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38 Grad im Schatten von Frank Ebbinghaus

38 Grad im Schatten. Ich ziehe die Schuhe an und gehe Laufen. Kaum Menschen draußen. Keine Hunde, gut so. Krähen mit geöffneten Schnäbeln hüpfen über den Weg. Sehen verzweifelt aus. Ich laufe. Spüre wie sich vom Kopf aus eine Lähmung ausbreitet und schnell nach unten sinkt. Unterhalb des Brustbeins wächst eine Übelkeit, der ich lieber nicht nachgehen will. Die Beine gehorchen nicht richtig. Laufe aber weiter gegen eine fahle Sonne über einer diffusen schwarzen Wolkenwand. Laufe durch eine Kleingartenkolonie. Pralle Menschen zerfließen in der Hitze auf viel zu kleinen Liegen und Campingstühlen. Kleines Glück, großes Glück – spürbar wie eine leichte Brise.

Zuvor am Mittag in Kreuzberg. Die Hitze steht in den Straßen. Männer mit perfekt getrimmten Vollbärten, Clubwear-Hüten, großen Sonnenbrillen, Tattoos und Flipflops, die bei jedem Schritt wegen des Fußschweißes schmatzen. Abgeklärtes, weltgenießerisches Grinsen. Junge Frauen, knapp bekleidet, tragen auf der Haut, was sie sie auf der Seele haben: Cellulite, Tattoos, Piercings, die volle Bedeutungsdröhnung. Die Körperhaltung, die Sprechweise: monadenhafte Individualität, die öffentlichen Raum in Besitz nimmt, ihn kolonisiert. Jedes dieser Ichs beansprucht viel Platz, da wird es schnell eng. Und laut.

Ich ging in die Markthalle IX, aß eine geniale Gazpacho, fuhr mit dem Rad durch den Treptower Park, der am Spreeufer eine Baustelle ist. Auf den Grünflächen überall junge Menschen. Hippiestimmung. Die Gruppen: Jemand spricht, die anderen nicken sehr deutlich oder lachen sehr laut. Netzwerke bei der Empathieproduktion. Die Umwelt als Spiegel. Sonst viel roboterhaftes Ins-Handy-Starren. Hier fehlt doch was, dachte ich: Wo ist das Glück? Wo Anmut, Schönheit, echtes Gefühl, ein Lächeln vielleicht? Nicht auf den Wiesen im Treptower Park, nicht in den Straßen von 36. Aber in der Gazpacho. In den Schrebergärten, zur bräsigen Zufriedenheit gedimmt. Und sonst? Muss man ins Museum gehen, um was Echtes, Berührendes zu erleben? In die Bahnhofsmission? Zu einer Weinverkostung? Darum geht’s ja hier. Berlin Gutsriesling Cup, vor ein paar Wochen. Am Start 37 Rieslinge (meist Einstiegsweine, deren Etiketten das Weingut zeigen; daher Gutsrieslinge) von Gastgeber Martin Zwick sehr gekonnt ausgewählt. Und eine Jury aus Weinliebhabern (laut Begeisterung oder Missfallen ausdrückend), Weinkennern (breit dozierend über Weinfehler, Entsäuerung, Reifeprobleme) und Weinprofis (reden über Gott und die Welt, nur nicht über die Weine vor ihnen).

Einer muss gewinnen. Ist schon komisch, wenn kein schwacher Wein dabei ist und kein wirklich überragender. Selbst in dieser Kategorie ist das Niveau inzwischen sehr hoch. Und die stilistische Vielfalt sehr breit: Vom puristischen Mineralismus bis zum Happy-Sunshine-Wein. Bei der Probe gab es zum Glück nicht wenige Weine, die lächelten, die Glück, Anmut, Schönheit verbreiteten, gemacht für Weinliebhaber wie mich. Man vergab Punkte wie Parker. Am Ende entschieden ein paar Stellen hinterm Komma. Was soll‘s, ist ein Riesenspaß. Ein paar Tage später warb ein großer norddeutscher Weinhändler mit einem Probierpaket „Best of Gutsriesling“. „Die drei Sieger des BerlinGutsrieslingCup mit jeweils zwei Flaschen in einem Paket“. Ein vom Händler eingekaufter Blogger hatte an der Probe teilgenommen und den Deal eingefädelt. So werden in aller Unschuld vergebene Punkte zum Geschäft. Willkommen in der kommerziellen Verwertungskette! Künftig ohne mich. Klar, bei Wein geht es immer auch um Absatz und Geld. Aber nicht für mich. Für mich geht‘s nur um Schönheit und Genuss.

Ich muss den Brechreiz spüren, um gegen ihn anrennen zu können. 38 Grad, keine Sonne mehr, ich laufe weiter, gegen die Lähmung, die Übelkeit. Ich schwitze nicht mehr. Mein Hirn schmilzt. Ich denke an gebratene Gänseleber, außen geröstet, innen cremig. Ich möchte mein Hirn essen. Ich genieße den Moment vor dem Kollaps, zögere ihn hinaus bis zum Ziel. Das ist schön, denke ich, das ist ein wahres Gefühl.

Gutsriesling & Co. 2014: Sechzehnmal Glück, Anmut. Schönheit:

Gunderloch  (Nackenheim/Rheinhessen) 2014 “Als wär´s ein Stück von mir“ Riesling trocken

Robert Weil (Kiedrich/Rheingau) 2014 QbA trocken.

Katrin Wind (Landau-Arzheim) 2014 Riesling trocken

Emrich-Schönleber  (Monzingen/Nahe) 2014 Riesling trocken

Von Winning (Deidesheim/Pfalz) 2014 WinWin Riesling trocken

Dr. Bürklin-Wolf (Wachenheim/Pfalz) 2014 Dr. Bürklin-Wolf Riesling trocken

Georg Mosbacher (Forst/Pfalz) 2014 Riesling trocken

Schätzel (Nierstein/Rheinhessen) 2014 ReinStoff Riesling trocken

St. Antony (Nierstein/Rheinhessen) 2014 Rotschiefer trocken

Wagner Stempel (Siefersheim/Rheinhessen) 2014 Riesling Gutswein trocken

Josten & Klein (Remagen/Mittelrhein) 2014 Riesling Mittelrhein trocken

Wittmann (Westhofen/Rheinhessen) 2014 Riesling trocken

Thörle (Saulheim/Rheinhessen) 2014 Riesling trocken

Joh. Bapt. Schäfer (Nierstein/Rheinhessen) 2014 Riesling trocken

Schloss Johannisberg (Johannisberg/Rheingau) 2014 Schloss Johannisberger Riesling Gelblack trocken

Weedenborn (Monzernheim/Rheinhessen) 2014 riesling trocken

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Arndt Köbelin in Eichstetten (Baden) von Frank Ebbinghaus

Kommt der Hauptstädter nach Eichstetten am Kaiserstuhl, so ist er geblendet von so viel Schönheit. Sie wohnt nicht dem Ort selbst inne, einem Bauerndorf ohne von Tourismusvermarktern aufgepappter Idylle, das aber deshalb in seiner ungeschminkten Ehrlichkeit und Selbstzufriedenheit durchaus eindrucksvoll wirkt. Nein, die Schönheit beginnt, wo das Dorf endet: in den schier endlosen Reb-, Gemüse- und Obstgärten des Kaiserstuhls, dessen meterhohe Lössschicht alles aufs trefflichste gedeihen lässt. Ein Arkadien, dessen gewundene und geschwungene Landschaft atemberaubende Ausblicke gewährt und jede Eintönigkeit, die landwirtschaftlichen Nutzflächen sonst innewohnt, fernhält. Hier wachsen die von hippen Berlinern teuer eingekauften grünen Smoothies gleichsam am Wegesrand, ebenso Blumen in großer Pracht und Vielfalt, scheinbar herrenlose Walnuss- und Kirschbäume verwöhnen mit Früchten, die man so noch nie probiert zu haben glaubt.

Da ist viel zuviel Schönheit, denkt der Berliner mit René Pollesch („Kill your Darlings! Streets of Berlidelphia“), die vertrage ich nicht, die ist nicht zu leben, deshalb müssen wir sie rausschneiden. Aber Eichstetten ist kein Theaterstück. Eichstetten ist das Gegenteil.

Hier hat der Mensch sein nutzbringendes Wirken offensichtlich im Einklang der Natur vollbracht: Dem Wanderer begegnen schwarmweise Wiederhopfe, Habicht und Bussard ziehen am Himmel ihre Kreise, während der Falke im Tiefflug nach Beute jagt und da und dort ein Reh über den Weg springt. Muss man noch erwähnen, dass Eichstetten eine der großen Bio-Anbaugemeinden in Baden-Württemberg ist, deren Produkte auch in den hauptstädtischen Bioläden feilgeboten werden? Das Schöne und Wahre: Hier fügt es sich.

Wanderer, kommst Du nach Eichstetten, so genieß diese Landschaft und die trefflichen Früchte, die sie hervorbringt. Und, ja, Wanderer, sind die Trauben reif, so koste sie. Sie schmecken vortrefflich. Aber meide den Wein. Denn der Wein ist ein Spiegelbild der Landschaft: üppig, idyllisch, träge, selbstzufrieden, von der Sonne verzogen. Eichstetten liegt in einer der wärmsten Gegenden Deutschlands. Lössböden und große Hitze: Das ist für Wein schwierig. Wer also partout glaubt, in einem der malerischen Winzerhöfe einkehren zu müssen, kann sich nur den Wein mit der Landschaft schönsaufen. Denn die Reben hier sind wie die Blumen am Wegesrand: ein Stück Dekor, Kulisse, Ausstattungsmerkmal einer Idylle.

Aber, Wanderer, willst du diesen Ort nun fliehen, so eile nicht. Denn es gibt selbst hier Perlen des Winzerhandwerks, Könner mit dem Ehrgeiz, dem Schönen und Wahren auch das Gute abzuluchsen. So einer ist Arndt Köbelin. Die ortsüblichen, pittoresken „Schwiboge“ (Sandstein-Rundbögen)-Romantik anderer Winzerhöfe sticht er mit der todschicken Sachlichkeit einer modernen Winery am Ortsrand aus. An der Mosel sagt man: „Das Tal ist eng.“ Eichstetten ist auch eng. Arndt Köbelin weiß das. Er hat das Winzerhandwerk unter anderem bei Seifried Estate in Neuseeland, bei Dr. Heger in Ihringen sowie in der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg gelernt, hat als Kellermeister in Oberbergen und in der Ortenau gearbeitet und ist  – herzlichen Glückwunsch! – seit genau zehn Jahren selbständig.

15 Hektar bewirtschaftet er auf seinem Familienweingut, das fast fünf Jahrzehnte der Vater geführt hat (dennoch sollen die Verhältnisse zwischen den Generationen sehr harmonisch sein). Das moderne Gutsgebäude hält moderne Technik bereit, die helfen soll, die Philosophie des Winzers umzusetzen, die auf eine möglichst schonende Behandlung der Trauben und des Weins setzt. So werden Weine nicht gepumpt, sondern durch Falldruck bewegt. Im Weinberg wird mit Grünschnitt und Pferdemist gedüngt. Man arbeitet ökologisch, ist aber nicht zertifiziert.

Die trockenen Basisweine, die hier Gutsweine heißen, sind mehr als ordentlich: Rivaner, Weiß- und Grauburgunder habe eine animierende Frucht, sind für die Gegend moderat im Alkohol (maximal 13 Prozent). Es fehlt ihnen der mineralische Säurebiss nördlicher Regionen, aber sie schmecken schön frisch und saftig. Es gibt auch einen ansprechenden Riesling, der nicht auf Löss, sondern auf vulkanischem Gestein wächst (der Kaiserstuhl verdankt seine Entstehung einen gewaltigen, im Tertiär aktiven). Er ist nicht ganz trocken, unterscheidet sich aber vor allem wegen seines mineralischen Charakters stark von den andren Basisweinen. Trotz 8,5 Gramm Säure, die man hier gar nicht erwartet, schmeckt der 2014 Riesling feinherb sehr harmonisch und nach reifen grünen Äpfeln.

Sehr gefallen hat mir auch der in Flaschengärung hergestellte Pinot Brut „Privat Cuvée“ aus Weißburgunder, Grauburgunder und Spätburgunder, der neben Hefe- und Zitrusnoten mit Himbeer- und Kirscharomen aufwartet, überdies eine feine Perlage beisitzt und mit elf Euro ab Hof ein Schnäppchen ist.

Sehr spannend sind die 2014er „Lösswand *** Selektionsweine“ von Weißburgunder und Grauburgunder, die von alten Reben stammen und noch im kleinen Holzfass liegen. Beide Weine präsentieren sich derzeit recht verschlossen, wirken aber frisch und mineralisch mit viel Substanz und einem feinem Holzton. Da wächst was spannendes heran.

Echte Knüller sind die Spätburgunder-Rotweine, zu denen auch der ausgezeichnete 2014 Spätburgunder Rosé gezählt werden muss. Denn diesem Nebendarsteller der Rotweinproduktion gibt Arndt Köbelin eine Hauptrolle. Und so duftet dieser Wein expressiv nach Kirschen und schmeckt durch eine reife Säue gestützt nach einem Korb frischer Himbeeren – mit 11 Alkohol ein perfekter Sommersaufwein für gerade mal 7,80 Euro ab Hof. Nicht jeder mag schwere Rotweine im Sommer trinken, zumal, wenn sie am Holz tragen. Aber Arndt Köbelins einfachster Spätburgunder, der 2013 „Spätburgunder Holzfass“ besitzt eine explosive Frucht mit Kirschen Heidelbeeren, einem Hauch Vanille und etwas Pfeffer. Ein Wein, so leicht und frisch, dass man ihn flaschenweise saufen mag, aber auch komplex genug, um ihn wirklich genießen zu können.

Noch ausdrucksstärker und etwas mehr vom Ausbau im kleinen Holzfass geprägt ist der 2013 „Spätburgunder *** Barriquefass“, der bereits jetzt schmeckt, sich aber in den nächsten zwei bis drei Jahren weiter entwickeln wird. Bei diesem Wein wird bereits eine Finesse spürbar, die der nächste fast auf die Spitze treibt: Der „2012 Spätburgunder Eichenlaub“ ist ein Wein, den man hier nicht erwartet: So fein und elegant, so kühl mit tollem Säurebiss. In der Nase feine Kirsche und etwas Holz brilliert dieser Spitzenwein mit Himbeere, Kirsche und etwas Vanille. Der „2012 Spätburgunder Eichenlaub“ ist jetzt bereits ein Hochgenuss, wozu der meisterhafte Holzeinsatz von Arndt Köbelin beiträgt: Hier wird nichts mit Holz überdeckt, sondern lediglich gestützt. Dieser Wein aus mehr als sechzig Jahre alten Burgunderstöcken wächst unterhalb des Waldes, der die 521 Meter hohe Eichelspitze einkleidet. Und man muss es erlebt haben, wenn man an einem heißen Sommertag diesen Wald betritt und schlagartig die Linderung spürt, die seine feuchte Kühle aussendet. Sie fließt in den Abendstunden die alten Rebhänge hinab und trägt ganz erheblich dazu bei, dass Arndt Köbelin ein Meisterwerk gelungen ist, das sich neben den deutschen Spätburgunder-Spitzenweinen dieses großen Jahrgangs mehr als sehen lassen kann.

Also, Wanderer, kommst Du nach Eichstetten am Kaiserstuhl, genieße die Schönheit der Landschaft, vergeude Deine Leberzellen nicht, sondern widme sie den Weinen Arndt Köbelins.

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Seahorse Winery, oder das ganz andere Israel zu Gast in Berlin von Frank Ebbinghaus

Da sitzt also eine satyrhafte Gestalt mitten auf dem Gehweg der Lychener Straße in Prenzlauer Berg, macht immer wieder Fahrradfahrern, Kinderwagenschieberinnen und -schiebern Platz und wirkt auch sonst wie aus Zeit und Raum gefallen. Ze’ev Dunie trägt Bart wie hier jeder Mann, nur ist seiner schlohweiß und umrahmt das Gesicht von Ohr zu Ohr, auch die Glatze wäre unter den coolen Pappies hier kaum auffällig, würden nicht von seinem Hinterhaupt strubbelige graue Locken wasserfallartig bis über den Kragen herabfallen. Ein wenig angespannt schaut er in die Runde der schlürfenden und spuckenden Weinexperten, die sich über seine Flaschen hermachen. Ze’ev selbst spuckt nicht, kann man sich bei ihm auch nicht vorstellen.Aber Ze’ev Dunie huldigt nicht nur Dionysos. Er ist in Berlin, der Heimat seines Vaters, um hier einen Roman zu schreiben. Und nur halblaut sagt er, wieviel es ihm bedeutet, ausgerechnet in Berlin seine Weine zeigen zu können.

Früher war er Filmregisseur. Früher heißt: Bis er vor einigen Jahren die Seahorse Winery in den Judean Mountains in Israel gründete. Stuart schrieb darüber, und zwar hier: http://www.stuartpigott.de/?s=seahorse

Jetzt sitzt er vor der Weinschenke Weinstein, um seine Weine vorzustellen. Vier hat er mitgebracht, viel mehr gibt es auch nicht. Denn die Seahorse Winery produziert insgesamt lediglich 25.000 Flaschen im Jahr. Die Probe kam durch die langjährige VDP-Geschäftsführerin Eva Raps zustande, die zusammen mit ihrem Lebensgefährten Urban Kaufmann 2013 das Rheingauer Weingut Hans Lang in Eltville-Hattenheim übernahm (über die neuen Weine von Hans Lang werde ich später berichten). Die beiden Jungwinzer schlossen sich der deutsch-israelischen Partnerschaftsinitiative Twin Winery an und kamen mit Ze’ev Dunie zusammen.

Leider ist es nicht so, dass ich jeden Tag israelische Weine probiere. Eigentlich habe ich das noch nie getan. Ich habe nicht mal eine Vorstellung wie israelische Weine schmecken können und bin daher sehr erfreut, überrascht über die Kühle, Präzision und Sinnlichkeit dieser Weine.

Trotz bis zu 15% Alkohol geht ihnen jede Hitze oder Opulenz ab. Sie schmecken reif, aber auch kühl und fein. Die Weinberge liegen 700 Meter hoch, daher die Frische.

Der 2013 Chenin blanc „James“ besticht in der Nase mit Quitte, Birne und Bratapfel, am Gaumen spürt man fein das drei Jahre alte Holzfass, der Wein hat eine schöne Viskosität und Würze, schmeckt aber sehr frisch.

Der 2010 Antoine ist eine Rhone-Cuvée aus hauptsächlich Syrah mit Grenache und Mourvèdre, wobei Charakterkopf Ze’ev den Syrah in Barriques ausbaut, in denen zuvor Weißweine gelegen haben. Auch dieser Wein schmeckt kühl und komplex, nach roten Johannisbeeren,  Schattenmorellen und Pfeffer.

And now to something completly different: Der 2010 Lennon trägt eine Hommage nicht nur im Namen, sondern auch im Geschmack. Der Blend aus 75% Zinfandel, je 12,5% Petit Syrah und Mourvèdre erinnern an die großartigen Zinfandel-Weine von Ridge Vineyards (Cupertino/Kalifornien). Und er schmeckt auch ähnlich, trotz 15% Alk. gar nicht fett, sondern mit viel Blaubeer- und Kirschfrucht sehr konzentriert und bei aller Fülle wieder kühl und strukturiert. Vor Jahren hat Ze’ev gemeinsam mit dem legendären Winemaker von Ridge, Paul Draper, dessen Weine probieren können – eine Schule fürs Winzer-Leben.

Über den 2010 Elul sagt Ze’ev: „This wine ist the closest mainstream I can make“. Das liegt vor allem am dominierenden Cabernet Sauvignon, der dem Wein sein Cassis-Aroma verleiht. Aber hier ist wirklich nichts eindimensional, mainstreamig oder langweilig. Schwarze Schokolade, jodige Aromen und etwas Marzipan sorgen für einen faszinierend undurchsichtigen Geschmack, viel mürbes Tannin und eine elegante Säure kontern die feine Süße.

Später sitzen wir beim Essen zusammen. Gastgeber Roy Metzdorf hat eine Flasche 2009 Lytton Springs von Ridge blind serviert, die natürlich niemand erkennt. Aber Ze’evs Augen leuchten und  schwupp ist die Flasche leer.

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Der Jahrgang 2014 beim Weingut Müller-Catoir (Neustadt-Haardt, Pfalz) von Frank Ebbinghaus

Als das Weingut Müller-Catoir Mitte der 90er drei Hektar Reben im Haardter Bürgergarten gekauft hatte und die Aussicht lockte, dass den bis dato überirdischen nun astralische Weine folgen würden, prophezeite Stuart: „Scharen von Privatkunden könnten sich im Morgengrauen des Tages, wenn der Wein in den Verkauf kommt, vor dem beeindruckenden blaugrünen Tor des Weingutes drängen, in der Hoffnung, sich so wenigstens eine einzige Flasche zu sichern.“ (Stuart Pigott, Die führenden Winzer und Spitzenweine Deutschlands. Econ Verlag, Düsseldorf 1997.) So ist es nicht gekommen. Oder eigentlich doch: Die Weine wurden noch mal eklatant besser. Aber niemand drängte am Hoftor, flehte um Zuteilung. Nach einem letzten Höhepunkt, dem Jahrgang 2001, verließ Kellermeister-Legende Hans-Günther Schwarz das Weingut – nicht ganz im Frieden, das machte es seinem Nachfolger doppelt schwer.

Heute spricht niemand in die Weinszene mehr über die Weine von Müller-Catoir. Und wenn, dann nur in der Vergangenheitsform. Das ist ungerecht. Aber gut für mich. Denn ich muss nicht mit Entleibung drohen, um Wein zu bekommen. Ich kaufe sie ganz bequem im Online-Shop. Und zu fairen Preisen. Sollen die anderen doch ihrem mineralischen Extremismus frönen oder sich an überholztem Riesling aufgeilen. Ich stehe auf die klassische Nummer: Frucht und Mineralität, Eleganz und Finesse, Sinnlichkeit und Sexyness. Das haben die Müller-Catoir-Weine von heute so reichlich wie früher. Nur, dass sich der Stil verändert hat. Die unter Schwarz zum Markenzeichen erhobene hoch expressive, die Sinne überfordernde Fruchtaromatik bei äußerster Brillanz und perfekter Balance ist unter seinem Nachfolger Martin Franzen einem ruhigeren mineralischen Stil gewichen. Sind die Weine deswegen schwächer geworden? Nein! Sind sie langweiliger geworden? Nur für die Super-Langweiler, die einem bei Verkostungen die Weinwelt mit aufgeschnappten Halbwahrheiten erklären wollen, womit sie überdecken, dass ihnen Stil und Geschmack völlig abgehen. Sie geben heute gerne damit an, welche tollen Müller-Catoir-Weine der Ära Schwarz sie einst getrunken haben, obwohl sie heute fruchtbetonte Weine auf den Index setzen.

Ich habe seit dem Jahrgang 2002, mit dem Martin Franzen (siehe Foto oben) begann, nicht einen schwachen Wein von Müller-Catoir getrunken. Im Gegenteil: Sie waren ohne Ausnahme großartig. Bei einer Blind-Verkostung der Großen Gewächse des Jahrgangs 2007 vor zwei Jahren, bei der alle großen Riesling-Erzeuger am Start war, zählte das 2007 Riesling GG „Breumel in den Mauern“ von Müller-Catoir für mich zu den fünf besten Weinen. Nach dem Aufdecken wurde dieser Wein von einzelnen Teilnehmern verhöhnt. Sollen sie nur. Ich würde das Zeugt notfalls alleine trinken. Aber ich kenne viele Enthusiasten, mit denen ich gerne teile.

Ich könnte endlos so weiter schreiben. Jeden einzelnen getrunken Müller-Catoir-Wein der letzten Jahre habe ich im Gedächtnis. Einer besser als der andere.

Aber hier geht es um den Jahrgang 2014. Und der ist verdammt gut. Komischerweise ist der einfachste Wein, der 2014 Müller-Catoir Riesling trocken, im Moment der verschlossenste. Aber die erste Flasche Herrenletten Riesling trocken haben wir inhaliert. Keine Notizen, nix, obwohl ich es vorhatte. Bei der zweiten Flasche musste ich mich zusammenreißen, um meine Geschmackseindrücke zu sortieren: in der Nase Weinbergspfirsich, Maracuja, ein kleiner Stinker, nasser Stein. Am Gaumen sehr gelbfruchtig, nochmal viel Weinbergspfirsich, ein tolles, mineralische Säurerückrad, das immer mehr die Herrschaft übernimmt, aber der Wein hat reichlich Substanz. Noch etwas feiner und nuancierter wirkt im Moment der 2014 Bürgergarten Riesling trocken, der nach einer Woche in der angebrochene Flasche eine bemerkenswerte Mutation durchmacht und nun sehr schlank wirkte und jodig, mineralisch und nach reifer Zitrone schmeckt und einen salzigen Abgang hat. Kein Zweifel: Diese Weine stehen ganz am Anfang einer langen Entwicklung. Wer ihrer betörenden Frucht erliegen will, sollte sie in den nächsten Monaten trinken, dann werden sie sich verschließen und nach einigen Jahren ein neues Gesicht zeigen.

Die 2014 „Breumel in den Mauern“ Riesling Spätlese wirkt noch etwas verschlossen, dank moderater Süße eher schlank und elegant, hat aber viel Zug und Kraft.

Müller-Catoir wird zu recht geschätzt für seine Weine aus Aroma-Rebsorten. Die 2014 Haardt Scheurebe trocken zeigt, welche eleganten trockenen und sehr sinnlichen Weine aus dieser oft verkannten Rebsorte möglich sind. Scheißt auf Sauvignon Blanc! Trinkt Scheurebe! Und der 2014 Haardt Muskateller trocken duftet schon vielversprechend nach reifen Trauben, reifem Pfirsich, Muskat und roter Grapefruit und schmeckt schon mineralisch und komplex mit viel angedeuteten Fruchtnoten, die sich im Laufe der nächsten Monate deutlicher zeigen.

Man kann trendiger trinken als MüllerCatoir, aber kaum besser!

 

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Der Jahrgang 2014 beim Weingut Keller (Flörsheim-Dalsheim/Rheinhessen) von Frank Ebbinghaus

Schwierig, schwierig, so lautet die überwiegende Einschätzung des Weinjahrgangs 2014 in Deutschland, der jetzt auf den Markt kommt. Unerfahrene Konsumenten kann das verunsichern. Andererseits: Wer in einem sehr uneinheitlichen Jahr, das mit Reifeproblemen und Fäulnisdruck zu kämpfen hatte, ausgezeichnete Weine erzeugt, dem darf man auch künftig blind vertrauen.

Wo wären solche Erwartungen besser aufgehoben als beim Weingut Keller (Flörsheim-Dalsheim/Rheinhessen)? Hier klagt man jedoch nicht über Wetterkapriolen, sondern freut sich über eine Ernte, „die uns ein glückliches Lächeln ins Gesicht zaubert!“

In der Tat verfügen die probierten 2014er Keller-Weine über die immer wieder gelobte Harmonie und Präzision, welche die Herzen vieler Keller-Fans höher schlagen lässt. Ich gehöre eher nicht dazu, was weniger am Winzer und seinen Weinen liegt (allerdings fand ich manchen trockenen Keller-Riesling in der Vergangenheit etwas langweilig) als an der fast schon religiösen Verehrung, die ihm von manchen Weinfreunden entgegengebracht wird. Das hat mich immer wieder abgeschreckt. Der furchtbarste Keller-Fan ist der Gault Millau Weinguide, der auf der Suche nach unverbrauchten Superstars in den 90ern das Weingut in den Himmel hob und meine damaligen rheinhessischen Lieblingsweingüter Gunderloch und St. Antony aus demselben Grund systematisch abwertete. Dass das eine nicht ohne das andere ging, nahm ich übel.

Allerdings habe ich Keller-Weine getrunken, die mich stets begeisterten. Das Große Gewächs AbtsE, zum Beispiel und vor allem der restsüße Riesling-Kabinett, der auf mich wie eine Hommage an Weine dieses Typs von Mosel, Saar und Ruwer wirkt. Das sind Jahr für Jahr ungeheuer sinnliche und expressive Weine, die man, obwohl hoch-komplex eimerweise trinken möchte. Klaus-Peter Keller hegt offenbar eine große Zuneigung zum Riesling Kabinett, was sich in der ehrgeizigen Preisgestaltung niederschlägt wie auch in dem Umstand, dass er jedes Jahr eine Versteigerungsabfüllung erzeugt, der den regulären Kabinett nicht nur preislich toppt – ein Wein wie ein Feuerwerk: schlank, kühl, brillant, sehr mineralisch, mit einer sexy Frucht.

Auch der 2014er Riesling Kabinett H ist wieder sehr gelungen. In der Nase pudrig süß, kalkig, mit feiner Honigmelone, am Gaumen zunächst ziemlich süß, wobei die gut verborgene, aber nicht unbeträchtliche Säure für die Balance sorgt. Feinste mineralische Adern durchziehen den Wein, der noch sehr unfertig wirkt und viele Jahre reifen kann. Wenn ein Winzer hervorragend hohe Säurewerte managen (soll heißen: verstecken) kann, dann Keller. Auch der feinherbe 2014 Riesling RR hat gewiss keine geringe Säure, aber sie schmiegt sich so eng an den schlanken, jedoch keineswegs kargen Körper, dass dieser Wein auch jedem säureempfindlichen Gaumen schmeichelt. Die ausgeprägte Mineralität wirkt drucklos und sanft, aber stets spürbar, angenehm verhalten steigen gelbe Früchte und rosa Grapefruit auf – den Eindruck großer Eleganz bestärkt nicht zuletzt der Alkoholgehalt von gerade mal 12%.

Stilistisch eng verwandt und äußerst gelungen ist die 2014 Scheurebe trocken. Weine dieser Rebsorte können leicht unharmonisch schmecken, vor allem, wenn die Säure nicht richtig reif ist. Hier aber zeigt sie sich perfekt integriert. Der Wein riecht nach Cassis, kühlem Weinbergpfirsich, später auch nach Litschi und schmeckt nach zartem Pfirsich Melba, je einer Prise Muskat und Liebstöckel – alles ist fein, kühl, saftig und sehr animierend auch bei gerade 12% Alkohol.

Der Eindruck von Präzision, Zartheit und fast schwebender Anmut zeigt sich beim trocknen Riesling RR wie bei der Scheurebe besonders, wenn man die Weine nach einer Woche aus der offenen Flasche erneut probiert: Ballerinen, versunken im ätherischen Spitzentanz –für alle, die Ballett-Weine mögen.

Fotos von Thorsten Jordan

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Sein Name ist HE von Frank Ebbinghaus

HE: Das Monogramm eines Mannes von Welt und Stil schmückt nicht mehr Hemdkragen oder Manschettenknopf, sondern eine Weinflasche. Diese Verbindung zielt mit minimalem Aufwand auf maximale Synergien und größtmögliche Distinktion ab.

HE: So steht es auf dem Etikett einer Flasche Pinot Noir. Und mehr muss man in bestimmten Kreisen nicht sagen, um Glanz in die Augen zu zaubern. Natürlich ist dieser Wein ziemlich exklusiv. Was freilich weder am Preis von knapp 80 Euro pro Flasche (das ist kein Pappenstil, aber es gibt weitaus exklusiveres), noch am Namen liegt („HE“ = Hans Erich Dausch = ein Allerweltsname, kennt kein Mensch außer ein paar Eingeweihten). Sondern am Konsumenten selbst, der sich durch den Kauf von „HE Pinot Noir“ als wahrer Kenner von erlesenem Weingeschmack ausweist.

Rar sind die Weine nicht unbedingt, Google nennt Bezugsquellen. Bei öffentlichen Verkostungen sind die HE-Pinots aber nicht präsent. Marketing gibt’s nicht und mal eben probieren ist auch nicht, es sei denn, man hat einen guten Freund, der vom HE-Virus infiziert ist und eine Flasche aufreißt. Wer HE Dausch googelt, findet dessen Uralt-Homepage, dann die Überschrift “ eines Weinhändlers: „HE The Guru“. Klingt doch vielversprechend mysteriös.

Aber dann steht da an einem sonnig-warmen Samstagabend im Berliner Sternelokal Frühsammers Restaurant eine fröhlich grinsende Pfälzer Frohnatur, die der Grünewalder Tennis-Schickeria, die auf den angrenzenden Plätzen schweißtreibend und lautstark übt, die rote Daunenweste zeigt. Hans Erich Dausch, der sich HE nennt, war mal Bankmanager, auch Skilehrer. Er entstammt einer Pfälzer Winzerfamilie, fünf Hektar Reben und Schnapsbrennerei: „anständige Qualität, aber nix zu verdienen“, sagt HE selbst. Deshalb die Flucht ins Geldgewerbe, das ihn jedoch direkt zurück zum Wein führte.

Denn als Bank-Angestellter in Siebeldingen machte er die Bekanntschaft mit Spitzenwinzer Hansjörg Rebholz, der ihn zu Proben mitschleifte und in ihm die Liebe zum Wein weckte. HE verfügt über keine weinspezifische Ausbildung, er hat sich alles ehrlich selbst ertrunken. Die großen Pinot Noirs des Burgunds liebt er.

Seine Leidenschaft ist freilich nicht nur auf Konsumtion beschränkt. HE verfügt über die Fähigkeit Weine zu „lesen“ wie ein mit allen Wassern gewaschener Bankprüfer eine Karstadt-Bilanz. Ihm entgeht nichts. Und er weiß, wie man’s besser macht. Kurz nach der Jahrtausendwende holte ihn Heidrun Becker als Berater ins Weingut Friedrich Becker (Schweigen/Pfalz), das für seine Spätburgunder längst berühmt war. 2006 hat HE angefangen, eigene Weine zu erzeugen. Einen Hektar Rebfläche besitzt er in der Lage Eschbacher Hase. Ein Weingut hat er nicht- Seine Weine produziert HE seit 2010 in dem bekannten Pfälzer Weingut Knipser (Laumersheim).

HE hat klare Ansichten über Wein und besonders über Pinot Noir. Seine Philosophie legt er mit bestechender Einfachheit dar: „98 Grad Oechsle sind mir am liebsten“, sagt er zum Beispiel, „die Traubenkerne müssen sich vom Fruchtfleisch lösen“. HE schwört darauf, dass eisenhaltige Kalkböden für Pinot Noir am besten sind. Je mehr Eisen, desto besser.

Das Burgund – und dort natürlich nur die Top-Erzeuger – sind für ihn die Benchmark. Aber er ist kein Guru und auch kein Burgund-Jünger, der vermeintliche Patentrezepte nachahmt. Wie auch? Es gibt ja nicht den einen burgundischen Stil. Wohl aber Vorstellungen von Eleganz, Finesse und Sinnlichkeit. Und genau dahin will HE mit seinen Weinen.

Und nicht nur mit den eigenen. Er arbeitet inzwischen als Berater. Seine Kunden sind die Weingüter Bernhard Koch (Hainfeld/Pfalz), Uli Metzger (Grünstadt/Pfalz), Thomas Hörner (Hochstadt/Pfalz) und seit letztem Jahr Dr. Corvers-Kauter (Oestrich-Winkel/Rheingau). Dass die Spätburgunder-Weine von Bernhard Koch und Uli Metzger seither Verkostungswettbewerbe gewinnen, ist sicher kein Zufall.

HE verfügt über die Fähigkeit, Erfahrungen in Aphorismen zu gießen: Er sagt Sätze wie: „Viele faule Leute sagen viele faule Sachen.“ Soll heißen: Schöne Worten machen keinen großen Wein. Oder: „Dass ich der Magier bin, einfach die Hand aufs Fass lege und alles wird gut? So läuft der Job nicht“. Ziemlich cool fand ich den Satz: „Romanée-Conti [den berühmtesten und teuersten Wein des Burgunds] aus der Flasche habe ich noch nicht probiert, wohl aber aus dem Fass.“ Klingt großmäulig, ist es aber nicht. Eher typisch HE. Er hat sich von dem besonderen Moment (Romanée-Conti aus dem Fass probieren zu dürfen ist noch exklusiver als den Wein für eine fünfstellige Summe zu kaufen) nicht blenden lassen, sondern hielt Sinne und Verstand eingeschaltet. Seither schwört HE zum Beispiel auf die Fässer der berühmten Tonnellerie Francois Frères in Saint Romain. Er baut seinen HE Pinot Noir zu 100% in neuem Holz aus. Doch das schmeckt man selbst seinen jungen Weinen kaum an.

Im Jahrgang 2012 konnte er drei Weine erzeugen. Sie sind von außergewöhnlicher Eleganz und Feinheit, duftig und obwohl völlig trocken von einer feinen Himbeersüße durchzogen. Beim 2012er Eschbacher Hasen Pinot Noir riecht man förmlich den Boden: nasses Eisen, aber auch Blut. Der 2012 Herrschaftswingert Pinot Noir verfügt noch über einen aparten Stinker vom Ausbau, aber neben der eleganten Frucht auch über ultrafeine Tannine, während der Spitzenwein 2012 HE Pinot Noir bei aller Feinheit rauchig und animalisch wirkt. Hier ist Großes im Werden, das braucht viel Zeit. Gleiches gilt für den Jahrgang 2011, der reif wie der 2009er ist, nur viel feiner. Und wenn ein Wein wie der 2009 HE Pinot Noir, der Rauch, Himbeergeist, Herzkirsche, einen Hauch Vanille und Lorbeerholz mit einer schönen Säure zusammenführt, bei diesem Winzer ein Höchstmaß an Reife darstellt, dann weiß man, dass HE selbst in einem sehr reifen Jahrgang seine Vorstellung von burgundischer Eleganz durchzusetzen vermag.

An diesem Abend wurde aber auch eine eindrucksvolle Ehrenrettung für sehr deutsch schmeckende Spätburgunder eingelegt. Der 1989 Assmannshäuser Höllenberg Spätlese trocken der Hessischen Staatsweingüter roch zwar nach einer seit 1989 getragenen Birkenstocksandale, schmeckte aber fein und zart nach Kirsche, verblüffte mit elegantem Tannin und fein-säuerlichem Abgang.

Nicht nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt dass der Abend mit einem eindrucksvollen „Jungwinzer-Debüt“ begann: Ein 2013 Kallstadter Saumagen trocken, der die frühlingshafte Stimmung dieses schönen warmen Maitages mit allen Düften und Farben wachrief, aber auch schon den Sommer mit reifem Pfirsich und Aprikose ankündigte und mit feiner Salzigkeit endete. Der Wein stammte von keinem geringerem als Winzerlegende Bernd Philippi, der nach seinem Ausstieg aus seinem ehemaligen Weingut Koehler-Ruprecht ein kleines Stück aus der berühmten Lage Saumagen gekauft hat. Kaum mehr als tausend Flaschen erzeugte er 2013. In den Verkauf kommen sie freilich nicht. Er will sie selbst trinken.

Fotos Gerhard Gneist

 

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Farewell Charakterkopf! von Frank Ebbinghaus

Der Weinkeller: Unendliche Weiten, aber keine gähnende Leere. Und irgendwo im verdichteten Raum des flaschenreichen Kosmos treiben schwarze Löcher ihr Unwesen. Dort, wo manche Bouteille mitunter einfach verschwindet, um dann nach Jahren in Raum und Zeit wieder aufzutauchen. Kein ordnendes Schöpfungsprinzip kann temporäre Verluste hindern, ab einer gewissen Kellergröße stellen sich Unauffindbarkeiten ein, die bisweilen auch absichtsvollem Vergessen geschuldet sein können. Denn was sich dem sicheren Zugriff entzieht, ist das oft wenig Geliebte, bewusst Unbeachtete, dem man nicht nachgeht, wenn einem der Verlust dämmert. Aber alles findet sich auf Dauer wieder ein. Und dann können Wunder geschehen.

Es war eigentlich nur preiswerter Beipack für die teuren Burgunderweine des Weinguts Rudolf Fürst (Bürgstadt/Franken). So landeten vor rund zehn Jahren jeweils drei Flaschen „Bundsandsandstein-Terrassen Alter Satz von Riesling & Silvaner“ der Jahrgänge 2003 und 2004 in meinem Keller. Sie wurden nach Ankunft kurz genossen, ohne das Bedürfnis nach mehr zu wecken. Sehr mineralisch waren sie, fruchtarm, mit ordentlich Säure sogar im Jahrgang 2003 – echte Charakterköpfe, herausfordernd. Vor zwei oder drei Jahren öffnete ich eine vergessene Flasche 2003er und war begeistert: Der Wein war ungeheuer hedonistisch, fantastisch balanciert – ein Saufwein für Wein-Gebildete. Ich fand eine Flasche 2004er, von der ich glaubte, sie sei die letzte, war aber enttäuscht. Der Wein wirkte flach.

Aber nun geriet mir die allerletzte 2004er in die Hände. Und, oh Wunder: Der Wein entpuppte sich als perfekter Gentleman: Grüngold funkelte er im Glas, mit feiner Reife, Apfel, Seetang, zarter Süße, reifer, unterstützender Säure im Hintergrund (wohl mehr Silvaner als Riesling) und einer fast etwas schaumigen Viskosität – ein Hochgenuss.

Es gibt eben keine schwachen Weine von großen Winzern. Nur falsche Trinkfenster.

Jetzt ist sie unwiederbringlich dahin, die letzte Flasche eines Weines, der schon lange nicht mehr produziert wird.

Fränkischer Charakterkopf, gerne hätte ich mich noch länger mit Dir unterhalten. Doch habe ich Dich zu lange verkannt. Und jetzt bist Du für immer verstummt. Farewell! Hier setzte ich Dir Dein wohl verdientes Denkmal.

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Franz Hirtzbergers Singerriedel Riesling “Smaragd” von Frank Ebbinghaus

Kaum eine Weinbergslage auf der ganzen Welt wird so stark mit einem einzigen Winzer assoziiert wie der Singerriedel von Spitz in der Wachau/Österreich mit Franz Hirtzberger. Seit den frühen 1980er Jahre trieb er mit großem Nachdruck die Rekultivierung von den weitgehend brach liegenden Terrassen dieser Steillage voran. 1987 hat er den ersten (recht bescheidenen) Wein geerntet und schon während der 1990er wurde der Singerriedel Riesling von Weingut Franz Hirtzberger ein begehrter Kult-Wein. Inzwischen ist der Wein der Inbegriff des üppigen Wachauer Riesling “Smaragd”. Frank Ebbinghaus hat 20 Jahrgänge davon verkostet und der Mythos ergründet.

Man schließe für einen Moment die Augen. Und male sich den verführerischen Gedanken aus, von einem der besten Weißweine der Welt 20 Jahrgänge am Stück verkosten zu dürfen. Was wäre da zu erwarten? Eine blitzsaubere Reihe von Topweinen, die witterungsbedingten Unwägbarkeiten trotzen und in jedem Jahr gleich hell strahlen, um alles in den Schatten zu stellen? Edle Tropfen, deren jahrgangstypische Ausprägungen ihren Spitzenrang kontinuierlich bestätigen? Oder Weine, in denen sich natürliche Einflüsse wie Mikroklima, Boden und Witterungsverlauf konsequent spiegeln sollen, weshalb der Winzer seinem Gestaltungswillen bewusst Grenzen setzt. Diese Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich vergangenen Samstag das Restaurant Annabelles Kitchen in Berlin verließ. Hinter mir lag eine Verkostung von 20 Jahrgängen des sehr berühmten, teuren und hoch bewerteten Riesling Smaragd Singerriedel des ebenfalls sehr renommierten Wachauer Weinguts Franz Hirtzberger (Spitz/Österreich).

Franz Hirtzberger muss der Welt nichts mehr beweisen. Jahr für Jahr werden seine Spitzenweine von der internationalen Kritik mit hohen Bewertungen bedacht. Sein Weingut steht im Zeichen einer ausgeprägten Kontinuität, die auch seinen längst in den Betrieb eingestiegenen Sohn einschließt. Umso bemerkenswerter, dass er zu dieser Probe persönlich nach Berlin gekommen war und einem kleinen Kreis von Weinfans Rede und Antwort stand. Er tat dies mit einem ganz unaufdringlichen Selbstbewusstsein, das seinen Weinen genug Platz bot für sich selbst zu sprechen. Und das taten sie vernehmlich.

Deshalb zurück zur Eingangsfrage: Welches Ergebnis brachte die Verkostung von 20 Jahrgängen eines solchen Ausnahmeweins? Zunächst ein ernüchterndes: Acht Weine waren nach meinem Geschmack lediglich gut oder sehr gut, bei zwei Weinen notierte ich mir Steigerungspotential, das sich mit weiterer Reife einstellen könnte. Von herausragender Qualität erschienen mir neun Weine, wovon zwei zu wahrer Größe heranwachsen könnten. Nur zwei Weine habe ich als vorbehaltlos groß eingestuft. Bei einem Wein, dem 2007er, den Franz Hirtzberger für sehr vielversprechend hält, lag womöglich ein Flaschenfehler vor. Er ging nicht in die Bewertung ein.

Man sollte das nicht auf die Goldwaage legen. In dieser Bewertung spiegelt sich natürlich mein persönlicher Geschmack. Überdies relativiert genauere Betrachtung das kritische Fazit: Kein einziger Wein schmeckte alt. Und in keinem Jahrgang vermisste man das typische Singerriedel-Geschmacksbild: In der Jugend sind das überschwängliche Marillen- und Litschi-Aromen, mit zunehmender Reife stellen sich Waldhonig ohne Süße, Tabak- und Kräuteraromen ein, wobei diese Weine bei aller Reife über eine sehr präsente Säurefrische verfügen.

Zu diesem sensorischen Eindrücken passen die Aussagen des Winzers, die eine klare Philosophie ausdrücken: In jedem Jahr, so Franz Hirtzberger, wolle man herausholen, was möglich sei. Das bedeutet: Eine späte Lese möglichst reifer Trauben. Wenn Botrytis, dann nur von gesunden, voll ausgereiften Beeren. Und in der Regel wird dem Wein vier bis fünf Gramm natürlicher Restzucker oder mehr gelassen, der für Balance sorgt. Hier hat ein Winzer über Jahrzehnte hinweg ein tiefes Verständnis für „seinen“ Weinberg entwickelt. So ist eine Partnerschaft zwischen gestaltendem Subjekt und Natur gewachsen, wobei letzterer alle Möglichkeiten eingeräumt werden sollen, um sich ohne Zwang bestmöglich zu entwickeln.

Es wundert daher nicht, dass die Weine sehr unterschiedlich schmecken und meine Vorstellung von einem großen Wein mitunter deutlich verfehlen. Das gilt besonders für die Jahrgänge 1998, 1999 und 2000, die bei allen Unterschieden eine übermächtige Wucht einte, die mir jedes Trinkvergnügen raubten. Auch der seinerzeit von der Kritik zum Super-Jahrgang hochgejazzte 2006er enttäuschte mich mit seiner Schwerfälligkeit und dem brandig-süßen Abgang.

Überhaupt: Wer auf Finesse und Eleganz steht, wird mit dem Singerriedel nicht zwangsläufig glücklich. Über einige Feinheit verfügt der 1997er, der heute bereits sehr beeindruckt, aber noch zu echter Größe heranreifen kann. Den 1992er Singerriedel zeichnet eine seidige Säure aus und eine große Harmonie – ein tolles Ergebnis für diesen Jahrgang. Eine echte Überraschung bot der 2003er Singerriedel: Im Hitzejahr gelang Franz Hirtzberger trotz geringer Säure ein sehr animierender, keineswegs fetter Wein. Gelbe Früchte werden von einer nur leichten Süße und von Tabaknoten umspielt, so dass sich ein schöner Trinkfluss einstellt.

Ebenfalls sehr eindrucksvoll, wenn auch geschmacklich aus dem Rahmen fallend, der außergewöhnlich schlanke 1990er. In diesem Jahr hat Hirtzberger einen völlig trockenen Wein erzeugt, der trotz neun Promille Säure und nur einem Gramm Restzucker, sehr harmonisch schmeckt, aber aufgrund seiner markanten Säurefrische nicht jedem am Tisch gefiel.

Was aber macht die wirklich großen Singerriedel-Rieslinge aus? Es ist wohl vor allem die perfekte Balance aus gezügelter Reife und mineralischer Säure, wobei die Frucht in der Jugend nicht zu reif schmecken darf, die Säure hingegen nicht reif genug sein kann. So ein Wein ist der 2004er Singelrieder Riesling Smaragd, ein sehr konzentrierter, aber keineswegs übermächtiger, sondern eleganter Wein, der jetzt in einem ersten Reifestadium ist und mit feinen Fruchtnoten einen charmanten Gegenpol setzt zum lebendigen Mineralienspiel – für mich der beste Wein der Probe, der mühelos neben allen großen trockenen Weißweinen besteht, die ich je probieren durfte. Kaum weniger eindrucksvoll der 2002er aus einem Katastrophenjahr, wie Franz Hirtzberger erzählte, als durch starke Regenfälle im Sommer rund 50.000 Quadratmeter terrassierendes Mauerwerk in den Wachauer Weinbergen eingestürzt waren und zur Rettung das Bundesheer anrücken musste. Der Herbst aber war gut. Und so brilliert auch dieser Wein mit einer eleganten, sehr animierenden Art.

Drei weitere Jahrgänge haben das Zeug, sich ebenfalls zu derartigen Monumenten der Rieslingkultur zu entwickeln: Das ist der recht leicht, fein und ebenfalls elegant wirkende 1997er mit seiner feinen, leicht röstigen Paprikanote, dessen Trauben vor der Lese Frosttage zu überstehen hatten, ohne dass sie selbst gefroren waren. Ebenso der 2001er, der mit einer kühlen Tabaknase besticht, nicht zu reif wirkt und dessen im Moment noch recht deutliche Säure sich mit den Jahren zu einem noch mineralischerem Finish entwickeln kann. Und dann ist da noch der 2013er, der zwar sehr gelbfruchtig-reif wirkt, aber im Gegensatz etwa zum 2009er und 2011er nicht üppig schmeckt, sondern seine reife Frucht durch eine bereits perfekt eingebundene mineralische Säure in einer feinen Salzigkeit bändigt – der macht viel Spaß und hat eine große Zukunft.

Was ist das Fazit? Wer große Weine sammelt, sollte ihren Stil sehr mögen. Mir ist der Singerriedel Riesling Smaragd von Franz Hirtzberger oft einfach zu mächtig und zu kraftvoll. Deshalb kommen für mich auch angesichts der Preise, die im Internet bei knapp 60 Euro gerade erst beginnt, nur wenige Jahrgänge überhaupt in Frage. Und ich würde sie nie blind kaufen. Was aber jene Fans durchaus tun, die diese Weine sehr lieben. Sie können darauf bauen, dass Franz Hirtzberger Jahr für Jahr einen Wein präsentiert, der die Geschichte des Jahrgangs und seiner berühmten Lage erzählt und sich als selbstbewusste Persönlichkeit nicht verbiegen lässt – genau wie seine Erzeuger. Es ist ein Wein, wie ihn der Winzer will und die Natur hergibt. Nicht mehr und nicht weniger.

 

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Erich Machherndl und die ganz andere Wachau (Österreich) von Frank Ebbinghaus

Wer Erich Machherndl reden hört, schaut ihm beim Denken zu. Man spürt, wie Energieströme in Lichtgeschwindigkeit durch die Neuronen und Synapsen seines Gehirns rasen, um als Schallwellen mehr ausgestoßen als sorgsam artikuliert zu werden. Die salvenartige Suada wird in dem Tempo gesprochen in dem sie gedacht wird: impulsiv, aber doch keineswegs ungeordnet. Machherndl, der ein kleines Familienweingut in Wösendorf/Wachau (Österreich) betreibt, hat sich so ziemlich über jedes Detail der Weinbereitung seine Gedanken gemacht. Und lässt seine Zuhörer, die sich in der Berliner Weinschenke „Weinstein“ zur Probe zusammenfanden, keineswegs darüber im Unklaren, dass sich seine Weine detaillierter Überlegungen versanken, die selbst vermeintlichen Kleinigkeiten größte Bedeutung beimessen, wobei der Winzer sehr aufmerksam die Produktionsweisen seiner zum Teil hoch berühmten Kollegen beobachtet.

Knochentrocken und Null Botrytis: So lautet Machherndls Kredo. Er gehört zu einer neuen Generation Wachauer Winzer, die auf einen klaren, mineralischen Weinstil schwört. Und tatsächlich gibt es an diesem Abend einige beeindruckende Weine in diesem Stil zu probieren. Aber die besten Weine sind doch ganz anders.

Was wie ein Widerspruch wirkt, ist doch nur Ausdruck einer urwüchsig kreativen Energie, die diesen Winzer auch dazu antreibt, seine Überzeugungen nicht in Dogmatismus erstarren zu lassen. Aber der Reihe nach. Es gab an diesem Abend die Gelegenheit, neben dem aktuellen Jahrgang auch gereifte Weine zu probieren. Erich Macherndl selbst führt seit 1998 das Weingut, betont aber die große Kontinuität zu seinem Vater, mit einem Unterschied: „Im Gegensatz zu meinem Vater bin ich richtig charmant.“

Das durfte er ruhig aussprechen, denn die gereiften Machherndl-Weinen bestachen mehr durch ihren kompromisslos mineralischen Charakter als durch Charme. So wie der 1992 Kollmütz Grüner Veltliner Smaragd, der, nachdem er eine unangenehme Kellernote abgelegt hatte, nach nassem Stein und feuchtem Laub duftete, unter Lufteinfluss zulegte und vor allem als Essensbegleiter gute Dienste leistete.

Noch lebendiger war der 2001 Jochinger Steinwand Grüner Veltliner Smaragd mit seinem Duft nach grünen Walnüssen, die sich auch im Geschmack wiederfanden, als eine leicht medizinale Aromatik in den Hintergrund trat. Wie gesagt: Fordernd, uncharmant, aber charakterstark und mit Trinkfluss ausgestattet – was für Fans.

Welche Überraschung aber bereitete uns der 1990 Kollmütz Riesling Smaragd? Feine Bienenwachsnoten mischten sich mit Melonenduft, die frische, feine Frucht klang am Gaumen in einer leichten Nougatnote aus. Der Wein verfügt über eine spürbare Süße, die ihm einen gesetzten Alterscharme verleiht, der freilich einer pointierten Lebendigkeit und Eleganz den Vortritt lässt. Gerne würde ich wissen, welcher trockene deutsche Riesling aus diesem vormaligen „Jahrhundertjahrgang“ es mit diesem Wein noch aufnehmen könnte.

Deutlich süßer schmeckte der 2007 Kollmütz Riesling Alte Reben halbtrocken, der schon recht gereift wirkte und einem Eindrücke von mürbem Apfel, Orange und Orangenzeste über den Gaumen schickte bis einen das steinige Finale wieder erdete. Besonders bemerkenswert: Dieser Wein hatte versehentlich einen biologischen Säureabbau vollzogen. Rieslinge können dann oft schlapp und fett schmecken, sie verlieren mit der Äpfelsäure oft ihre Spritzigkeit und Brillanz, was bei diesem Wein aber überhaupt nicht ins Gewicht fiel.

Noch einen spektakulären „Ausreißer“ aus der Produktphilosophie erbrachte die Verkostung des aktuellen, noch nicht abgefüllten Jahrgangs 2014. Denn der erst am Vortag filtrierte 2014 Kollmütz Riesling Smaragd, der mit seiner knochentrockenen, von einer laserstrahlartigen Säure getragenen Art geradezu bestach, weil der Wein eine tolle Harmonie und beeindruckende Länge aufwies, hatte einen noch eindrucksvolleren Zwillingsbruder. Dieser Riesling gleichen Namens wurde am 26. Oktober 2014 gelesen, als sich auf den sehr reifen Trauben gerade ein wenig Botrytis bildete. Eben so viel, dass sie die vielschichtige Frucht des Weins zum Tanzen brachte, während die kräftige Säure ein salziges Finale beschert – ein Meisterwerk im Werden.

Dass auch Erich Machherndls Neuronen und Synapsen gelegentlich ein heißes Tänzchen hinlegen, bewies zum Abschluss ein Experiment. Die Trauben für das 2014 Grüner Veltliner Federspiel waren erst am 26. November 2014 gelesen worden! Der Most lag ganz zehn Tage auf der Maische. „Mein leichtester Wein,“ grinste Machherndl als wir probierten und von einer Wahnsinnsaromatik, die grüne Nüsse, weißen Pfirsich und vieles andere enthielt, hingerissen wurden. Leicht waren hier nur der Alkoholgehalt von 11,6 Prozent und die Gedanken, welche die Entstehung dieses Wunderwerks ermöglichten.

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Jay Somers: Winemaker / Lead Guitar von Frank Ebbinghaus

“Pinot-Noir-Musik die meinen Herz trifft aber bezahlbar ist!” Stuart Pigott 

Nina ist so eigenwillig und kompromisslos wie man es von einem Winzer oder einer Winzerin erwarten kann. Für sie gibt es nur ein Ziel, das sie mit Geduld und äußerster Beharrlichkeit verfolgt. Alles andere ist untergeordnet. Egal, ob Wetterkapriolen, Hunger, Schmerz oder völlige Erschöpfung: Kein Hindernis und keine Qual sind groß genug, um Nina auch nur ein Jota von ihrem Weg abzubringen. Wie wohl die Pinot Noirs von J. Christopher (Oregon/USA) schmecken würden, wenn Nina für ihre Erzeugung zuständig wäre? Die Antwort bleibt hypothetisch. Denn Nina ist die deutsche Schäferhündin des Weinmachers Jay Somers (im Bild oben). Und ihre einzige Leidenschaft, die in dieser totalen Hingabe selbst unter Caniden nicht eben häufig zu beobachten ist, liegt im Apportieren von Bällen.

Aber über die Wesensähnlichkeiten von Herrn und Hund kursieren ja die unterschiedlichsten Mutmaßungen. So darf man fragen, inwieweit der Herr nach seinem Hund geraten ist. Und was das für die Pinots des jungen Weinguts J. Christopher bedeutet. Zielstrebigkeit mag man Jay Somers durchaus unterstellen, bedenkt man, dass er seine Winzerkarriere 1996 mit zwei Eimern Trauben im elterlichen Haus begann. Und heute über über 10 Hektar eigene sowie 16 Hektar  zugekaufte Reben gebietet sowie über eine stattliche Winery, deren Fasskeller in die Felsen der Chehalem Mountains getrieben wurden.

Und doch würde man prima vista nicht behaupten wollen, Jay Somers sei einer dieser super-ehrgeizigen Masterplan-Winzer. Er wirkt wie ein Künstler, der die Empfindsamkeit seiner sensiblen Seele mit einer Prise Selbstironie bestäubt. Und Künstler ist er in der Tat, einer von hohen Graden sogar, sehr begabt, wie man hier sehen und hören kann:

https://www.youtube.com/watch?v=ytoP4jAlaR0

Der Ziegenabart am Bass ist übrigens Tim Malone. Der hat am feinen Berklee College of Music in Boston studiert und ist im Weingut so was wie Jays rechte Hand. Zwei Musiker, die Pinot Noir erzeugen: Das klingt recht romantisch. Und vielleicht würden die beiden auch heute noch in irgend einer Garage handgemachte Preziosen kreieren, die die Welt nie erreichen, wenn nicht ein deutscher Riesling-Winzer und Burgunder-Aficionado auf Jays Weine aufmerksam geworden wäre und in ihnen die burgundischsten in Oregon gesehen hätte. Eine steile These, gewiss. Aber wenn man weiß, dass sie aus dem Mund von Mosel-Winzer Ernst Loosen stammt, der neben Riesling auch Pinot Noir liebt wie sonst nichts auf diesem Planeten: Dann wird man doch neugierig.

Ernst Loosen wollte immer schon Pinot Noir erzeugen: Das Burgund war ihm zu teuer, die Pfalz, wo er mit seinem Weingut Villa Wolf auch sehr guten Spätburgunder herstellt, für seinen Ehrgeiz zu wenig. Aber die Weine von Jay Somers faszinierten ihn von Anfang an. Und weil Loosen nicht nur das Duracell-Häschen unter den deutschen Weinmachern ist, sondern in puncto kompromissloser Fokussierung auch der wahre Wesensverwandte von Jays Schäferhündin Nina, wurde die Idee eines gemeinsamen Weinguts schnell in die Tat umgesetzt. Dabei war Loosen völlig egal, dass das Mini-Weingut J. Christopher bis dato in den USA keinen Ruf hatte. Loosen dagegen verfügt über einen nicht eben geringen, seit er im Rahmen eines Joint Ventures mit Chateau Ste. Michelle (Woodinville/Washington State) Riesling erzeugt und auch mit seinem Mosel-Marken-Riesling „Dr. L.“ in Amerika gut im Geschäft ist. Dass es riskant ist, wenn ein Riesling-Star in einer anderen Region plötzlich Pinot Noir (ko-)produziert, weil die Marken-Identität Schaden nehmen könnte:  Das ist Loosen völlig wurscht. Und der Erfolg scheint ihm Recht zu geben. Die Weine sind von der Kritik positiv aufgenommen worden.

Kürzlich haben Loosen und Somers einige Pinot Noirs von J. Christopher in Berlin präsentiert. Schnell wurde deutlich, dass Jay Somers, der für Weinstil und -erzeugung verantwortlich ist, sehr klare Ansichten hat. Er holte erdgeschichtlich weit aus, rief die urzeitliche Überschwemmung des Columbia Valley durch die Missoula Flood in Erinnerung, folgte der Entwicklung von Gesteinsmassiven und Böden, räumte mit ein paar Vorurteilen über Neue-Welt-Pinots auf (von wegen breit und fett. Oregon ist kühler als das nördlich gelegene Washington, das Klima ist ziemlich unberechenbar, die Jahrgangsunterschiede groß). Dann erklärte er ausführlich die unterschiedlichen Terroirs und ließ zur Anschauung Bodenproben durch die Zuhörerschaft wandern. Dass die Trauben mit Füßen gestampft und mit Schalen vergoren werden (bringt Struktur und Eleganz), ist kein PR-Gag, ebenso wenig das Bekenntnis zu biodynamischen Produktionsmethoden, die die Böden lebendig und gesund halten. Und klar, spontanvergoren wird auch. All das sollte heißen: Hier weht der Geist von old Europe.

Aber wie schmecken die Weine? Mitgebracht hatte Jay Somers je drei Pinots der Jahrgänge 2011 und 2012, kühl der eine, der andere sehr warm. Man merkte die Unterschiede freilich kaum. Stil des Hauses ist ein kühler, straffer, sehniger und eleganter Pinot-Stil mit viel Struktur und Mineralität. Alle Weine wirkten embryonal und reduktiv. Sie sind komplex, verbergen ihre Frucht aber im Hintergrund. Wer sich jetzt mit ihnen beschäftigen will, braucht Zeit, Geduld und einen großen Decanter.

Und doch schmeckten die Weine sehr unterschiedlich: Während sich der vulkanische, sehr eisenhaltige Boden (ähnlich der Mosellage Ürziger Würzgarten) im 2012 Pinot Noir Dundee Hills in einer fast „blutigen“ Aromatik widerspiegelt, während von Ferne Johannisbeeren und Kirschen grüßen, gibt sich der auf felsigem Meeressediment gewachsene 2012 Pinot Noir ‚Nuages’ (Jazzfans wissen, woher der Name kommt) noch vornehm zugeknöpft, ein eleganter Gentleman, dessen Unnahbarkeit nicht über seine Sinnlichkeit hinwegtäuschen kann. Noch kühler, aber weniger tanninhaltig wirkt der 2012 Pinot Noir ‚Lumiere’, kein Wunder, ist ja auch die kühlste Lage, der Wein wirkt klar und präzise, die süße Kirschfrucht kündigt sich mit viel Finesse an.

Ein sehr warmer Jahrgang? Kaum zu glauben. Die Alkoholwerte liegen bei jedem Wein unter 14 % und damit auch unter den Werten (14,5% – 16%), die im Burgund in einem sehr reifen Jahr erreicht werden.

Die Pinots des Jahrgangs 2011 wirken nur wenig entwickelter. Ein kühlerer Jahrgang, aber auch einer, in dem die Trauben langsam reiften. Gelesen wurde erst im November. Der 2011 Pinot Noir ‚Bella Vida’ trägt dem Jahrgang durch seine kühle Aromatik Rechnung, die aufgrund des eisenhaltigen Vulkangesteins wieder diese eigenartige Blut-Aromatik aufweist, aber auch den Geschmack von Veilchen und kleinen Waldersbeeren. Etwas aus dem Rahmen fiel der 2011 Pinot Noir Lia’s Vineyard, dem Aromen von schwarzer Schokolade und Nougat entströmen, aber auch Kirsche und vieles andere, das noch recht ungeordnet wirkt. Eleganz auch hier, aber auch große Expression. Bevor wir den 2011 Pinot Noir Olenik verkosteten, hatte Jay Somers vernehmlich geseufzt: In richtig warmen Jahrgängen würden die Weine aus dieser Lage locker mehr als 16 % Alkohol aufweisen – eine echte Herausforderung. Aber 2011 war kühl und der auf Basalt und Sandstein gewachsene Olenik zeigt sich wie seine Geschwister sehr fein und elegant, Säure und Tannin sind gut integriert, die Veilchen-, Kirsch- und feinen Orangenaromen deuten auf eine reiche Frucht.

All diese Weine zeigen sehr gute Entwicklungsperspektiven. Das galt erst recht nach der Verkostung des 2007 Pinot Noir Dundee Hills, den ich vor ein paar Jahren schon mal sehr fein und verführerisch im Glas hatte, an diesem Tag aber sehr verschlossen fand. In den USA sei der schwer zu verkaufen, meinte Jay Somers. Das kann man auch als Kompliment für den Wein betrachten.

Und hier noch Musik mit Jay Somers:

https://www.youtube.com/watch?v=qDu1wHsc8dg

 

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