an Orangen, Mirabellen und manches mehr erinnernde Frucht mit einer wunderbaren Struktur und Finesse verbindet. Hier fügt sich alles so graziös wie in den Szenen Watteaus (die übrigens auch in der gastgebenden Gemäldegalerie zu bewundern sind). Ein wahrer Knüller an Finesse und Ausdrucksstärke ist das 2012 Schlossberg GG, das kaum beschreibbare Fruchtnoten in Samt und Seide kleidet und jeden Augenblick neue Aromen entschleiert. Sehr verhalten dagegen das 2012 Hundsrück GG. Aber seine geschliffene Eleganz und Stoffigkeit lassen keinen Zweifel, dass hier ein wahrer Monarch auf seinen großen Auftritt wartet.

Nie zuvor habe ich bessere deutsche Spätburgunder probiert als die von Huber und Fürst. Es gab reifere Jahrgänge als 2012, auch sie brachten große Weine hervor. Aber 2012 zeichnet sich neben einer schönen Reife auch durch eine herrliche Lebendigkeit aus, für die neben feinem, reifen Tannin auch eine unterstützende Säure sorgt.

Besonders deutlich wird dies etwa bei den Weinen von Benedikt Baltes (Weingut StadKlingenberg/Franken). Sie besitzen nicht die verführerische Noblesse a´la Fürst und Huber, verbinden aber explosive reife Frucht mit einer rassigen, fast rieslingartigen Säure und zeigen Ecken und Kanten (was junger Spätburgunder durchaus darf). Bei seinem Spitzenwein, dem Schlossberg GG notierte ich mir prompt „Roter Riesling“, so lebendig, frisch und vielschichtig präsentierte sich dieser Spätburgunder. Alle Weine, die Benedikt Baltes vorstellte, vertragen wenigstens ein paar Jahre Lagerzeit.

Zu den Spitzen dieser Verkostung zählen unbedingt auch die beiden Spätburgunder von August Kesseler (Rüdesheim-Aßmannshausen/Rheingau), wobei das 2012 Berg Schlossberg GG mit seiner unglaublich fein parfümierten, dabei auch dichten, kühlen Stilistik das ebenfalls ausgezeichnete, hoch elegante 2012 Höllenberg GG leicht überflügelt.

Auch die Pfalz ist eine Spätburgunder-Hochburg. Ein Wein, der schon jahrgangsmäßig aus dem Rahmen fällt, ist das 2009 Im Sonnenschein GG vom Weingut Ökonomierat Rebholz (Siebeldingen/Pfalz), das zeigt, wie ein sehr reifer Jahrgang schmecken kann. Viel süßer Schmelz wird von Schwaden reifen Tannins gebändigt, der Wein zeigt viele Facetten, ist im Moment reif und üppig, aber nicht fett.

Meine weiteren Favoriten in der Pfalz. Die kühl eleganten Spätburgunder GG Sankt Paul und Kammerberg von Friedrich Becker (Schweigen/Pfalz), das mineralische Kalmit GG vom Weingut Kranz (Ilbesheim/Pfalz), das seidige 2011 Kirschgarten GG von Philipp Kuhn (Laumersheim/Pfalz), sowie das mit Verführungskunst und Bodenhaftung gleichermaßen begabte 2011 Kastanienbusch Köppel GG von Dr. Wehrheim (Birkweiler/Pfalz). Seine große Klasse unter jugendlichem Ungestüm verbergend (und gerade deshalb begeisternd): der 2012 Musikantenbuckel Spätburgunder trocken vom Weingut Krebs (Freinsheim/Pfalz).

Ein Bekenntnis zur Ahr: Ich bin kein großer Fan. In wärmeren Jahrgängen werden mir diese Weine einfach zu reif und alkoholstark (so z.B. im Jahrgang 2007). Auch die Spitzen-Spätburgunder des Jahrgangs 2012 von Meyer-Näkel (Dernau/Ahr) und J. J. Adeneuer sind reife Weine mit viel Alkohol, aber doch auch einer guten Balance, mit verführerischer Frucht und seidiger Struktur. Wer es kühler mag, wird deutlich schlankeren Weine von Jean Stodden (Rech/Ahr) bevorzugen, die ebenfalls gelungen sind.

Im Süden gibt es noch mehr Spätburgunder-Meister. Allen voran Rainer Schnaitmann (Weingut Schnaitmann, Fellbach/Württemberg). Sein Spitzen-Spätburgunder gehört für mich seit Jahren zu den Allerbesten: Das 2012 Bergmandel Spätburgunder GG ist sehr seidig und super-sexy, aber auch sehr vielschichtig und mit ordentlich Grip (etwas herber, aber nicht weniger sexy schmeckt übrigens Rainer Schnaitmanns 2012 Bergmandel Lemberger GG – sehr empfehlenswert).

Zwei renommierte badische Erzeuger haben wahre Klassiker hingelegt: Das Weingut Dr. Heger (Ihringen/Baden) mit seinem eleganten, im Abfüllungstief steckenden 2012 Winklerberg Spätburgunder GG und dem feinfruchtig-zugänglicheren 2012 Schlossberg Spätburgunder GG. Große Zukunft werden auch die beiden Spätburgunder GG vom Weingut Seeger (Leimen/Baden) haben, wobei das kraftvolle, aber verschlossene Große Gewächs RR aus dem Herrenberger Oberklamm in ein paar Jahren die Nase vor dem 2012 Herrenberg GG Spermen R haben wird.

All das sind große, aber auch sehr teure Weine. Es geht auch anders, deutlich preiswerter, aber ebenfalls sehr ansprechend und GG-würdig: So zeigt das 2010 Wingerte Spätburgunder GG des Privatweinguts H. Schlumberger (Laufen/Baden) Eleganz und Finesse; etwas Rauch, Hagebutten und Walderdbeeren entfalten einige Verführungskunst – kein Top-Model, aber eine Markgräfler Schönheit mit einigem Witz. Und das ganze gibt es für 17 EuroSehr viel teurer waren zahlreiche Spätburgunder GG, die ich probierte. Sie liefern Beispiele soliden Winzerhandwerks, wirklich sehr ordentlich. Aber auch ein wenig langweilig.

Stuart Pigott trägt Vivienne Westwood und wurde von Bettina Keller fotografiert

PLANET RIESLING von STUART PIGOTT kommt in November 

20% Rabatt im Subskriptionsangebot! (8. September, 2014)

Immer wieder wurde ich gefragt ob es eine deutschsprachige Ausgabe von BEST WHITE WINE ON EARTH – The Riesling Story (in Stewart, Tabori & Chang Verlag, New York)geben wird und wann sie erscheinen wird. PLANET RIESLING heißt sie und sie kommt in November in Tre Torri Verlag (Wiesbaden). Wie der abgebildete Umschlagentwurf unten zeigt hat das Buch ein ganz andere Optik wie die englischsprachige Ausgabe. Dazu werden die Deutschland-Kapiteln etwa 200%. Bis zum 31.10 steht das Buch im Subskriptions-Verkauf für Euro 23,90, also mit 20% Rabatt. Um sich Kopien zu sichern einfach auf dem folgenden Link klicken. Dann kriegen Sie auch sehr früh das neuen Kultbuch zum Thema der weltwichtigste Weißwein! 

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TESCH: Nicht mehr VDP, aber trotzdem nicht zu übersehen!

 (Martin Tesch “Master of Acidity” von Frank Ebbinghaus (6. September 2014

In diesem süßes-oder Saueres-Jahrgang 2013 hat einer wie Martin Tesch von Weingut Tesch in Langenlonsheim/Nahe gerade noch gefehlt. Seine Weine sind in der Regel knochentrocken und selbst in warmen, reifen Jahrgängen stets von einer sehr eindrucksvollen Säure geprägt. Was also ist von ihm in einem Jahr zu erwarten, wo allerorts die Säurewerte in die Höhe schossen? Man könnte meinen, dass eine Verkostung seiner aktuellen Produktion einer Jack-Ass-Mutprobe gleichkäme. Doch weit gefehlt. Die gegenteilige Vermutung ist zutreffend: Wenn einer erfahren darin ist, in heißen Jahren schlanke, mineralische Weine zu erzeugen, dann findet er in kühlen,    weniger reifen ebenfalls die richtige Balance. Genauso ist es bei Martin Teschs aktuellerKollektion.

Bei dieser Gelegenheit ein kleiner Exkurs zum Thema „kompromisslos“: Mit diesem Attribut werden häufig die wahren Charakterköpfe unter Winzern wie Weinen gelobt. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie nie einen Millimeter vom selbstgewählten Weg abweichen, mit größter Konsequenz den einmal beschrittenen Pfad weitergehen und Widerstände als Beleg für die Richtigkeit ihres Tuns werten. Kurzum: Es sind wahre Dickschädel, echte Fundamentalisten. Sie interessieren sich im Grunde nicht für die Weintrinker, ihnen ist egal, ob ihre Weine schmecken. Hauptsache, sie können ihr Ding durchziehen. Solche Winzer sind in diesem Jahr besonders leicht zu erkennen, weil ihre 2013er Weine vermutlich nicht besonders harmonisch sind. Das Wort „kompromisslos“ sollte deshalb in diesem Zusammenhang ein für alle mal ans Wein-Phrasen-Schwein verfüttert werden.

Martin Tesch ist das beste Beispiel dafür, dass ein Winzer Kompromisse eingehen muss, um in einem schwierigen Jahr ausgezeichnete Weine zu erzeugen. Teschs Weinstil ist – ich deutete es bereits an – schlank, säurebetont und mineralisch, die trockenen Weine haben auch in sehr reifen Jahrgängen nicht mehr als rund 12,5% Alkohol. So entstehen Weine, die sehr komplex und individuell schmecken (die einzelnen Lagen unterscheiden sich stark voneinander), die aber auch stets großes Trinkvergnügen bereiten, wobei Ihnen etwas Flaschenreife sehr gut tut. Und dann sind da die günstigen Preise, die signalisieren: Dieser Winzer möchte, dass seine Weine von einem möglichst großen Publikum getrunken werden.

Eine solche Haltung, die maximales Qualitätsstreben mit größtmöglicher Popularität verbindet, ist natürlich nur um den Preis von Kompromissen zu haben. Für den Jahrgang 2013 bedeutet das beispielsweise: Teschs sonst analytisch meist knochentrockenen Rieslinge (in der Regel unter zwei Gramm Restzucker) haben 2013 ein wenig mehr Süße (so um die fünf Gramm). Und bei der Säure, die in diesem Jahr auch für Martin Tesch etwas zu hoch war, hat er ein wenig nachgeholfen. Bei letzterem kann er auf den Erfahrungsschatz eines Winzers zurückgreifen, bei dem das Thema „Säure“  eigentlich jedes Jahr auf der Tagesordnung steht.

So gelang es Tesch auch 2013, Weine in seinem unverwechselbaren Stil zu erzeugen, die sich in ihrer ausgezeichneten Balance stark von Produkten mancher Konkurrenten abheben, jedoch alle Attribute des Jahrgangs aufweisen. Ja, man könnte sogar meinen, dieser schwierige Jahrgang sei wie gemacht für Tesch. Und in der Tat haben mir vor einiger Zeit bei einer Vertikalprobe die trockenen Tesch-Weine aus säurebetonten Jahrgängen am besten gefallen.

So ist es dann doch kein Wunder, dass Martin Tesch in dem schwierigen Jahr 2013 eine ganz hervorragende Kollektion auf die Flasche gebracht hat. Man möchte Martin Tesch spontan den Titel Master of Acidity verleihen. Denn alle seine Weine werden durch eine reife Säure zum Erstrahlen gebracht, sie ist die Chef-Dramaturgin eines aromatischen Dramas, das oft noch hinter der Bühne stattfindet, aber mit Geduld in einigen Jahren im Rampenlicht steht. Hier gelingt das Kunststück, dass man sich spontan in die Mineralien-geäderte Säure verliebt, die so gar nichts hartes und scharfes hat – im Jahrgang 2013 sicher eher die Ausnahme.

Das beginnt schon mit dem Einstiegswein, dem 2013 Riesling unplugged, der als einziger der Kollektion unter zwei Gramm Restzucker aufweist und mit 11,3% Alkohol sehr bekömmlich ausfällt. Das Aromenspektrum beginnt mit leicht oxidiertem Apfel, steigert sich dann frischemäßig ins Muskat-Traubige und lässt in weiter Ferne eine Fruchtaromen-Karawane verheißungsvoll vorüber ziehen. Und doch ist dieser Wein mit seiner geschliffen kühlen Mineralik schon jetzt ein Hochgenuss – er zählt für mich zu den leckersten Gutsweinen des Jahrgangs.

Es folgen fünf Lagenrieslinge die sehr, unterschiedlich schmecken.  An ähnlichsten sind sie vielleicht noch der 2013 Löhrer Berg und der 2013 Krone. Denn bei beiden Weine geht nach einer recht verhaltene Nase am Gaumen dank der Säure so richtig die Post ab, die Fruchtsüße winkt im Löhrer Berg eher aus größerer Distanz, der Wein wirkt kühler und steiniger. Während die Krone ihre herrliche Reife kaum kaschieren mag, aber nichts wirkt süß oder opulent, es ist die Säure, die reife Fruchtaromen transportiert.

Ganz anders der 2013 Königsschild, der von allen bisher genannten Weinen am meisten Frucht besitzt, die aber von der Säure mächtig angeschoben wird. So entsteht Brillanz, der sich Charme und Verspieltheit hinzugesellen.

Der reifste im Bunde ist der 2013 Karthäuser, dazu muss man gar nicht wissen, dass dieser Wein als einziger 13% Alkohol erreicht. Hier dominiert weniger die Säure, den Auftakt macht vielmehr eine feine mineralische Würze. Der Wein wirkt deshalb weniger straff, etwas süßer und deutlich fruchtiger als seine Brüder (oder Schwestern?), aber ebenfalls sehr animierend.

An der Spitze aber steht der 2013 St. Remigiusberg, dessen Aromenfülle schon der Geruch enthüllt. Auch dieser Wein wirkt reif, ohne allerdings den Karthäuser in dieser Hinsicht zu erreichen. Aber hier ist es wieder die Säure, an deren Sehne die aromatischen Schätze aufgespannt sind. Das alles wirkt überhaupt nicht üppig, sondern hoch elegant und rassig. Ein Wein, der in ein paar Jahren seine aufregende Geschichte erzählen wird

Martin Teschs sehr überzeugende Kollektion zeigt zweierlei: In einem säurebetonten Jahrgang wie 2013 sind die Säure-Experten unter den Winzern im Vorteil. Und: Es ist falsch, Kompromisse auszuschlagen. Entscheidend ist vielmehr, dass man die richtigen eingeht.

  Der Geist von der Berliner Weinbar WEINSTEIN, Roy Metzdorf

HOMOPHONIE von Roy Metzdorf

Matthias Matussek hat nichts gegen Schwule – ihm geht nur das Theater auf die Nerven von Roy Metzdorf (5. September, 2014) 

Der Autor, Publizist und ehemalige Kulturchef des „Spiegel“, Matthias Matussek, zeiht sich in der „Welt“ vom 12. Februar 2014 und in weiteren Beiträgen im Netz der Homophobie und findet das auch gut so. Angesichts des Schöpfungsauftrages, den uns Gott gegeben habe – „Gehet hin und mehret euch“ – sei Homosexualität eine defizitäre Form der Liebe. Schließlich sei es eine ganz simple Einsicht, dass sich Lebewesen fortpflanzen müssten, um die Art zu erhalten. Im Gegensatz zu Heterosexuellen könnten sich Homosexuelle jedoch prinzipiell nicht für Nachwuchs entscheiden. In Übereinstimmung mit dem Philosophen Robert Spaemann hält er sie daher für unvollständig ausgestattete Wesen, denn sie verfügten nicht über die Dinge, die zu einem normalen Überleben gehörten. In diesem Sinne sei Gleichgeschlechtlichkeit ein offenkundiger Fehler der Natur, und er habe keine Lust, sich für diese Ansichten von Gleichstellungsfunktionären platt machen zu lassen, egal wie oft sie ihm vorhalten mögen, dass es auch in der Natur bei irgendwelchen Pantoffeltierchen Homosexualität gebe. Eigenartiger Weise verzichtet er zur Untermauerung seiner Thesen auf die Frage, was denn wohl geschehen würde, wenn man alle weltweit schätzungsweise 170 Millionen schwulen Männer auf eine Insel verbannen würde.

Die Einsicht, dass sich Lebewesen fortpflanzen und überdies Fressfeinden, Krankheiten und Naturkatastrophen widerstehen müssen, um zu überleben, ist für Matussek offenbar nicht mehr ganz so simpel. Arten bewerkstelligen das, indem sie weit mehr Individuen hervorbringen, als sie zur Reproduktion benötigen. Deshalb muss sich nicht jedes einzelne Lebewesen vermehren, um die Art zu erhalten. Das Merkmal Homosexualität ist somit auch ohne evolutionären Nutzen überlebensfähig. Schließlich lässt die Evolution gleichfalls solche Merkmale existieren, die für die Anpassung an den jeweiligen Lebensraum bedeutungslos sind.

Zudem gelingt die Erhaltung der menschlichen Gattung nur, wenn sich zur Fortpflanzung auch Brutpflege gesellt. Matussek wird aufgefallen sein, dass schwule Mathelehrer sich um das Zahlenverständnis der Kinder kümmern, dass schwule Bäcker das Pausenbrot backen und schwule Kinderärzte bei Krankheiten helfen. Darüber hinaus tragen sie zum Funktionieren des Gemeinwesens bei, indem sie für den Verdienst aus diesen Beschäftigungen Steuern abführen. Ihm leuchtet gewiss ein, dass Kinderlose auf diese Weise ihren Beitrag zur Arterhaltung leisten.

Und dass der Sexualtrieb über die Absicherung der Fortpflanzung hinausgehende Funktionen aufweist, sollte er im Selbstversuch herausgefunden haben. Mit der Lust am Sex verhält es sich, wie mit der Lust am Essen. Wir sind in der Lage, die geschmackliche Komplexität eines guten Essens wahrzunehmen und uns so in einen sinnlichen Rausch zu versetzen, obwohl das Hungergefühl ausreichen würde, uns zur Nahrungsaufnahme zu bewegen. Ihm ist durchaus nicht entgangen, dass Lustbefriedigung ein wichtiger Baustein zur Erhaltung des psychischen Gleichgewichts ist. Oder will er behaupten, in seinem Leben immer nur dann Sex gehabt zu haben, wenn es ihm um Fortpflanzung ging?

Sollte er das Sexualverhalten von Homosexuellen dennoch für defizitär halten, muss der gläubige Katholik Matussek ebenso das Sexualverhalten zölibatär lebender Nonnen, Mönche und Priester als einen Fehler der Natur interpretieren. Auch sie „können sich prinzipiell nicht für Nachwuchs entscheiden“.

Dessen ungeachtet ist die Menschheit zu einer der erfolgreichsten Arten auf Erden geworden. In den letzten 50 Jahren hat sich die Anzahl ihrer Individuen verdoppelt.
Mit ihrem munteren, frechen Verhalten treten Schwule von heute aufmüpfig für ihre Rechte ein und haben so das Reinheitsgebot für Sex in Deutschland zu Fall gebracht. Ist das die Ursache für seine Klage: „eine Minderheit terrorisiert die Mehrheit“? Ist es glaubhaft, dass ein Intellektueller im Deutschland des 21. Jahrhunderts die Bibel wörtlich auslegt, in solch schlichten, monokausalen Zusammenhängen denkt und derart dürftig argumentiert? Kann man so jemanden ernst nehmen?

Man kann nicht nur, sondern man muss! Denn in unserer unüberschaubar vielfältigen und komplexen Welt ist niemand in der Lage, sich ein ausschließlich rationales Bild zu machen. Bleiben Erklärungslücken, stopfen wir sie mittels Emotion, Intuition und Religion. Deswegen sucht uns das Vorurteil heim. Matussek tarnt es mit der aus anderen Zusammenhängen bekannten Formel „Ich habe nichts gegen Schwule, aber…“. Wenn jedoch jemand den Anschein erweckt, von der Mehrheit abweichende Individuen wären defizitär und damit fehlerhaft, ist Gefahr im Verzug. Zur Behauptung, diese Individuen seien minderwertig, ist es dann nicht mehr weit.

Die Klassifizierung von Menschen in voll- und minderwertig wird schnell zum Ausgangspunkt für Ausgrenzung und Verfolgung: Vordenker, die irrational argumentieren, große Wählergruppen, bei denen Emotionen geschürt werden, Politiker, die daraus Programme machen, Parlamentarier, die entsprechende Gesetze verabschieden und am Ende der Kette Vollstrecker, die sich hinterher auf Befehlsnotstand berufen.

Wir sollten die Aufklärung unbedingt fortführen, damit diese Prozesse nicht zum Perpetuum mobile werden.

Und was die Antwort auf die Frage nach der Schwuleninsel anbelangt: nach 100 Jahren wäre sie immer noch bewohnt, da heterosexuelle Paare ständig für neuen schwulen Nachwuchs sorgen.

 

An viele Orte wird Riesling geliebt und gelobt!

UNTER DER SÄUREPEITSCH: 2013 Gutsriesling trocken von Frank Ebbinghaus (4. September)

Schwierig war der Jahrgang 2013, sagen viele Winzer. Fragt sich nur, für wen? Natürlich für die Winzer selbst. Sie mussten den Wein der Natur geradezu abringen, Qualität konnte nur um den Preis großer Mengeneinbußen erzeugt werden. Und dann die hohen Säurewerte … Da war voller Einsatz auch im Keller gefordert.

Schwierig wird dieser Jahrgang auch für viele Konsumenten. Sie müssen Säure mögen, auch dort, wo man sie gar nicht so erwartet, in eher säurearmen Weinen wie dem Silvaner. Und im Riesling sowieso und mehr denn je. Allerdings macht es einem der Jahrgang auch wieder ganz leicht. Gelungen ist all das, was die Säure bändigt, wo die Balance stimmt und die Aromen reifer Trauben klar im Vordergrund stehen. Es mag Jünger der Säure-Peitsche geben, für die der Spaß erst bei knochentrocken und gefühlten zwölf Promille Säure anfängt – sie kommen wahrlich nicht zu kurz bei diesem Jahrgang. Und dann gibt es die Gralshüter der Authentizität, die alle technischen Eingriffe verachten, welche das jahrgangstypische Terroir verfälschen könnten. Man erkennt sie daran, dass sie vor dem ersten Probeschluck besorgt fragen, ob der Wein entsäuert wurde. Aber selbst für sie hält der Jahrgang manche Herausforderung bereit.

Optimisten hoffen darauf, dass manche Große Gewächse (GG) die dominante Säure durch eine lange Lagerzeit besser integrieren und die Weine harmonischer werden (ob von der Säure dominierte GGs je wahrhaft große Weine werden können, wage ich stark zu bezweifeln).

Realisten greifen zum trockenen Gutsriesling, Einstiegswein und Aushängeschild vieler Weingüter. Diesen Weinen, die ihren Gattungsnamen durch das häufig auf dem Etikett abgebildete Weingutsgebäude erhalten haben, während eine Lagen-Angabe fehlt, haben in den letzten Jahren vom Winzer-Ehrgeiz stark profitiert. Man bekommt immer häufiger sehr gute Qualität zum günstigen Preis. Hier sind Weine entstanden, die Charakter und Komplexität mit großer Zugänglichkeit verbinden. Ein wirklich guter trockener Gutsriesling zeigt, was er hat, er muss wenigstens zwei Jahre nach der Abfüllung gut schmecken und zum Trinken animieren. Auch diese Weine können langlebig sein, in dem ausgezeichneten Jahrgang 2012 erzeugten Spitzenbetriebe trockene Gutsrieslinge, die auch in zehn Jahren noch gut schmecken werden und manchem GG das Wasser reichen können.

Und 2013? Das Niveau ist nicht ganz so hoch, aber viele Winzer haben sehr leckere Weine erzeugt, die mit reifer Frucht und frischer Säure besonders in der warmen Jahreszeit gut schmecken.

Aber es gibt sie auch hier, die Säurepeitsche. Weine, die zum Zeitpunkt des Probierens völlig unharmonisch schmeckten. Das heftigste Beispiel war für mich der trockene Gutsriesling des Weinguts Dreissigacker (Bechtheim, Rheinhessen). Der Wein roch nach Hefe und Sauerkraut und schmeckte nur nach Säure. Das ist sehr irritierend, denn gerade von diesem Weingut mag ich den trockenen Gutsriesling in anderen Jahren immer besonders gerne. Er ist schlanker und animierender als manche, der oft recht üppigen trockenen Spitzenweine von Dreissigacker. Ich probierte diesen Wein wie viele andere trockene 2013er Gutsrieslinge am 13. Juni im Rahmen des von Martin Zwick in Berlin ausgerichteten „BerlinGutsrieslingCup“. Es fehlte bei dieser Probe wahrlich nicht an weiteren, entsetzlichen Weine bekannter Erzeuger.

Umso eindrucksvoller sind die vielen positiven Gegenbeispiele. Der 2013 Riesling trocken des jungen Johannes Sinß (Weingut Sinß, Windesheim/Nahe) verbindet eine kräuterige Rasse mit gerade soviel fruchtigem Schmelz, dass der Wein kühl, komplex und süffig schmeckt. Ebenfalls sehr eindrucksvoll ist der 2013 Zilliken Riesling trocken des Weinguts Forstmeister Geltz-Zilliken (Saarburg, Saar), der reif, rassig und stofflig wirkt, mit seinem Blütenduft, dem Pfirsich- und Ananas-Aroma viel Charme, zugleich aber auch einen rassig-mineralischen Zug entwickelt – ein Musterbeispiel für die Sinnlichkeit und Komplexität, die bei einem Wein dieser Qualitätsstufe auch in einem schwierigen Jahrgang möglich ist. Verrücktes Zeug kommt vom Weingut Bietighöfer, Billigheim-Mühlhofen/Pfalz. Der Wein  roch im Juni noch nach der Spontanvergärung. Ich mag das normalerweise nicht. Aber hier ist das anders, zumal  der Wein neben viel Frische ein wildes Aromenpotpourri aus Rauch, gelbem Steinobst und Grapefruit bot.

Keiner der wirklich überzeugenden Weine wirkte irgendwie „gepimpt“ oder manipuliert, sie alle leben von einer lebendigen Säurefrische, aber mehr noch von ihrer reifen Frucht. Sie  zeigen das wahre Gesicht dieses schwierigen Jahrgangs.

Jene, die ich nicht mag, sind keinesfalls schlechte oder fehlerhafte Weine. Sie bereiteten  jedoch zum Zeitpunkt der Verkostung keinerlei Genuss.

Mag ich:                                                                                            Mag ich nicht:

Sinß                                                                                                    Dreissigacker

Forstmeister Geltz-Zilliken                                                      Christmann

Emrich Schönleber                                                                      Siener

Bietighöfer                                                                                       Engel

von Winning                                                                                   Wittmann

 

Können Rieslinge zu mineralisch schmecken?

von Stuart Pigott (1. September, 2014) 

Mein erstes Posting auf WEINHIER hatte die extrem unharmonische Art mancher 2013er GGs des VDP als Thema. Statt auf eine möglichst stimmige Harmonie der extrem säurebetonten Weinen dieses Jahrgangs abzuzielen, scheinen manche Winzer gnadenlos einer bestimmten Vorstellung von „Authentizität“ gefolgt zu sein. Ein Teil der Weinszene versteht jetzt „wilde” Aromatik (Stichwort: Sponti, bzw. Böckser, bzw. ein Stoff namens Merkaptan) und Härte (Säure und Gerbstoffe) im Wein als Zeichen von Authentizität. So lange diese Elemente im Wein gut integriert, bzw. die positiven Eigenschaften des Weins ausgeprägt genug sind, kann das sehr spannend sein. Falls der Wein eindeutig zu wenig ansprechende Inhaltsstoffe besitzt, führt dieses Streben nach vermeintlich unverfälschtem Terroir-Geschmack zu bizarren Gewächsen, die extrem anstrengend sind und keine Freude bereiten. Ich bin gegen Weine die nur existieren, um von Weinfreaks verkostet zu werden. Sie sind pevers!

Vermutlich haben sich manche von Ihnen gefragt, welche 2013 Riesling GGs Stuart Pigott gut findet (weil sie jetzt schon sehr gut schmecken) und welche schlecht (weil sie jetzt so schlecht schmecken). Diese sind persönliche Empfindungen und Meinungen, aber als Journalist fühle ich mich verpflichtet, diese Information bekannt zu geben. Zuerst die guten Nachrichten:

2013 Riesling GG: Ganz oben

Berg Schlossberg – August Kesseler, Assmannshausen/Rheingau

Dellchen – Dönnhoff, Oberhausen/Nahe

Halenberg – Emrich-Schönleber, Monzingen/Nahe

Hohenrain – Weingut zum jungen Oetinger, Erbach/Rheingau

Kastanienbusch „Köppel“ – Dr. Wehrheim, Birkweiler/Pfalz

Kirchenstück – Acham-Magin, Forst/Pfalz

Marienburg „Rothenpfad“ – Clemens Busch, Pünderich/Mosel

Ohligsberg – Reinhold Haart, Piesport/Mosel

Röttgen – Heymann-Löwenstein, Winningen/Mosel

Weiss Erd – Franz Künstler, Hochheim/Rheingau

Bitte denken Sie nicht, ich würde andere 2013 Riesling GGs verachten. Manche tollen Weine wie das Schloss Johannisberg GG sind noch zu verschlossen, um jetzt auf dieser Liste zu stehen. Hier geht es nur darum, welche Gewächse mir heute am besten schmecken. Mehrere der aufgeführten Weingüter hätten mit zwei oder drei Weinen auf der Liste stehen können.

Hier nun die fünf bittersten Enttäuschungen:

2013 Riesling GG: Ganz unten

Felseneck – Prinz Salm, Wallhausen/Nahe

Morstein – Gutzler, Gundheim/Rheinhessen

Pechstein – Reichsrat von Buhl, Deidesheim/Pfalz

Pechstein – von Winning, Deidesheim/Pfalz

Pettenthal – St. Antony, Nierstein/Rheinhessen

Glauben Sie bitte nicht, dass jedes Riesling GG der oben genannten fünf Weingüter „schlecht“ ist. Zum Beispiel finde ich das Orbel GG von St. Antony wesentlich gelungener als das Pettenthal GG. Es gibt auch andere Weingüter, wie Gut Hermannsberg in Niederhausen/Nahe, wo ich nicht weiß, was ich von deren neuen Riesling GGs halten soll, weil momentan ihre „wilden“ Aromen vieles überdecken. Diese Aromen könnten sich mit der Zeit durchaus abmildern. Aus dem hässlichen Entlein ist bekanntlich ein prächtiger Schwan geworden, aber solche Verwandlungen brauchen eben ihre Zeit.

DER STEINIGE WEG DER GGs

von Stuart Pigott (30. August 2014)

Man kann sich heute schwer vorstellen, wie gewagt es war, als der Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) die Bezeichnung „Großes Gewächs“ (GG) für hochwertige trockene Weine aus klassifizierten Spitzenlagen eingeführt hatte. Das ist nicht viel mehr als 10 Jahre her, aber inzwischen ist diese Kategorie von Weinen so fest im Markt etabliert, dass ein „GG“ auf dem Etikett ein großes Versprechen ist. Es ist sogar noch weit mehr als das, weil „GG“ heute  nicht nur für höchste Qualität steht, sondern auch für die Essenz des „Terroir“; den Geschmack einer großen Lage, den vollendeten Ausdruck ihres Bodens und ihres Mikroklimas, das unverwechselbare Abbild des Vegetationszyklus  eines Jahres in einer Spitzenlage.

Dank der GGs wurde nicht nur dieser französische Begriff ins Deutsche übernommen, sondern ist auch zu einem deutschen Wert geworden, ja, zu dem  deutschen Wein-Wert der Gegenwart schlechthin. Auch wenn das fast nach Religion klingt, ist es genau das, was die GGs real verkörpern. Die Weinszene ist begeistert, die Weinfreaks jubeln auf Facebook, Twitter und Instagram. Zweifellos hat für den deutschen Wein ein neues Zeitalter angefangen. Aber wohin führt das Ganze? Ist der deutsche Wein vielleicht auf einem zu steinigen Weg?

Rückblende auf Dienstag, den 26. 8, früher Nachmittag: Ich bin in Wiesbaden, wo die „Premiere“-Verkostung der weißen GGs des Jahrgangs 2013 und der roten GGs des Jahrgangs 2012 stattfindet. Teilnehmen dürfen nur Journalisten, Sommeliers, wichtige Blogger und Händler. Es herrscht andächtige Stille, unterbrochen nur vom Klicken der Computer-Tastaturen und dem Klingen edler Weingläser. Vor mir steht Flight 34: Fünf Riesling GGs aus der Lage Pechstein (Forst, Pfalz) sowie eins aus der Lage Freundstück. Alle fünf Pechstein-Weine weisen eine gewisse rauchige – mineralische? – Note und einen schlanken Körper auf – Terroir! Aber ihnen ist auch eine heftige Säure eigen. Geschmacklich am besten integriert ist sie im GG des Weinguts Acham-Magin, am wenigsten erträglich im GG des Weinguts Reichsrat von Buhl. Dieser Wein schmeckt  schlichtweg sauer. Oder nein, es ist noch schlimmer. Die Mineralien und Tannine haben sich mit der Säure zu einem schroffen, kantigen Kern vereint. Ich schüttele mich! Das war keinesfalls das einzige Beispiel für dieses Phänomen. Die „Premiere“ hatte zwar zahlreiche Höhepunkte, aber immer wieder bin ich in dieser sauer-harten Ecke gelandet.

Auch wenn manche Winzer und Kollegen jetzt laut aufschreien mögen, so ist doch nicht von der Hand zu weisen, dass in „Terroir“ der alte deutsche Begriff „Herkunft“ in zeitgemäßem philosophischem Gewand wieder auferstanden ist. In beiden Fällen geht es vor allem um etwas, das vor hundert Jahren „Reinheit“ genannt wurde und heute „Authentizität“ heißt. Damals hat man den „Wohlgeschmack“ gesucht wie heute die „Konzentration“. Aber vor hundert Jahren stand nichts über der Reinheit des Weins, so wie heute nichts über dessen Authentizität steht und jemals stehen könnte. Das trifft in hohem Maß auf die GGs zu. Egal wie gut oder schlecht sie schmecken, muss ihre Authentizität garantiert sein, sonst ist alles scheiße; jedes andere Wort wäre hier fehl am Platz. Die Rolle von uns Journalisten, von Sommeliers, Bloggern und Händlern in Wiesbaden war, genau das zu prüfen und den Stempel auf die GGs. zu drücken, dass sie diese harte Prüfung bestanden haben. Das ist so deutsch wie Wagners „Ring“, eben erbarmungslos und humorlos deutsch und kann deshalb so zwanghaft und lächerlich wirken wie Fotos der ersten „Ring“-Aufführungen.

Ich will es ganz klar sagen:

Wein muss Spaß machen und Freude bereiten. Wein kann die Tür öffnen zu den besten Sachen des Lebens wie lebhafte Gespräche und Inspiration, wie zu zusammen lachen, lieben, weinen und noch sehr viel mehr.

Die deutsche Literatur, Kunst und Film haben das häufig als Haupt- oder Nebenthema und sind damit nicht alleine auf der Welt. Leider hat ein Teil der deutschen Weinszene diese grundlegenden Motive über Bord geworfen und einem noch größeren Teil rutschten sie wie schlecht gesicherte Ladung über die Reling. Für all diese Weinerzeuger reicht ein guter Geschmack, der viele kritische Konsumenten erfreut, nicht mehr aus. Sie wollen heilige Authentizität um jeden Preis. Notfalls – siehe Jahrgang 2013 – muss auch schlechter Geschmack dafür im Kauf genommen werden. Für manche GGs des Jahrgangs 2013 muss man richtig leiden, weil der Neue Deutsche Wein eben echter hardcore ist und sein soll. Herzlich willkommen auf dem steinigen Weg der GGs!

 

One Response to WEINHIER (neu!)

  1. Ralf Jasper says:

    Hallo lieber Stuart Pigott,
    wie entlastend und erholsam das doch ist, was sie geschrieben haben. Da ist der Wein aus Deutschland auf einem so guten Weg und überall kann man Weine für kleines Geld bekommen, die einem die Augen Strahlen lassen, weil hier mit Frucht, Säure, Mineralität und Frische gespielt wird, dass der Mund gar nicht weiß, wo er zuerst hinschmecken soll. Und kaum ist das so, bilden sich schon wieder Werte heraus, die steif und mit deutschester Konsequenz verfolgt werden und schon wieder vertraut man NICHT seiner Zunge, sondern dem Diktat der großen Namen, selbst, wenn die manchmal einfach nur sauer sind.
    Solche Erlebnisse hatte ich vor Kurzem mit dem 2013er Liter-Riesling aus dem Hause Reichsrat von Buhl und leider, leider auch mit dem 2013er Riesling von Katharina Wechsler. Die Weine aus 2012 waren allesamt herrlich und von einem so unprätentiösem Stil, bei reinem Sortentypus und schönstem Trinkfluss, dass ich die 2013er Scheurebe und den Riesling gleich nach Abfüllung geordert habe. Die cheurebe hat sich inzwischen etwas gesetzt. Sie ist jetzt filigran, frisch und spritzig mit schönen eindeutigen Fruchtaromen nach Grapefruit. Aber der vielgelobte (von der Winzerin selbst am meisten) Riesling ist schlicht nicht zu trinken… Schade. Ich warte noch eine Weile und melde mich wieder. Vielleicht beruhigt er sich ja noch…?!

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