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WEINHIER – Jancis Robinsons neue Riesling-Skepsis

In Ontario/Kanada ist Riesling dabei Chardonnay zu überholen und Qualitäts-Weißweintraube Nummer eins zu werden! 

Jancis Robinson ist für mich die beste Weinkritikerin der Welt. Nicht weniger als ich, aber doch viel länger, hat sie unermüdlich die Besonderheiten und Vorzüge des Rieslings angepriesen. Den Glauben an die Erfolgschancen von Rieslings hat sie aber offenbar inzwischen verloren. So zumindest schreibt sie es auf www.JancisRobinson.com . Sie kommt zu folgendem Schluss: „…Mehr und mehr wird mir klar, dass Riesling eine zu ausgeprägte Persönlichkeit hat, um genug Konsumenten, die eine globalen Zugkraft garantieren. Das Problem ist, dass im Gegensatz zu Chardonnay und Pinot Grigio, Riesling einen zu eindringlichen Geschmack hat.“ Und weiter: „Wenn ich die internationalen Verkaufszahlen anschaue, muss ich sagen, dass nur die Weintrinker in Norwegen die Vorzüge des Rieslings wirklich verstehen.“

Mein Kommentar dazu in englischer Sprache hat für ein gewisses Aufsehen in Amerika gesorgt, weshalb wir jetzt eine deutschsprachige Fassung davon bringen.  Die folgenden Zeilen sind keine vollständige Antwort auf die Thesen von Jancis Robinson – das würde viel mehr Platz und eine Menge statistischer Analyse nverlangen. Vielehr will ich zeigen, dass man die gegenwärtige Situation ganz anders sehen kann. Aus meiner Sicht gibt es sehr wohl den PLANET RIESLING. Unter diesem Titel erscheint bald im Tre Torri Verlag die deutschsprachige Fassung meines Buchs BEST WHITE WINE ON EARTH – The Riesling Story.

Hier meine Antwort auf Jancis Robinsons Frage „Riesling – wird er je richtig erfolgreich werden?“

Schon der Titel zeigt, dass sie die Chancen unserer Lieblingsrebsorte sehr skeptisch beurteilt, ein Eindruck, der durch den Text vollständig bestätigt wird. Zufällig habe auch ich in den letzten Wochen viel darüber nachgedacht, warum Riesling in bestimmten Märkten nicht besser läuft. Deshalb kam dieser Anstoß gerade recht, um meine Gedanken dazu mal aufzuschreiben.

Riesling scheint mir sehr vielseitig zu sein – in Bezug auf seine Geschmacksvielfalt, die von federleicht bis tonnenschwer, von knochentrocken bis honigsüß reicht und jede denkbare Kombination dieser Charakteristiken einschließt. Und diese Vielfalt differenziert sich weiter, in Abhängigkeit von den verschiedenen Menschen, die an den verschiedensten Orten der Welt Riesling produzieren oder konsumieren.

Schauen wir auf die Produktionsseite: Die Statistiken über die Anbauflächen erzählen in jeder Weinbauregion und -nation, in der Riesling eine bedeutende Rolle spielt,  ihre ganz eigene Geschichte.

In Australien beispielsweise ist die Rieslinganbaufläche im vergangenen halben Jahrhundert bemerkenswert stabil geblieben, trotz des Wandels bei Image, Marketing, und Stilistik, den die australische Weinindustrie in den letzten Jahrzehnten mit enormen Fluktuationen nach unten wie nach oben vollzogen hat. Dabei blieb „knochentrocken“ die vorherrschende Geschmacksrichtung dieser Rebsorte. Riesling scheint ein so unverrückbarer Bestandteil der australischen Landschaft wie der Uluru (aka Ayers Rock). Kein anders Land auf dem Planeten Wein bestätigt dieses Modell. In keinem anderen Land auf dem Planten Wein liegen die Dinge so klar.

Vollständig anders ist die Situation in Amerika. Dort geriet der Riesling in den 70er und 80er Jahre gegenüber Rebsorten wie Chardonnay oder Merlot, deren Popularitätswerte wie Anbauflächen dramatisch wuchsen, weit ins Hintertreffen. Doch seit der Jahrtausendwende gewann Riesling weitgehend unterhalb des dem öffentlichen Radars wieder kräftig dazu. Dazu bedurfte es dreier Zutaten: ein dramatisch verbessertes winemaking, das Aufkommen vinophiler grass root Interessen (auch außerhalb der coolen West- oder Ostküsten-Metropolen) sowie ein gesunder Schuss Guerilla-Marketing. In dieser Geschichte steckt jedenfalls alles drin über amerikanischen Innovationsgeist.

Gewiss, es gibt globale Trends in Sachen Weinkonsum. Aber wenn exakt dieselben Weine rund um den Globus getrunken werden, dann werden sie doch auf sehr unterschiedliche Weise in unterschiedlichen Kulturen konsumiert. Was auch bedeutet, dass dieselben Weine für diese sehr heterogene Gruppe von Weingenießern sehr unterschiedliches bedeutet.

Deshalb zweifle ich an Jancis Robinsons Schlussfolgerung, nach der die weltweite Riesling-Blase (die es ohnehin nur in einigen Regionen gab) geplatzt sei, weil (wie sie schreibt) Riesling eine zu starke Persönlichkeit habe, um auf genug Konsumenten zu wirken, damit diese Rebsorte eine globale Zugkraft entfalten könne. Zwar stimmt es, dass Riesling zuletzt nicht in jedem Markt gewachsen und mancherorts aufgrund wechselnder Moden und Vorlieben sogar ein bisschen zurückgefallen ist. Aber selbst an solchen Orten ist es nicht schwer,  zumindest Elemente des weltweiten Riesling-Netzwerks zu finden, wie man im Planet. Und genau darum wie um die Weine der besten Weißwein-Rebsorten auf Erden geht es in diesem Blog und in meinem Buch PLANET RIESLING.

 

Globalisierung im Sinne von globalem Handel geht auf die Zeit von vor 450 Jahren zurück (lesen Sie dazu Charles C. Manns Buch: 1493. Uncovering the New World Columbus created. Verlag Knopf , New York 2011). Aber erst die technischen Möglichkeiten des elektronischen Zeitalter haben die Bedeutung des Begriffs „sehr schnell“ dramatisch verändert. Doch selbst im 21. Jahrhundert ist Wein ein schwerfälliges Transportgut. Schon allein deshalb ist es bemerkenswert, dass Wein Teil der Social Media-Popkultur wurde. Noch außergewöhnlicher ist der Umstand, dass Riesling hier besonders erfolgreich ist, obwohl er nicht mal ein Prozent der weltweiten Rebfläche ausmacht. Im Vergleich dazu ist Cabernet Sauvignon kein auffälliges Phänomen im Bereich Social Media. Vielmehr ist es so, dass das Image dieser Weine in rigide hierarchische Strukturen eingesperrt ist, und deshalb im Netz kaum virale Aufregung zu verbreiten vermag. Ich bin sicher, dass die Nicht-Existenz einer globalen Community von Cabernet-Erzeugern (anders als bei Pinot Noir oder Riesling) , die hohen Preise für viele dieser Weine und das elitäre Gehabe um sie diesen Effekt verstärken.

Genau deshalb ist Riesling mit seinen vielfältigen Genussmöglichkeiten und stilistische Interpretationen so hervorragend geeignet, um die verschiedensten Menschen an den unterschiedlichsten Orten miteinander zu verbinden. Die Tatsache, dass seine Preise grundsätzlich moderat sind und sich seine Erzeuger weltweit frei und offen austauschen, verstärkt den Eindruck, dass Riesling ein demokratischer Wein ist.

Nur ältere Konsumenten, für die Riesling süß und langweilig schmeckt, sowie jüngere, statusorientierte Weintrinker, die ihre Prägungen von der älteren Generation beziehen (weil sie sich, wie ich vermute, in ihren Urteilen sicher fühlen will) scheinen komplett unfähig, einen neuen Zugang zu Riesling oder eine positive Interpretation dieser Rebsorte zu finden. Und in diesem Punkt hat Jancis Robinson recht: Sie selbst wie auch andere Weinautoren haben nur einen äußerst geringen Einfluss auf diese tiefsitzenden Vorurteile.

Warum aber klammern sich diese Konsumenten an eine derart altmodische Vorstellung von Riesling? Ich glaube, es liegt daran, dass viele dieser überwiegend männlichen Konsumenten in einer machohaften Art an ihren Überzeugungen festhalten; das heißt, sie trachten danach, den sehr bestimmenden Eindruck zu erwecken, über Wein absolut Bescheid zu wissen. Statt „Wissen“ verbreiten sie aber eine Vorstellung Wein, die aus einer vergangenen Weinwelt (meist die des späten 20. Jahrhunderts) stammt, sehr an damals herrschende Geschmacksnormen angepasst ist, wonach erst Chardonnay und dann die „großen“ Rotweine dominierten. Je mehr Parker-Punkte, desto klarer das Urteil, obwohl sich die Weinmoden und -stile seither in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt haben (z.B. in Richtung Eleganz, mehr geschmacklich trockene Weißweine und weniger tieffarbige Rotweine). In Anlehnung an den kanadischen Medientheoretiker Marshall MacLuhan könnte  man sagen: Die meisten von uns betrachten die Welt am liebsten wohlig durch den Rückspiegel als durch die Frontscheibe.

Fazit: Je mehr sich ein Individuum, eine Gruppe oder eine Kultur für den Geschmack von Wein öffnet (und zulässt, was der spezifische Charakter eines Weins mit einem anstellt), desto größer ist die Neigung zu Riesling. Je mehr Weinkonsumenten aber bestimmt sind von Status-Vorstellungen und einem klar definierten äußeren Erscheinungsbild, desto härter der Kampf, den diese Weine ausfechten müssen, um sich durchzusetzen und in extremen Fällen läuft das auf die Besteigung der Eiger-Nordwand hinaus. So lautet Pigotts Gesetz der Status-Weine.

Vielleicht liegt hier der Grund, dass sich Riesling in Norwegen so gut durchgesetzt hat, wie auch Jancis betont. Es lohnt jedenfalls, einen genaueren Blick auf Norwegen zu werfen. In dem von den Vereinten Nation erstellten Human Development Index 2014 nimmt Norwegen den ersten Platz ein – verglichen mit 5. Platz für Amerika und dem 14. für Großbritannien. Die Economist Intelligence Unit erstellt alle zwei Jahre einen Demokratie-Index, und da belegt Norwegen für das Jahr 2012 ebenfalls Patz eins (Großbritannien ist 16., die USA sind 21.). In dem Ranking der Pressefreiheit, das die Organisation Reporter ohne Grenzen erstellt, rangiert Norwegen auf Platz drei (Großbritannien ist 33., die USA sind 46.). Als ich 2007 Norwegen bereiste, fand ich bestimmt nicht alles dort toll, aber das Klima der Offenheit von so vielen Menschen hat mich sehr beeindruckt. Das ist genau die Luft, die Riesling zum Atmen braucht und in der er aufblüht.

Nur am Rande möchte ich bemerken, dass keiner der weltweit führenden Riesling-Erzeuger je Probleme hat, jedes Jahr ausverkauft zu sein,. Ich muss schon ziemlich hinterher sein, um Weine direkt bei deutschen Winzern wie Helmut Dönnhoff in Oberhausen (Nahe) und Klaus-Peter Keller in Flörsheim-Dalsheim (Rheinhessen) zu kaufen, bei ihrem australischen Kollegen Jeffrey Grosset, Clare Valley oder bei Hermann J. Wiemer, Finger Lakes (Upstate New York).

 

 

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WEINHIER – Gunderloch 2013 Rothenberg GG über Alles

Martin Zwick führt in Berlin einen Wein-Salon, in dessen Rahmen aus Fachleuten und Weinfans zusammengesetzte Jurys die jahrgangsbesten Riesling GGs, Gutsrieslinge, Riesling-Kabinett-Weine und Spätburgunder GGs küren. Außerdem  schreibt Martin Zwick für seinen Wein- und Genussblog http://berlinkitchen33.wordpress.com. Heute berichtet er als Gastautor über den BerlinRiesling Cup 2014, bei dem einige der besten 2013 GGs  blind verkostet wurden. Meine Meinung deckt sich nicht immer mit der von Martin Zwick.

Stuart Pigott

Am 28. September fand wieder der alljährliche “BerlinRieslingCup” statt. Ich präsentierte 36 Top Trockene Rieslinge des Jahrgangs 2013 einer Gruppe von Sommeliers, Journalisten, Weinhändler, Blogger und Riesling-Liebhaber.

Aber wie hat alles angefangen?! Es begann in 2007 mit einem Probenpaket vom Weingut Keller aus Rheinhessen. Natürlich wollte ich die Grossen Gewächse nicht alleine trinken, sondern hab mir dann Freunde dazu eingeladen. Über die Jahre sind es dann mehr Weine geworden und auch die Jury hat sich verändert. Sie wechselt jedes Jahr aufs Neue. Die flights werden übrigens inzwischen von einem externen Experten zusammengestellt, zuletzt Caro Maurer/MW, David Schildknecht/Ex-WA, Sascha Speicher/Meininger Verlag, Carsten Henn/VINUM etc. Die Weine werden blind in 2er flights serviert und jedem Verkoster stehen 2 ZALTO Universalgläser zur Verfügung. Die Weine werden in der Regel ein Tag vor der Verkostung geöffnet, einfach nur die Korken gezogen.  Die Weine suche ich auf Basis meiner Verkostungen bei der VDP-GG-Vorpremiere Ende August in Wiesbaden und Berlin aus. Dazu kommen noch Anregungen von Freunden bzw. Journalisten und unbekannte Jungwinzer gebe ich auch immer die Chance sich zu bewähren.

Beim “BerlinRieslingCup” präsentierten sich sämtliche Großen Gewächse 2013 durch die Bank als würdige Vertreter ihrer Gattung und in der Spitze sind ein paar richtig große Weine entstanden.  Es sind präzise, pure, bodengeprägte Langstreckenläufer mit prägnanter Säure. Niemand am Verkostungstisch klagte über zu viel Säure oder zu wenig Extrakt. Der Jahrgang reiht sich ein in die Reihe großer kühler Jahrgänge wie 2004&2008&2010. Alle drei Jahrgänge brillieren immer wieder bei großen Vertikalen. Zuletzt vor einem Monat bei einer GG-Vertikale der Weingüter A. Christmann, Rebholz, Wittmann und auch vor 1-2 Jahren bei Keller in Rheinhessen.

Gewinner-Region war eindeutig Rheinhessen. Interessanterweise scheint dieser Jahrgang ein Jahr des Rotliegenden zu sein. In vielen Jahrgängen zuvor waren stark kalkhaltige Böden die Top-Scorer beim Berlin Riesling Cup. Dieses Jahr gingen die Gold-, Silber- und Bronzemedaillen an Rieslinge, die auf rotem Schiefer / Rotliegendem gewachsen sind. Diese Böden heizen sich tagsüber richtig auf und geben in der Nacht die Wärme wieder ab. In heißen Jahrgängen ist das gelegentlich zu viel des Guten, doch in kühleren Jahrgängen wie 2013, wo Trauben und Winzer um ihre vollständige physiologische Reife kämpfen müssen – ein klarer strategischer Vorteil.

Klarer Gewinner  war das rheinhessische Weingut Gunderloch mit dem 2013 “Rothenberg” GG. Der junge Johannes Hasselbach stürmt mit Verve nach vorne.

Hier die Ergebnisliste der besten 20 Trockenen Rieslinge aus 2013:

1 Gunderloch Rothenberg GG

2 Kühling-Gillot Rothenberg GG

3 Emrich-Schönleber Frühlingsplätzchen GG

4 Wagner-Stempel Höllberg GG

5 Kühling-Gillot Pettenthal GG

6 Keller Westhofen (Ortswein)

7 von Winning Kalkofen GG

8 Karl Haidle Pulvermächer GG

9 Keller Morstein GG

10 Wittmann Brunnenhäuschen GG

11 Dönnhoff Hermannshöhle GG

12 Keller Pettenthal GG

13 Pfaffmann-Wageck Goldberg

14 Jakob Jung Siegelsberg GG

15 Dr. Loosen Erdener Prälat GG

16 Reichsrat von Buhl Ungeheuer GG

17 Emrich-Schönleber Halenberg GG

18 Robert Weil Gräfenberg GG

19 Schlossgut Diel Burgberg GG

20 Heymann-Löwenstein Uhlen Laubach GG

Es gab natürlich auch Weine die sich an dem Abend nicht so stark präsentierten, wie zuletzt noch vor 3-4 Wochen. Aber so ist das manchmal mit großen Weinen bzw. wie der österr. Winzer  Lucas Pichler es mal so treffend formuliert hat  “Große Weine müssen nicht immer und zu jeder Zeit gut sein”. Zu erwähnen wäre da der  ”Schwarzer Herrgott” von Battenfeld-Spanier, “Morstein” von Wittmann, “Burgberg” von Schlossgut Diel,  ”Idig” von A. Christmann etc.  In 10 Jahren könnten sie allerdings vorne mitspielen. Es gab auch Weine die an dem Abend polarisierten, wie jedesmal das “Felseneck” von Schäfer-Fröhlich. Dessen Sponti-Noten sind typisch für die Rieslinge von Tim Fröhlich, in diesem Jahrgang treten sie noch prägnanter auf wegen der niedrigen pH-Werte des Jahrgangs. Aber keine Sorge, das Kind schielt nicht, es muß so gucken. Die Rieslinge von Schäfer-Fröhlich sind extreme Langstreckenläufer und werden sich bestens entwickeln.

Die Jungwinzer haben sich ebenfalls  prächtig geschlagen, Platz 8 für das Weingut Karl Haidle mit dem “Pulvermächer” GG aus Württemberg, Platz 13 für Wageck-Pfaffmann “Goldberg” aus der Pfalz und auch Katrin Wind “Kalmit” ebenfalls aus der Pfalz wird noch für viel Furore sorgen.  Positiv auch das Erscheinungsbild der Region RHEINGAU. Da geht jetzt endlich die Post ab. Die Weingüter Achim von Oetinger, Jakob Jung, Balthasar-Ress und auch die Etablierten wie Weil, Schloss Johannisberg etc. geben richtig Gas.

Und noch ein paar Worte zum Jahrgangs- bzw. GG-Verriss. Vollkommener Quatsch! JA, die 2013er sind in diesem frühen Stadium nicht einfach zu verkosten, sie wirken manchmal doch recht unnahbar bzw. abweisend. Und natürlich ist nicht alles Gold was glänzt, aber in der Spitze gibt es herausragende Rieslinge in 2013.

Fotos: Markus Vahlefeld

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WEINHIER – Wie zwei Moselwinzer die Herausforderungen des Jahrgangs 2013 meistern von Frank Ebbinghaus

Man mag es ja nicht ständig wiederholen, obwohl man ja doch immer mit der Nase drauf stößt, wenn man sich einen Wein des aktuellen Jahrgangs eingeschenkt hat: 2013 war schwierig, sehr schwierig sogar. Was eigentlich nichts anderes bedeutet als: ziemlich unübersichtlich. Da gibt es brachiale Interpretationen von Terroirweinen, die derzeit keine Freude bereiten. Dann aber auch Weingüter, deren Erzeugnissen man nichts anmerkt von Reifeproblemen, Säureschauern oder Fäulnisdruck. Winzer, deren Kollektionen wunderbar strahlen, keinen Schwachpunkt aufweisen und jedem Weinfan nur dringend ans Herz gelegt werden können. Obwohl diese Erzeuger von sich nicht behaupten können, 2013 meteorologisch begünstigt gewesen zu sein. Nein, auch sie mussten große Opfer in Kauf nehmen. Aber sie haben dabei vor allem an ihre Kundinnen und Kunden gedacht. Und alles daran gesetzt, ihnen die bestmögliche – und genussreichste – Qualität zu offerieren.

Die Opfer sind womöglich dort am größten (und schlagen betriebswirtschaftlich am schwersten ins Kontor), wo die Rebfläche am kleinsten ist. Small mag ja beautiful sein. Aber 2013 war es der Horror. Christoph Schaefer (rechts im Bild oben, links sitzt Vater Willi), Junior-Chef des renommierten Weinguts Willi Schaefer (Graach/Mosel) hat das bei meinem Besuch im Juni 2014  so nicht gesagt, aber ab und an vielsagend süß-sauer gelächelt. Ein Blick auf die Weinpreisliste spricht Bände: Sie stammt von März 2014 und trägt hinter jeder Position den Vermerk „ausverkauft“, obwohl die Weine erst ab 1. Juli 2014 verfügbar waren – ein dramatisches Zeichen großer Ertragseinbußen. Das Große Gewächs oder überhaupt einen trockenen Wein sucht man vergebens. Das ist das Resultat einer Qualitätsphilosophie, die im Krisenjahr auf die Kernkompetenz eines  Betriebs setzt, dessen Rebfläche gerade mal vier Hektar beträgt: Rieslinge mit natürlicher Restsüße, welche die heftige Säure des Jahrgangs balanciert. Eingriffe im Keller, die die Säure mindern, sind hier verpönt. Die klassische Mosel-Nummer also, die sich bereits bewährte, als man in Zeiten vor dem global warming bei der Weinlese mitunter im Schnee stand.

Immerhin gelang es, aus den beiden Graacher Lagen Himmelreich und Domprobst je einen Kabinett, eine Spätlese und eine Auslese zu erzeugen. Dazu kommen noch der Graacher Riesling feinherb (halbtrocken) sowie eine zweite Auslese aus dem Domprobst. Das alles – wie gesagt – in Kleinstmengen.

Wenn man die 2013er Rieslinge von Willi Schaefer probiert, dann spürt man den kalten Hauch des Jahrgangs. Aber mehr Krise findet im Glas definitiv nicht statt. Alle Weine haben neben ihrer säurebetonten, zupackenden Mineralität herrlich reife Fruchtnoten und eine wunderbare Balance – klassische Mosel-Rieslinge von großer Eleganz. Die Weine aus dem Graacher Himmelreich sind im Moment offener, verführerischer, sie schmecken mitunter etwas reifer als die aus dem Domprobst. Das ist eigentlich in jedem Jahrgang so, den ich bisher verkosten durfte. Aber in so einem kühlen, säurestarken Jahr wie 2013 zeigen die Himmelreich-Weine doch mehr Eleganz als in heißen Jahren – das gefällt mir sehr gut.

Die Zeit der Domprobst-Weine wird freilich kommen – soviel ist sicher.  Sie wirken noch sehr verschlossen, selbst der Kabinett, lassen jedoch keinen Zweifel daran aufkommen, was in ihnen steckt: echte Größe. Die 2013 Graacher Domprobst Spätlese riecht extrem mineralisch, fast erdig und überrascht am Gaumen mit sehr reifer Weinbergspfirsich-Frucht , Schiefer- und Kräuteraromen. Da ist viel Leben in der Bude, das sich im Moment schwer in Worte fassen lässt. Es geht ständig hin und her. Die 2013 Graacher Domprobst Auslese -11- duftet ebenfalls etwas erdig, aber auch nach Orangen und ihren Schalen, verfügt über eine hohe Reife und eine enorme Länge, wobei Säure und Gäraromen (noch) deutlich spürbar waren. Ein großer Wein ist die Graacher Domprobst Auslese -14-, die viel Frucht andeutet, vor allem aber mit ihrer aromatisch sehr klaren und hoch eleganten Stilistik besticht, die Säure war bereits perfekt in ein mineralisches Geschmacksbild integriert – großes Kino.

Die Gesetze der Marktwirtschaft sind bei den Schaefers außer Kraft gesetzt. Denn  eigentlich müssten die Weine mit ihrer herausragenden Qualität aufgrund der sehr geringen Menge um einen erheblichen Faktor teurer sein. Aber so funktioniert das Geschäft mit deutschem Riesling – Mosel-Riesling zumal – eben nicht. Die Vor- und Nachteile sind hier klar verteilt. Aber bei den bescheidenen Preisen für diese Weine muss man hoffen, dass ein winziger Qualitätsbetrieb wie dieser in naher Zukunft von einem ähnlichen Desaster verschont bleibt.

 

70 Kilometer moselaufwärts standen Ruth, Dorothee, Hanno Zilliken (links, rechts und mitten im Bild oben) vom Weingut Forstmeister Geltz-Zilliken (Saarburg/Saar) vor ähnlichen Problemen, kamen aber zu anderen Schlüssen. Der Elf-Hektar-Betrieb verfügt zwar über mehr Wein. Doch die jahrgangsbedingten Lücken klaffen erheblich: Es gibt kein 2013 Rausch GG, keinen feinherben Spitzenwein Diabas und – was für diesen Spezialisten für Weine mit natürlicher Traubensüße besonders schmerzlich ist – keine Spät- und Auslesen oder noch höhere Prädikate. Lediglich sieben Weine stehen auf der Liste. Teuerste Abfüllungen sind der 2013 Bockstein Riesling Kabinett und der 2013 Rausch Riesling Kabinett. Sie kosten geraden mal 14 Euro ab Weingut. Und doch zeigte Hanno Zilliken, den ich im Juni auf dem Weingut besuchte, keine Anzeichen von Enttäuschung oder Bitterkeit. Als „alter Hase“ unter den Saar-Winzern hat er gewiss schon andere Katastrophen erlebt. Aber vor allem kann er sehr stolz sein auf die Qualität seiner 2013er Rieslinge. Der 2013 Zilliken Riesling trocken gehört mit seinem feinen Blütenduft, der reifen, stoffigen Pfirsichfrucht, die von einer rassigen Säure balanciert wird, zu den besten Gutsrieslingen des Jahrgangs in Deutschland.

In die beiden Ortsweine, den 2013 Saarburger Riesling trocken und den 2013 Saarburger Riesling feinherb, sind die wenigen Liter des Großen Gewächses bzw. des Diabas eingeflossen. Was mit dazu führt, dass diese Weine für ihre Qualitätsstufe schlicht superb sind. Wobei die trockene Version noch etwas verschlossen wirkt, mit betonter Rasse, aber großer Harmonie, der halbtrockene Wein super-süffig im besten Sinn, mit Blütendüften und ausgeprägtem Weinbergspfirsich-Aroma.

Wieder eine Bank für Genießer, die Riesling am liebsten inhalieren würden, ist der 2013 Zilliken Butterfly – ein Maul voll Wein und dennoch zart und schwebend, schade, dass der Sommer vorbei ist. Der 2013 Saarburger Riesling Kabinett macht mächtig was her für einen Ortswein, hat aber zwei Lagenweine als Konkurrenten, von denen zumindest einer noch besser ist. Während der 2013 Bockstein Riesling Kabinett betont reif und üppig auftritt, ohne seine Rasse zu verleugnen, und jetzt bereits viel Spaß macht, ist der 2013 Rausch Riesling Kabinett für die Zukunft eine Bank. Auch er ist sehr reif (für einen Kabinett eigentlich zu reif), verfügt aber über so viel kühle Rasse, dass im Moment noch alles sehr fest zusammen ist. Ich habe den Wein zu Hause über drei Wochen aus der offnen Flasche getrunken und kann sagen: Das letzte Glas war das allerbeste.

Die Zillikens sind große Freunde gereifter Rieslinge. Und sie halten ihren Kunden immer einige Abfüllungen vor, die sie erst dann verkaufen, wenn sie den Zeitpunkt für gekommen halten. Allein dafür kann man sie nicht hoch genug wertschätzen – man stelle sich das mal im Burgund vor. Den dortigen Top-Winzern sind ihre Privatkunden unterhalb einer gewissen Yacht-Länge scheißegal.

Die Zillikens aber haben Lücken im 2013er Sortiment durch große Saar-Rieslinge älterer Jahrgänge kompensiert. So gibt es aus dem Vorgängerjahrgang eine unglaublich verführerische, nach Tropenschwüle duftende und schmeckende 2012 Rausch Riesling Spätlese. Aus einem für Weine dieser Art großen Jahrgang bieten sie eine 2010 Rausch Auslese -6- und eine 2010 Rausch Auslese -4-, die aromatisch schwer und schwebend zugleich den ganzen Wahnsinn dieses Jahrgangs perfekt verkörpern. Weit älter, aber sehr jugendlich schmeckend landete die 1995 Saarburger Rausch Auslese 1-96 auf der Karte, welche die ganze Sinnlichkeit und Finesse eines ausgezeichneten, klassischen Saar-Riesling-Jahrgangs verkörpert.

So wird aus der Not eines knappen Angebots eine Tugend. Und mancher Wein-Fan hat nun endgültig keinen Grund mehr, um gereifte Rieslinge einen Bogen zu machen. Zu was doch so ein schwieriger Jahrgang gut sein kann.

 

 

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WEINHIER – Der 2013 Riesling GG-Shitstorm

DER 2013 RIESLING GG-SHITSTORM von Stuart Pigott

Wie so oft in unsere Welt geht es auch auf dem Planeten Wein manchmal gleichzeitig um eine Sache selbst und um ganz andere Dinge. Zweifelsohne haben viele der trockenen 2013er „Große Gewächse“ (GGs) von den Mitgliedern des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) gerade ein wohl verdiente Kritik geerntet. Leider gibt es unter der neuen Elite des trockenen deutschen Weißweins in diesem Jahrgang eine ganz Reihe schwacher Weine und einige schwer enttäuschende Gewächse für Preise jenseits von 30 Euro. Das wurde so laut gesagt und so deutlich geschrieben, dass kaum ein weininteressierter Mensch in Deutschland es nicht mitbekommen hat. Die Weinkritik wurde seit Jahren für tot erklärt, aber jetzt wirkt sie plötzlich verdammt lebendig und tatkräftig!

Beim Wein gibt es die gleiche erbarmungslose Regel wie  bei allen anderen Luxusgütern: je größer die Kluft zwischen den Qualitätsversicherungen eines Produzenten und den wahren Eigenschaften seines Produkts, desto heftiger fällt der kritische Rückstoß aus. Manchmal muss man lange auf diese Reaktion warten, bei den 2013er GGs ging es jedoch sehr schnell. Seit der ersten offiziellen Präsentation der Weine Ende August in Wiesbaden wurde die Quittung für die Selbstgefälligkeit des VDP geliefert. Jetzt herrscht gar ein Shitstorm um die kritisierten Weine.

Aber jede Story hat eine Backstory, und die Backstory zu den 2013er GGs liefern die GGs aus den Jahrgängen 2012 und 2011. Das waren allgemein zwei sehr gute Jahrgänge für den deutschen Weißwein (aber auch für den deutschen Rotwein),  und viele GGs beider Jahrgänge wurden zu Recht bejubelt. Zwar gerieten die sehr kräftigen und konzentrierten 2011er durch die sehr charmanten und eleganten 2012er ein wenig in den Hintergrund, aber wenn die besten 2011er ein paar Jahre mehr auf dem Buckel haben, wird ihre wahre Größe nicht mehr abzustreiten sein. Zwei tolle Jahrgänge in Folge führten aber bei Kritikern wie Konsumenten zu einem gesteigerten Bedürfnis nach kritischen Worten. Sie waren also ein Nebenprodukt der Lobeshymnen über diese Weine. Oder ist es wirklich realistisch, dass jeder Jahrgang den Vorgänger übertrifft? Für manche Weinfachleute und Weinfreaks kamen die 2013er Weine wie gerufen zum pauschalen Schlachten: weg damit!

Mit den Jahrgängen 2011 und 2012 tischten die Mitglieder des VDP eine nie zuvor erreichte Zahl von sehr beeindruckende trockenen Weißweinen auf. Damit legten sie die Messlatte für die 2013er Weine sehr hoch, wobei viele der VDP-Winzer selber hätten merken müssen, dass die 2013er nicht immer die nötige Qualität und Eigenart für GG haben. Aber nun hatte man die GG als neue, teure Produkte erfolgreich am Markt eingeführt und viele Kunden heiß darauf gemacht. Jetzt wollte man unbedingt schnell einen Nachfolger liefern können, damit die Erfolgsgeschichte nicht abreisst. Dabei wurde oftmals zu sehr auf die Ausdrucksstärke (Terroir muss sein!) des Weins geachtet ohne Rücksicht auf seine  Harmonie. Damit haben diese Winzer den Kritikern die Munition zugespielt und den Shitstorm förmlich herbeigerufen.

Wer Geduld hat und die Entwicklung der besseren, aber noch unfertig schmeckenden 2013er GGs lange genug  verfolgt, wird feststellen, dass in ihnen eine Menge Substanz steckt. Wie die Weine des ähnlich strukturierten,  aber nicht ganz so ausdrucksstarken Jahrgangs 2008, werden sich die besten Weine aus 2013 sehr gut auf der Flasche entwickeln. Hier denke ich vor allem an die Weine von Gut Hermannsberg in Niederhausen und Schäfer-Fröhlich in Bockenau (beide Nahe) oder an Wittmann in Westhofen/Rheinhessen. Das sind Langläufer-Weine, die momentan noch etwas ruppig daher kommen. Bis sie sich beruhigt und harmonisiert haben wird sich der Markt schon mit den 2014er Weinen beschäftigen. Diese 2013er Weine waren für manche Kritiker einfach Stinker, auch wenn vor ein oder zwei Jahre das gleiche Aroma als „Sponti“ (ein Zeichen der Spontangärung ohne zugesetzte Hefe) gefeiert wurde. Genauso geht es mit dem mineralisch-säurebetonten Geschmacksfinale vieler Weine, eine Eigenschaft, die als Zeichen von Authentizität häufig angepriesen wurde, aber jetzt manchmal geradezu verdammt wird, weil sie doch ein wenig aggressiv wirkt.

Der Jahrgang 2013 legt sehr deutlich eine Spaltung innerhalb des VDPs bloß. Ein Flügel vermarktet unter dem Namen „Großes Gewächs“ (im positiven Sinne) fruchtbetonte Weine, die eine gewisse Fülle mit einer ansprechenden Frische vereinen. Ein andere Flügel bietet möglichst langlebige Weine mit starkem Terroir-Charakter unter der gleiche Bezeichnung, wobei diese Winzer einige unattraktive Noten (Stichwort Reduktion, das Gegenteil von Oxidation) in der Jungend des Weins (jünger als zwei bis drei Jahre) in Kauf nehmen, weil sie ihre Weine auf eine optimale Entfaltung nach fünf bis 15 Jahren Lagerzeit und darüber hinaus konzipieren. Über einige unharmonische, säuredominanten 2013er GGs hatte ich bereits ausführlich geschrieben – sie sind hier nicht gemeint.

Zum Glück gibt es eine Reihe VDP-Weingüter, deren 2013er GGs schon jetzt  genug Charme aufweisen, um heute mit Genuss getrunken zu werden, die aber auch über genug Rückgrat verfügen, um sich viele Jahre sich fortentwickeln zu können. Hier eine Liste von den Gütern, wo alles stimmt.

Fritz Haag in Brauneberg/Mosel

Reinhold Haart in Piesport/Mosel

Dr. Loosen in Bernkastel/Mosel

Heymann-Löwenstein in Winngen/Terrassenmosel

Dönnhoff in Oberhausen/Nahe

Emrich-Schönleber in Monzingen/Nahe

Franz Künstler in Hochheim/Rheingau

Achim von Oetinger in Erbach/Rheingau

Fred Prinz in Hallgarten/Rheingau

Robert Weil in Kiedrich/Rheingau

Kühling-Gillot in Bodenheim/Rheinhessen

Winter in Dittelsheim-Hessloch

Acham-Magin in Forst/Pfalz

Pfeffingen in Bad Dürkheim/Pfalz

Dr. Wehrheim in Birkweiler/Pfalz

Hans Wirsching in Iphofen/Franken

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WEINHIER – Von der Leichtigkeit des Säurefraßes: 2013 Riesling Kabinett von Frank Ebbinghaus

Riesling Kabinett von der Mosel mit natürliche Süße ist weltweit erfolgreich!

Der Jahrgang 2013 und Riesling Kabinett? Das könnte gut funktionieren. Jedenfalls scheint es ziemlich ausgeschlossen, dass diese Weine übermäßig reif oder gar fett daher kommen — wie es in warmen Jahrgängen leider häufig geschieht. Mit dem Prädikat Kabinett verbindet man leichte, feingliedrige, aber komplexe Weine mit geringem Alkohol und viel Trinkspaß. Zugleich sind es meist echte Terroirweine, oft aus großen, berühmten Lagen und in dieser besonderen Kombination aus Leichtigkeit, Verspieltheit (durch das Zusammenspiel feiner, natürlicher Restsüße mit  Säure und Mineralität), kühler Finesse und großer Individualität eine echte deutsche Spezialität. Der für Robert Parker schreibende Weinkritiker Stephan Reinhardt hat in der Süddeutschen Zeitung vorgeschlagen, Riesling Kabinett zum Weltkulturerbe zu erklären. Das erschient allenfalls jenen Weintrinkerinnen und -trinkern abwegig, die an einem weichen, warmen Sommerabend noch keinen erstklassigen Riesling Kabinett vorzugsweise von Mosel, Saar oder Ruwer im Glas hatten.

Riesling Kabinett ist etwas aus der Mode gekommen. Die Weine sind nicht richtig trocken, aber auch nicht so fruchtsüß wie Auslesen etc. Doch gerade die Klimaerwärmung, die in den vergangenen Jahren den Weinen von Natur aus eine hohe Reife mitgab, hat bei viele Weinfreundinnen und -freunden den Wunsch nach erfrischenden, knackigen Weinen dieser Stilistik neu erwachen lassen. Es gibt also gute Gründe, einer großen Riesling Kabinett-Vergleichsprobe beizuwohnen und die Weine dieses Typs aus dem Jahrgang 2013 kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Wein-Aficionado Martin Zwick führte Samstagabend die Leistungsschau „BerlinKabinettCup“ durch. 32 Riesling Kabinettweine, die blind verkostet wurden, stritten um die Krone des besten dieser Art. Bis auf drei Weine kamen alle Probanden von Mosel, Saar oder Ruwer, was als Hinweis darauf verstanden werden kann, dass dieser Weintyp in den eher kühlen, steilen Schieferlagen besonders gut gedeiht. Allerdings gibt es auch im Rheingau, an der Nahe und in Rheinhessen einige echte Spezialisten, die gestern leider nicht am Start waren, vereinzelt wohl auch, wie im Fall eines sehr berühmten rheinhessischen Winzers gemunkelt wurde, weil man sich allzu geringe Siegeschancen ausrechnete.

Aber wichtiger als die Kür eines Siegers (es gewann der 2013 Karthäuserhofberg Riesling Kabinett vom Weingut Karthäuserhof/Ruwer) war der zwiespältige Eindruck, den die Probe hinterließ: Wie bei den trockenen Großen Gewächsen kämpften zahlreiche Weine mit einer scharfen Säure um Reife und Balance.

Was zur Folge hatte, dass ich etwa zur „Halbzeit“ der Probe das Gefühl hatte, ein Loch hätte sich in Zunge und Gaumen gebrannt. Schon aus Selbsterhaltungsgünden habe ich jene Weine höher bewertet, die Reife und Balance nicht vermissen ließen.

Es wurde verdeckt verkostet. Und groß war mein Erschrecken, als ich beim Aufdecken feststellen musste, dass ich die Weine zweier absoluter Großmeister restsüßer Rieslinge komplett verrissen hatte. Nach der Probe habe ich aus den Resten, die in den Flaschen verblieben waren, nachverkostet. Doch der Befund bleib gleich. Der 2013 Schwarzhofberg Kabinett von Egon Müller (Saar) roch zwar reif, fruchtig und nach diesen eleganten Schiefernoten, die Egon Müllers weltberühmte Weine aus dem Schwarzhofberg so verführerisch und groß machen. Aber am Gaumen stellte sich recht bald eine schneidende Säure ein, die in einen überaus adstringierenden Abgang führte. Dieser Wein ist der mit Abstand teuerste der Probe. Er kostet im Handel knapp unter 50,- Euro!

Der andere sehr prominente Problemkandidat (sonst ebenfalls ein unübertroffener Meister des restsüßen Riesling Kabinett und persönlicher Favorit) war das Weingut Reinhold Haart (Piesport/Mosel)  und sein 2013 Piesporter Goldtröpfchen Riesling Kabinett. Die Nase umfing der Wein noch mit einem schönen Pfirsich-Aprikosenduft. Aber die extreme Säure ließ am Gaumen lediglich mineralische und medizinale Aromen zum Zug kommen, der Abgang war unangenehm adstringierend. Sehr seltsam. Nun muss man zur Ehrenrettung dieser beiden großen Winzer festhalten, dass eine solche Probe nur eine Momentaufnahme ist und dass komplexe Kabinettweine das Recht haben, sich über ein paar Jahre zu entwickeln, um ihr Bestes zu zeigen. Als Beispiel mag der 2009 Graacher Himmelreich Riesling Kabinett des Weingut J. J. Prüm (Wehlen/Mosel) gelten, der als „Pirat“ in diese Probe hinein gemogelt wurde. Der Wein strotzte neben seiner jahrgangsbedingten hohen Reife noch mit Aromen, die von der Spontanvergärung herrühren. Sehr unfertig, aber doch in ein paar Jahren gewiss sehr lecker.

Alles braucht also seine Zeit, auch beim Riesling Kabinett. Doch bezweifle ich, dass jetzt unreif und unharmonisch schmeckende Weine es je mit den besten Weinen der Probe werden aufnehmen können.

Es folgen meine Favoriten. Weil wir zur Punktevergabe genötigt waren, habe ich in meine Favoriten-Liste alle Weine aufgenommen, die zwei Punkte, also nur minimal auseinander lagen. Hinzugezogen haben ich einen Wein, der blind bei mir lediglich im vorderen Mittelfeld gelandet ist, den ich aber auf dem Weingut probiert und privat über drei Wochen getrunken haben und von dem ich finde: Es ist mindestens einer der besten Riesling Kabinett-Weine des Jahrgangs. Die Rede ist von der Saarburger Rausch Riesling Kabinett des Weinguts Forstmeister- Geltz-Zilliken (Saarburg/Saar).

Abschließend betone ich, was bereits in den vorangegangen Zeilen anklang: Die Weine, die mir nicht gefielen, müssen keinesfalls „schlecht“ der gar „fehlerhaft“ sein. Ich finde sie lediglich im Moment und vermutlich auch in den kommenden Jahren unharmonisch und im Wortsinn ungenießbar

Mag ich:

Goldloch Kabinett, Schlossgut Diel (Burg Layen/Nahe).

Erdener Treppchen Kabinett, Jos. Christoffel jr. (Ürzig/Mosel).

Wehlener Sonnenuhr Kabinett, Markus Molitor (Wehlen/Mosel).

Piesporter Schubertslay Kabinett, Julian Haart (Piesport/Mosel).

Dhroner Hofberg Kabinett, A. J. Adam (Neumagen-Dhron/Mosel).

Eitelsbacher Karthäuserhofberg Kabinett, Karthäuserhof (Trier-Eitelsbach/Ruwer).

Maximin Grünhäuser Abtsberg Kabinett, Maximin Grünhaus Schlosskellerei C. von Schubert (Mertesdorf/Ruwer).

Saarburger Rausch Kabinett, Forstmeister-Geltz-Zilliken (Saarburg/Saar)

Wehlener Sonnenuhr Kabinett, Dr. Loosen (Bernkasten/Mosel).

Graacher Domprobst Kabinett, Willi Schaefer (Graach/Mosel).

Mag ich nicht:

Schwarzhofberger Kabinett , Egon Müller Schwarzhof (Wiltingen/Saar).

Piesporter Goldtröpfchen Kabinett, Reinhold Haart (Piesport/Mosel).

Graacher Himmelreich Kabinett, Markus Molitor (Wehlen/Mosel).

Schloss Johannisberg Rotlack, Schloss Johannisberg (Geisenheim-Johannisberg).

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WEINHIER – Ich bin Riesling

Foto Bettina Keller

Bitte nicht falsch verstehen: Ich behaupte nicht, nur aus Wein zu bestehen, aber was wäre ich ohne den Wein? Vielleicht ein langweiliger Schuhverkäufer in einem langweiligen Vorort von London.

Ich bin am 26. Mai 1960 im Krankenhaus von Orpington in Südostlondon geboren und war ein sehr introvertiertes Kind. Mein Vater, Peter Malcolm Pigott (1935-1987) stieg 1960 in die Computer-Branche ein und meine Mutter Sheila Pigott (1935 -, geborene Pratt) hängte nach meiner Geburt den Beruf an den Nagel, um mich zu erziehen und zu verwöhnen. Meine Eltern waren oft von mir enttäuscht, weil ich ein mäßiger Schüler war. Dennoch deutete alles auf ein wissenschaftliches Studium hin, einen Job und tägliches Pendeln mit der S-Bahn, so wie es mein Vater tat.

1976 war ich zu feige, um Punk zu werden, obwohl eine Reihe meiner Schulfreunde Kernfiguren der Punk-Szene waren. Ähnlich ging es mir mit meinem Ehrgeiz, Schauspieler zu werden. Vielleicht ist es kein Wunder, dass ich mit 17 eine große Krise erlebte und fast in einer geschlossenen Anstalt landete. 1979 begann ich ein Kunststudium am Goldsmiths College of Art in London, bekam aber im darauffolgenden Jahr keinen Platz für den nächsten Studien-Abschnitt, weil ich ein arroganter Mistkerl war. So jobbte ich ein Jahr lang, zuletzt als Wein-Kellner mit Null-Wissen im Restaurant der Tate Gallery, wo der Wein mich entdeckte! Dabei war (selbstverständlich) der Riesling!

1981 trat ich ein dreijähriges Malerei-Studium in der St. Martins School of Art in London an, wechselte zum Royal College of Art (RCA), um meinen Magister in Kulturwissenschaft zu machen. Nebenbei begann ich über dem Wein – seine Gegenwart und seine Geschichte – zu schreiben. Mein erster Bericht erschien im April 1984 in der Fachzeitschrift ‚Decanter’. Die deutschen Weine wurden schnell zu meinem Hauptthema, auch, weil es wenig Konkurrenz gab. Im Rückblick war mein Studium für mein heutiges Schaffen sehr wichtig. Von meinem Professor Christopher Frayling lernte ich kritisches Denken. Am 6. Juli 1986 schloß ich mein Studium erfolgreich ab und versuchte mich als freiberufliche Kulturhistoriker und Schriftsteller über Wasser zu halten. Ein zäher Kampf, der meine Kreativität leider nicht herausforderte. Nach dem Tod meines Vaters und einigen kleineren Katastrophen wagte ich einen Neuanfang. Im Januar 1989 mietete ich eine Wohnung in Bernkastel an der Mosel, um meine Auseinandersetzung mit dem deutschen Wein und mit Deutschland – Gegenwart und Geschichte – zu intensivieren. Langsam driftete ich seelisch von England ab.

Meine Karriere entwickelte sich langsam, bis ich Ende 1993 nach Berlin gezogen bin. Im Herbst 1994 erschient mein erstes deutschsprachiges Buch. „Wie eine Wildsau“ tituliert der SPIEGEL seinen Bericht darüber. Weitere deutschsprachige Weinbücher folgen und in ihrem Schlepptau eine Vielzahl von Berichten in deutschen und ausländischen Medien zu mir, dem in Berlin ansässigen britischen Schriftsteller. Mit meiner Vorliebe für Kleidung von Vivienne Westwood und einer unkonventionellen, aber deutlichen Sprache gelte ich als „bunter Vogel“.

Photo Soria Dragoi

Inspiriert von den amerikanischen Journalisten Hunter S. Thompson und Tom Wolfe entwickle ich eine revolutionäre Art von Kulturgeschichte des Weins – ich nenne sie „Gonzo“ und meine damit die bedingungslose Recherche, die Einem tief in sein Thema verstrickt. 10 Jahre habe ich mit dieser Methode gearbeitet und eine Trilogie über Wein und Globalisierung (Schöne neue Weinwelt, Argon 2003 / Wilder Wein, Scherz 2006 / Wein weit weg, Scherz 2009) geschaffen. Die Recherche-Kosten trieben mich mehrmals während dieser Zeit an den Rand des Bankrotts, aber mutlos war das Ganze nie.

Neben diesen Werken entstand in Zusammenarbeit mit dem Fotograf Andreas Durst und meinen Ko-Autoren Ursula Heinzelmann, Chandra Kurt, Manfred Lüer und Stephan Reinhardt Wein spricht Deutsch (Scherz, 2007), ein Standardwerk zum Thema deutschsprachigen Weins. Eine lebendige Geschichte der äußerst spannenden und dynamischen Welt des Weins.

Doch wurde mir klar, dass mein Weinwissen lückenhaft bis mangelhaft war. Deswegen studierte ich ab Oktober 2008 zwei Semester auf der berühmten Fachhochschule für Weinbau in Geisenheim/Rheingau. Wegen des Studiums musste ich zwischen Berlin und Rheingau pendeln. Dieses Mal war ich konsequent und mutig: ich habe eine praktische Übung in Weinbau dran gehängt. Christian und Simone Stahl von Winzerhof Stahl haben mir für ein Jahr 10 Zeilen Müller-Thurgau-Reben in supersteiler Lage Hasennest geliehen. Am 15. September 2010 habe ich mein erste Wein in Berlin präsentiert. Heute schriebe ich lieber an der spannende Geschichte des Weins.

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WEINHIER – Sex auf der Bergspitze: 2012 Spätburgunder GG von Frank Ebbinghaus

SEX AUF DER BERGSPITZE: Die Präsentation der 2012 Spätburgunder GG des VDP in Berlin vonFrank Ebbinghaus (10. September, 2014)

Mehr als 60 Spätburgunder – überwiegend GG – habe ich am Montagnachmittag im Rahmen der Präsentation der Großen Gewächse in Berlin verkostet. Sollte es eine Hölle geben, und würde sie den Erwartungen gerecht, die man berechtigterweise an sie stellen kann: Solche Proben gehörten dort zum Tagesprogramm. Junge, komplexe Spätburgunder können ja so gemein sein und einem die letzten Kräfte rauben. Aber ich liebe Spätburgunder/Pinot Noir. Weine dieser Rebsorte sind für mich der Inbegriff an Verführungskraft, Sinnlichkeit, Sexyness und was man sich sonst noch in dieser Richtung bei Wein vorstellen kann. Die großen Pinots, die ich trinken durfte, werde ich nie vergessen. Sie sind meist unverschämt teuer, aber man erwischt sich dabei, dass man irgendwie wenigstens eine Flasche ergattern will, egal, was sie kostet, nur um diese große Empfindung noch einmal zu erleben. Ja, ich bin ein Pinot-Junkie. Und als solcher leidensfähig.

Das Gute wie das Schlechte dieser Tortur liegt darin, dass unmittelbar danach alle Eindrücke in einem Nebel zu versinken scheinen. Was insofern bedauerlich ist, als dass viele ausgezeichnete Gewächse einer großen Relativierung anheimfallen (aus der sie meine Notizen befreien müssen). Andererseits gab es ein paar wirklich große Weine, die wie imposante Bergspitzen aus dem Nebelschleier herauswachsen.

Vorweg dies: Die deutschen Spätburgunder GG haben ein sehr gutes Niveau erreicht. Es gab nur wenige wirklich schwache Weine. Und mancher Tropfen, der jetzt mit Holz überladen scheint, hat doch so viel Potential, um sich eines fernen Tages von dieser Last vielleicht befreien zu können. Aber – und dies ist ebenfalls ein positiver Befund – die Holzmonster scheinen auf dem Rückzug. Frucht, Finesse und Mineralität rücken in den Vordergrund.

Ich habe also tapfer probiert, aber leider nicht alles geschafft, was interessant schien. Gegen Ende – in Württemberg und Baden – musste ich größere Lücken in Kauf nehmen. Sei’s drum. Eine weitere Einschränkung: Spätburgunder oder Pinot Noir ist ein ziemlich launisches Gesöff. Es kann einem in der Jugend eine ganz schöne Nase drehen. Ich habe schon grottenschlechte junge Pinots probiert, die ein paar Jahre später richtig gut waren (an einen umgekehrten Befund kann ich mich freilich nicht erinnern).

Welche Weine haben Suchtfaktor? Für mich der größte Wein ist die 2012 Wildenstein Spätburgunder Reserve von Bernhard Huber (Malterdingen/Baden). Sie besitzt süße Würze und Parfüm, ist samtig und seidig, erotisch und feminin, zeigt immer neue Facetten und ist unglaublich lang – ein Wein, der einen selbst in der homöopathischen Dosierung dieser Probe minutenlang fesselt. Der Wildenstein ist einer der größten deutschen Spätburgunder, die ich je getrunken habe und ein großartiges Vermächtnis des in diesem Jahr tragisch verstorbenen Winzers Bernhard Huber. Der Wein kostet weit mehr als 100 Euro, aber dieser Preis verliert während des Probierens jeden Schrecken.

Überhaupt Huber: Seine vier vorgestellten Spätburgunder GG sind eine Klasse für sich, obwohl sie sich doch stark voneinander unterscheiden: Das 2012 Bienenberg GG wirkt ungemein lebendig mit roten und schwarzen Johannisbeernoten, mit Erde und vielem mehr. Das 2012 Sommerhalde GG duftet nach Samt, Orangen und Marzipan und schmeckt nach roten Früchten, etwas grünem Pfeffer und Cassis. Das 2012 Schlossberg GG riecht nach nassem Rauch und nasser Erde, hat viele Frucht im Hintergrund und schwarzen Pfeffer ohne Schärfe. Der Wein strömt nur so dahin. Allen Huber-Weinen ist eine sehr verführerische Seidigkeit und Eleganz eigen, die über die Jahre zum Markenzeichen dieses großartigen Erzeugers wurde.

Und doch gibt es einen Winzer, dessen vorgestellte Kollektion den Weinen Hubers mindestens gleichkommt, ja sie vielleicht sogar ein wenig übertrifft (außer den Wildenstein): Es ist das Weingut Rudolf Fürst (Bürgstadt/Franken), dessen Spitzen-Pinots nicht nur die verführerische Eleganz Hubers erreichen. Sondern noch einen Tick ausdrucksstärker wirken.

Das beginnt mit dem 2012 Centgrafenberg Spätburgunder GG, das eine verführerische, an Orangen, Mirabellen und manches mehr erinnernde Frucht mit einer wunderbaren Struktur und Finesse verbindet. Hier fügt sich alles so graziös wie in den Szenen Watteaus (die übrigens auch in der gastgebenden Gemäldegalerie zu bewundern sind). Ein wahrer Knüller an Finesse und Ausdrucksstärke ist das 2012 Schlossberg GG, das kaum beschreibbare Fruchtnoten in Samt und Seide kleidet und jeden Augenblick neue Aromen entschleiert. Sehr verhalten dagegen das 2012 Hundsrück GG. Aber seine geschliffene Eleganz und Stoffigkeit lassen keinen Zweifel, dass hier ein wahrer Monarch auf seinen großen Auftritt wartet.

Nie zuvor habe ich bessere deutsche Spätburgunder probiert als die von Huber und Fürst. Es gab reifere Jahrgänge als 2012, auch sie brachten große Weine hervor. Aber 2012 zeichnet sich neben einer schönen Reife auch durch eine herrliche Lebendigkeit aus, für die neben feinem, reifen Tannin auch eine unterstützende Säure sorgt.

Besonders deutlich wird dies etwa bei den Weinen von Benedikt Baltes (Weingut StadKlingenberg/Franken). Sie besitzen nicht die verführerische Noblesse a´la Fürst und Huber, verbinden aber explosive reife Frucht mit einer rassigen, fast rieslingartigen Säure und zeigen Ecken und Kanten (was junger Spätburgunder durchaus darf). Bei seinem Spitzenwein, dem Schlossberg GG notierte ich mir prompt „Roter Riesling“, so lebendig, frisch und vielschichtig präsentierte sich dieser Spätburgunder. Alle Weine, die Benedikt Baltes vorstellte, vertragen wenigstens ein paar Jahre Lagerzeit.

Zu den Spitzen dieser Verkostung zählen unbedingt auch die beiden Spätburgunder von August Kesseler (Rüdesheim-Aßmannshausen/Rheingau), wobei das 2012 Berg Schlossberg GG mit seiner unglaublich fein parfümierten, dabei auch dichten, kühlen Stilistik das ebenfalls ausgezeichnete, hoch elegante 2012 Höllenberg GG leicht überflügelt.

Auch die Pfalz ist eine Spätburgunder-Hochburg. Ein Wein, der schon jahrgangsmäßig aus dem Rahmen fällt, ist das 2009 Im Sonnenschein GG vom Weingut Ökonomierat Rebholz (Siebeldingen/Pfalz), das zeigt, wie ein sehr reifer Jahrgang schmecken kann. Viel süßer Schmelz wird von Schwaden reifen Tannins gebändigt, der Wein zeigt viele Facetten, ist im Moment reif und üppig, aber nicht fett.

Meine weiteren Favoriten in der Pfalz. Die kühl eleganten Spätburgunder GG Sankt Paul und Kammerberg von Friedrich Becker (Schweigen/Pfalz), das mineralische Kalmit GG vom Weingut Kranz (Ilbesheim/Pfalz), das seidige 2011 Kirschgarten GG von Philipp Kuhn (Laumersheim/Pfalz), sowie das mit Verführungskunst und Bodenhaftung gleichermaßen begabte 2011 Kastanienbusch Köppel GG von Dr. Wehrheim (Birkweiler/Pfalz). Seine große Klasse unter jugendlichem Ungestüm verbergend (und gerade deshalb begeisternd): der 2012 Musikantenbuckel Spätburgunder trocken vom Weingut Krebs (Freinsheim/Pfalz).

Ein Bekenntnis zur Ahr: Ich bin kein großer Fan. In wärmeren Jahrgängen werden mir diese Weine einfach zu reif und alkoholstark (so z.B. im Jahrgang 2007). Auch die Spitzen-Spätburgunder des Jahrgangs 2012 von Meyer-Näkel (Dernau/Ahr) und J. J. Adeneuer sind reife Weine mit viel Alkohol, aber doch auch einer guten Balance, mit verführerischer Frucht und seidiger Struktur. Wer es kühler mag, wird deutlich schlankeren Weine von Jean Stodden (Rech/Ahr) bevorzugen, die ebenfalls gelungen sind.

Im Süden gibt es noch mehr Spätburgunder-Meister. Allen voran Rainer Schnaitmann (Weingut Schnaitmann, Fellbach/Württemberg). Sein Spitzen-Spätburgunder gehört für mich seit Jahren zu den Allerbesten: Das 2012 Bergmandel Spätburgunder GG ist sehr seidig und super-sexy, aber auch sehr vielschichtig und mit ordentlich Grip (etwas herber, aber nicht weniger sexy schmeckt übrigens Rainer Schnaitmanns 2012 Bergmandel Lemberger GG – sehr empfehlenswert).

Zwei renommierte badische Erzeuger haben wahre Klassiker hingelegt: Das Weingut Dr. Heger (Ihringen/Baden) mit seinem eleganten, im Abfüllungstief steckenden 2012 Winklerberg Spätburgunder GG und dem feinfruchtig-zugänglicheren 2012 Schlossberg Spätburgunder GG. Große Zukunft werden auch die beiden Spätburgunder GG vom Weingut Seeger (Leimen/Baden) haben, wobei das kraftvolle, aber verschlossene Große Gewächs RR aus dem Herrenberger Oberklamm in ein paar Jahren die Nase vor dem 2012 Herrenberg GG Spermen R haben wird.

All das sind große, aber auch sehr teure Weine. Es geht auch anders, deutlich preiswerter, aber ebenfalls sehr ansprechend und GG-würdig: So zeigt das 2010 Wingerte Spätburgunder GG des Privatweinguts H. Schlumberger (Laufen/Baden) Eleganz und Finesse; etwas Rauch, Hagebutten und Walderdbeeren entfalten einige Verführungskunst – kein Top-Model, aber eine Markgräfler Schönheit mit einigem Witz. Und das ganze gibt es für 17 EuroSehr viel teurer waren zahlreiche Spätburgunder GG, die ich probierte. Sie liefern Beispiele soliden Winzerhandwerks, wirklich sehr ordentlich. Aber auch ein wenig langweilig.

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WEINHIER – PLANET RIESLING kommt in November!

I keep getting asked if and when the DEUTSCHE, that is German language edition of my book BEST WHITE WINE ON EARTH – The Riesling Story will appear. Of course! It will be published by Tre Torri in Wiesbaden in November. As you can see from the cover below it will be called PLANET RIESLING and will look very different to the English language edition from Stewart, Tabori & Chang in New York. It will also be longer with almost three times as much material about Germany, and we are expecting it to establish itself as the about the most important white wines in Germany and the world. Until 31.10 there is a subscription offer with 20% discount on the final shelf price. That means just Euro 23,90. Click on the link below to be one of the first to read it! 

Immer wieder wurde ich gefragt ob es eine deutschsprachige Ausgabe von BEST WHITE WINE ON EARTH – The Riesling Story (in Stewart, Tabori & Chang Verlag, New York)geben wird und wann sie erscheinen wird. PLANET RIESLING heißt sie und sie kommt in November in Tre Torri Verlag (Wiesbaden). Wie der abgebildete Umschlagsentwurf unten zeigt hat das Buch ein ganz andere Optik wie die englischsprachige Ausgabe. Dazu werden die Deutschland-Kapiteln etwa 200%. Bis zum 31.10 steht das Buch im Subskriptions-Verkauf für Euro 23,90, also mit 20% Rabatt. Um sich Kopien zu sichern einfach auf dem folgenden Link klicken. Dann kriegen sie auch sehr früh das neuen Kultbuch zum Thema der weltwichtigste Weißwein!

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WEINHIER – Martin Tesch “Master of Acidity” in 2013 von Frank Ebbinghaus


Martin Tesch in Markthalle 9, Berlin-Kreuzberg
After some frustrating technical problems that require anti-logical thinking to at least partly solve them (I found no way to correct the problem with the strange placing of the full stop win the last line of each paragraph) here is Frank Ebbinghaus’ detailed report on the 2013 dry Rieslings from Martin Tesch, the winemaker who was previously a member of the German VDP assoiciation. By the way, I tasted these wines with Frank and our opinions were ritually identical. These are very exciting wines for this difficult vintages! My apologies to non-German speakers. Don’t worry, the English language      front page returns on Wednesday. 

In diesem süßes-oder Saueres-Jahrgang 2013 hat einer wie Martin Tesch von Weingut Tesch in Langenlonsheim/Nahe gerade noch gefehlt. Seine Weine sind in der Regel knochentrocken und selbst in warmen, reifen Jahrgängen stets von einer sehr eindrucksvollen Säure geprägt. Was also ist von ihm in einem Jahr zu erwarten, wo allerorts die Säurewerte in die Höhe schossen? Man könnte meinen, dass eine Verkostung seiner aktuellen Produktion einer Jack-Ass-Mutprobe gleichkäme. Doch weit gefehlt. Die gegenteilige Vermutung ist zutreffend: Wenn einer erfahren darin ist, in heißen Jahren schlanke, mineralische Weine zu erzeugen, dann findet er in kühlen,    weniger reifen ebenfalls die richtige Balance. Genauso ist es bei Martin Teschs aktuellerKollektion.

Bei dieser Gelegenheit ein kleiner Exkurs zum Thema „kompromisslos“: Mit diesem Attribut werden häufig die wahren Charakterköpfe unter Winzern wie Weinen gelobt. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie nie einen Millimeter vom selbstgewählten Weg abweichen, mit größter Konsequenz den einmal beschrittenen Pfad weitergehen und Widerstände als Beleg für die Richtigkeit ihres Tuns werten. Kurzum: Es sind wahre Dickschädel, echte Fundamentalisten. Sie interessieren sich im Grunde nicht für die Weintrinker, ihnen ist egal, ob ihre Weine schmecken. Hauptsache, sie können ihr Ding durchziehen. Solche Winzer sind in diesem Jahr besonders leicht zu erkennen, weil ihre 2013er Weine vermutlich nicht besonders harmonisch sind. Das Wort „kompromisslos“ sollte deshalb in diesem Zusammenhang ein für alle mal ans Wein-Phrasen-Schwein verfüttert werden.

Martin Tesch ist das beste Beispiel dafür, dass ein Winzer Kompromisse eingehen muss, um in einem schwierigen Jahr ausgezeichnete Weine zu erzeugen. Teschs Weinstil ist – ich deutete es bereits an – schlank, säurebetont und mineralisch, die trockenen Weine haben auch in sehr reifen Jahrgängen nicht mehr als rund 12,5% Alkohol. So entstehen Weine, die sehr komplex und individuell schmecken (die einzelnen Lagen unterscheiden sich stark voneinander), die aber auch stets großes Trinkvergnügen bereiten, wobei Ihnen etwas Flaschenreife sehr gut tut. Und dann sind da die günstigen Preise, die signalisieren: Dieser Winzer möchte, dass seine Weine von einem möglichst großen Publikum getrunken werden.

Eine solche Haltung, die maximales Qualitätsstreben mit größtmöglicher Popularität verbindet, ist natürlich nur um den Preis von Kompromissen zu haben. Für den Jahrgang 2013 bedeutet das beispielsweise: Teschs sonst analytisch meist knochentrockenen Rieslinge (in der Regel unter zwei Gramm Restzucker) haben 2013 ein wenig mehr Süße (so um die fünf Gramm). Und bei der Säure, die in diesem Jahr auch für Martin Tesch etwas  zu hoch war, hat er ein wenig nachgeholfen. Bei letzterem kann er auf den Erfahrungsschatz eines Winzers zurückgreifen, bei dem das Thema „Säure“  eigentlich jedes Jahr auf der Tagesordnung steht.

So gelang es Tesch auch 2013, Weine in seinem unverwechselbaren Stil zu erzeugen, die sich in ihrer ausgezeichneten Balance stark von Produkten mancher Konkurrenten abheben, jedoch alle Attribute des Jahrgangs aufweisen. Ja, man könnte sogar meinen, dieser schwierige Jahrgang sei wie gemacht für Tesch. Und in der Tat haben mir vor einiger Zeit bei einer Vertikalprobe die trockenen Tesch-Weine aus säurebetonten Jahrgängen am besten gefallen.

So ist es dann doch kein Wunder, dass Martin Tesch in dem schwierigen Jahr 2013 eine ganz hervorragende Kollektion auf die Flasche gebracht hat. Man möchte Martin Tesch spontan den Titel Master of Acidity verleihen. Denn alle seine Weine werden durch eine reife Säure zum Erstrahlen gebracht, sie ist die Chef-Dramaturgin eines aromatischen Dramas, das oft noch hinter der Bühne stattfindet, aber mit Geduld in einigen Jahren im Rampenlicht steht. Hier gelingt das Kunststück, dass man sich spontan in die Mineralien-geäderte Säure verliebt, die so gar nichts hartes und scharfes hat – im Jahrgang 2013 sicher eher die Ausnahme.

Das beginnt schon mit dem Einstiegswein, dem 2013 Riesling unplugged, der als einziger der Kollektion unter zwei Gramm Restzucker aufweist und mit 11,3% Alkohol sehr bekömmlich ausfällt. Das Aromenspektrum beginnt mit leicht oxidiertem Apfel, steigert sich dann frischemäßig ins Muskat-Traubige und lässt in weiter Ferne eine Fruchtaromen-Karawane verheißungsvoll vorüber ziehen. Und doch ist dieser Wein mit seiner geschliffen kühlen Mineralik schon jetzt ein Hochgenuss – er zählt für mich zu den leckersten Gutsweinen des Jahrgangs.

Es folgen fünf Lagenrieslinge, die sehr unterschiedlich schmecken.  An ähnlichsten sind sie vielleicht noch der 2013 Löhrer Berg und der 2013 Krone. Denn bei beiden Weine geht nach einer recht verhaltene Nase am Gaumen dank der Säure so richtig die Post ab, die Fruchtsüße winkt im Löhrer Berg eher aus größerer Distanz, der Wein wirkt kühler und steiniger. Während die Krone ihre herrliche Reife kaum kaschieren mag, aber nichts wirkt süß oder opulent, es ist die Säure, die reife Fruchtaromen transportiert.

Ganz anders der 2013 Königsschild, der von allen bisher genannten Weinen am meisten Frucht besitzt, die aber von der Säure mächtig angeschoben wird. So entsteht Brillanz, der sich Charme und Verspieltheit hinzugesellen.

Der reifste im Bunde ist der 2013 Karthäuser, dazu muss man gar nicht wissen, dass dieser Wein als einziger 13% Alkohol erreicht. Hier dominiert weniger die Säure, den Auftakt macht vielmehr eine feine mineralische Würze. Der Wein wirkt deshalb weniger straff, etwas süßer und deutlich fruchtiger als seine Brüder (oder Schwestern?), aber ebenfalls sehr animierend.

An der Spitze aber steht der 2013 St. Remigiusberg, dessen Aromenfülle schon der Geruch enthüllt. Auch dieser Wein wirkt reif, ohne allerdings den Karthäuser in dieser Hinsicht zu erreichen. Aber hier ist es wieder die Säure, an deren Sehne die aromatischen Schätze aufgespannt sind. Das alles wirkt überhaupt nicht üppig, sondern hoch elegant und rassig. Ein Wein, der in ein paar Jahren seine aufregende Geschichte erzählen wird

Martin Teschs sehr überzeugende Kollektion zeigt zweierlei: In einem säurebetonten Jahrgang wie 2013 sind die Säure-Experten unter den Winzern im Vorteil. Und: Es ist falsch, Kompromisse auszuschlagen. Entscheidend ist vielmehr, dass man die richtigen eingeht.

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WEINHIER – Homophobie von Roy Metzdorf

The English language part of this blog (which returns to the front page on Wednesday) has never shied away from difficult subjects that relate to wine and/or journalism in less direct ways (see “Dear NSA, Dear GCHQ”. The new German language section WEINHIER will do the same. Here is a first example from Roy Metzdorf,  the guiding spirit behind the amazing WEINSTEIN wine bar in Berlin-Prenzlauer Berg where you can meet me on Saturday evening. The photo of Roy comes from my book BEST WHITE WINE ON EARTH – The Riesling Story. I would say that an English language version of Roy’s article should be entitled HOMOPHOBIA – The Wine Story, because there’s so much obvious and subliminal homophobia in the conservative German wine scene. Where are the openly gay or lesbian wine growers? I only know a couple in Germany, and I can well understand the nervousness of those that haven’t come out yet. 

Matthias Matussek hat nichts gegen Schwule – ihm geht nur das Theater auf die Nerven von Roy Metzdorf

Der Autor, Publizist und ehemalige Kulturchef des „Spiegel“, Matthias Matussek, zeiht sich in der „Welt“ vom 12. Februar 2014 und in weiteren Beiträgen im Netz der Homophobie und findet das auch gut so. Angesichts des Schöpfungsauftrages, den uns Gott gegeben habe – „Gehet hin und mehret euch“ – sei Homosexualität eine defizitäre Form der Liebe. Schließlich sei es eine ganz simple Einsicht, dass sich Lebewesen fortpflanzen müssten, um die Art zu erhalten. Im Gegensatz zu Heterosexuellen könnten sich Homosexuelle jedoch prinzipiell nicht für Nachwuchs entscheiden. In Übereinstimmung mit dem Philosophen Robert Spaemann hält er sie daher für unvollständig ausgestattete Wesen, denn sie verfügten nicht über die Dinge, die zu einem normalen Überleben gehörten. In diesem Sinne sei Gleichgeschlechtlichkeit ein offenkundiger Fehler der Natur, und er habe keine Lust, sich für diese Ansichten von Gleichstellungsfunktionären platt machen zu lassen, egal wie oft sie ihm vorhalten mögen, dass es auch in der Natur bei irgendwelchen Pantoffeltierchen Homosexualität gebe. Eigenartiger Weise verzichtet er zur Untermauerung seiner Thesen auf die Frage, was denn wohl geschehen würde, wenn man alle weltweit schätzungsweise 170 Millionen schwulen Männer auf eine Insel verbannen würde.

Die Einsicht, dass sich Lebewesen fortpflanzen und überdies Fressfeinden, Krankheiten und Naturkatastrophen widerstehen müssen, um zu überleben, ist für Matussek offenbar nicht mehr ganz so simpel. Arten bewerkstelligen das, indem sie weit mehr Individuen hervorbringen, als sie zur Reproduktion benötigen. Deshalb muss sich nicht jedes einzelne Lebewesen vermehren, um die Art zu erhalten. Das Merkmal Homosexualität ist somit auch ohne evolutionären Nutzen überlebensfähig. Schließlich lässt die Evolution gleichfalls solche Merkmale existieren, die für die Anpassung an den jeweiligen Lebensraum bedeutungslos sind.

Zudem gelingt die Erhaltung der menschlichen Gattung nur, wenn sich zur Fortpflanzung auch Brutpflege gesellt. Matussek wird aufgefallen sein, dass schwule Mathelehrer sich um das Zahlenverständnis der Kinder kümmern, dass schwule Bäcker das Pausenbrot backen und schwule Kinderärzte bei Krankheiten helfen. Darüber hinaus tragen sie zum Funktionieren des Gemeinwesens bei, indem sie für den Verdienst aus diesen Beschäftigungen Steuern abführen. Ihm leuchtet gewiss ein, dass Kinderlose auf diese Weise ihren Beitrag zur Arterhaltung leisten.

Und dass der Sexualtrieb über die Absicherung der Fortpflanzung hinausgehende Funktionen aufweist, sollte er im Selbstversuch herausgefunden haben. Mit der Lust am Sex verhält es sich, wie mit der Lust am Essen. Wir sind in der Lage, die geschmackliche Komplexität eines guten Essens wahrzunehmen und uns so in einen sinnlichen Rausch zu versetzen, obwohl das Hungergefühl ausreichen würde, uns zur Nahrungsaufnahme zu bewegen. Ihm ist durchaus nicht entgangen, dass Lustbefriedigung ein wichtiger Baustein zur Erhaltung des psychischen Gleichgewichts ist. Oder will er behaupten, in seinem Leben immer nur dann Sex gehabt zu haben, wenn es ihm um Fortpflanzung ging?

Sollte er das Sexualverhalten von Homosexuellen dennoch für defizitär halten, muss der gläubige Katholik Matussek ebenso das Sexualverhalten zölibatär lebender Nonnen, Mönche und Priester als einen Fehler der Natur interpretieren. Auch sie „können sich prinzipiell nicht für Nachwuchs entscheiden“.

Dessen ungeachtet ist die Menschheit zu einer der erfolgreichsten Arten auf Erden geworden. In den letzten 50 Jahren hat sich die Anzahl ihrer Individuen verdoppelt.
Mit ihrem munteren, frechen Verhalten treten Schwule von heute aufmüpfig für ihre Rechte ein und haben so das Reinheitsgebot für Sex in Deutschland zu Fall gebracht. Ist das die Ursache für seine Klage: „eine Minderheit terrorisiert die Mehrheit“? Ist es glaubhaft, dass ein Intellektueller im Deutschland des 21. Jahrhunderts die Bibel wörtlich auslegt, in solch schlichten, monokausalen Zusammenhängen denkt und derart dürftig argumentiert? Kann man so jemanden ernst nehmen?

Man kann nicht nur, sondern man muss! Denn in unserer unüberschaubar vielfältigen und komplexen Welt ist niemand in der Lage, sich ein ausschließlich rationales Bild zu machen. Bleiben Erklärungslücken, stopfen wir sie mittels Emotion, Intuition und Religion. Deswegen sucht uns das Vorurteil heim. Matussek tarnt es mit der aus anderen Zusammenhängen bekannten Formel „Ich habe nichts gegen Schwule, aber…“. Wenn jedoch jemand den Anschein erweckt, von der Mehrheit abweichende Individuen wären defizitär und damit fehlerhaft, ist Gefahr im Verzug. Zur Behauptung, diese Individuen seien minderwertig, ist es dann nicht mehr weit.

Die Klassifizierung von Menschen in voll- und minderwertig wird schnell zum Ausgangspunkt für Ausgrenzung und Verfolgung: Vordenker, die irrational argumentieren, große Wählergruppen, bei denen Emotionen geschürt werden, Politiker, die daraus Programme machen, Parlamentarier, die entsprechende Gesetze verabschieden und am Ende der Kette Vollstrecker, die sich hinterher auf Befehlsnotstand berufen.

Wir sollten die Aufklärung unbedingt fortführen, damit diese Prozesse nicht zum Perpetuum mobile werden.

Und was die Antwort auf die Frage nach der Schwuleninsel anbelangt: nach 100 Jahren wäre sie immer noch bewohnt, da heterosexuelle Paare ständig für neuen schwulen Nachwuchs sorgen.

 

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