Category Archives: @deutsch

Meine Entdeckung von Günther Steinmetz von Frank Ebbinghaus

Mit wärmsten Empfehlungen hatte ich einen Sixpack zum Probieren bekommen. Von einem Weinfreund, der einen übrig hatte, weil er versehentlich doppelt bedacht worden war. Bedacht von wem? Von einem Mosel-Winzer, den ich nicht kannte. Mosel finde ich immer spannend. Aber in diesem Fall war meine Neugier etwas gedämpft. Nicht wegen der langweiligem Etikett mit einem Allerweltsnamen drauf, sondern weil mir das Loblied auf die Rieslinge des Weinguts Günther Steinmetz (Brauneberg/Mosel) schon aus allen Ecken des World-Wide-Web entgegengeschwirrt war. Mir scheint alle, wirklich alle haben die Steinmetz-Weine probiert und finden sie toll. Eine Blase. Konsensweine sind aber nicht mein Ding.

Ich schob die Weine also erst mal in meinen Büro-Kühlschrank und spielte auf Zeit. Dann hat der Klimek über Steinmetz geschrieben (http://www.thewineparty.de/2015/09/stefan-steinmetz-guenther-steinmetz-riesling-schiefer-mosel-mineralisch/), und zwar so kreuzbrav, dass ich erst recht keine Lust mehr hatte. Die Flaschen blieben in meinem Büro, aber das war kein Zustand. Ungute Schwingungen bereiteten sich von dort aus und beeinträchtigten meine Arbeit. Ich beschloss, die Flaschen mit nach Hause zu nehmen und sie dort aufzureißen. Probieren, wegschütten, vergessen: Das war der Plan. Ich habe sie dann aber leergetrunken, alle, keinen Tropfen gespuckt. Von den sechs Flaschen war nur eine dabei, die mich nicht völlig begeisterte. Aber auch sie habe ich bis zum letzten Schluck geleert. Später mehr dazu.

Dann habe ich den Winzer Stefan Steinmetz (Weingut Günther Steinmetz, Brauneberg/Mosel) angerufen und ihn gefragt, wie man ohne die üblichen, Aufmerksamkeit erregenden Rituale zu bedienen (z.B.: Orange-, Naturweine, neues Holz, Porno-Etiketten, Amphoren im Weinberg vergraben und den Vollmond anheulen undsoweiter), ja, diese sogar lässig unterlaufend und nur auf die Flüssigkeit als solche setzend zu einem Blogger-Liebling werden kann.

Das ist keine Frage, die ihn bewegt. Vor fünf, sechs Jahren habe er mit Facebook angefangen und sich in zahlreiche Weindiskussionsrunden eingeklinkt. Seine Weine fürs WWW entdeckt habe der ehemalige Blogger Christian Seegers. So kam eins zum anderen. Ein internetaffiner junger Winzer, also, ohne erkennbare Marketingstrategie. Am Telefon wirkt Stefan Steinmetz gut sortiert und klar im Kopf. Er hat präzise Vorstellungen von moseltypischem Riesling. „Der traditionelle Moselstil war nie süß, sondern trocken bis feinherb“, weiß er. Und so schmecken auch seine Weine. Im Keller übernehmen die natürlichen Hefen das Kommando, lediglich die Gärtemperatur wird kontrolliert, damit die Gärung nicht zu heftig abläuft. Fetteres Lesegut kommt ins Stahl, feineres, säurestärkeres ins Holz. Auf die Säurewerte achtet Stefan Steinmetz grundsätzlich nicht, auch ist ihm egal, ob die Weine analytisch „trocken“ werden oder nicht. Harmonie und Typizität sind ihm wichtig. Und nicht nur in dieser Hinsicht sind seine 2014er richtig gut gelungen. Kaum einer der probierten Weine hat mehr als zwölf Prozent Alkohol. Aber alle schmecken richtig trocken, besitzen viel Spiel, das der tollen Schieferwürze und den feinen Fruchtaromen Raum zur Entfaltung gibt. An den Steinmetz-Rieslingen ist nichts übertrieben, sie sind herrlich ausgewogen, moselanisch zart und kraftvoll zugleich. Das Zehn-Hektar-Weingut verfügt über Besitz in einer Reihe von Spitzenlagen wie Brauneberger Juffer, Wintricher Ohligsberg oder Piesporter Goldtröpfchen, die jedem Wein Klasse und Individualität verleihen.

Zart, mineralisch (dieses Wort gehört einfach hierher) und fast trocken schmeckt der 2014 Brauneberger Juffer Riesling Kabinett feinherb, dessen etwas rustikale Säure sich nach längerem Luftkontakt harmonisiert – ein schöner Sommerwein. Der 2014 Brauneberger Riesling riecht verhalten nach gelben Pflaumen und Pfirsich, schmeckt sehr saftig und entwickelt durch die lebendige Säure einen kräftigen mineralischen Zug. Viel weiße Pfirisichfrucht mit einem Hauch Litschi und zarten Kräuternoten zeigt hingegen der 2014 Wintricher Geyerslay Riesling Sur Lie, der trotz seiner feinen Cremigkeit kühl und elegant daherkommt. Etwas aus dem Rahmen fällt der 2014 Brauneberger Juffer Riesling -HL-, der fast ein wenig streng nach Safran schmeckt. Am besten gefielen mir zwei Weine, die unterschiedlicher kaum sein können. Während der 2014 Piesporter Goldtröpfchen Riesling -GP- mit seiner reifen fokussierten Säure geradezu unwiderstehlich nach der Haut eines reifen Pfirsichs schmeckt, ist der 2014 Wintricher Ohligsberg Riesling ein von Nebel umwaberter Berg, dessen gewaltige Ausmaße sich erst mit der Zeit erweisen werden.

Bevor der super-duper, bereits jetzt gehypte (ohne dass jemand probiert hätte) Jahrgang 2015 an den Start geht und die auf ihn vielstimmig gesungenen Hymnen bald alles vergessen machen wollen, was vorher war, sollten wir uns noch einmal zurücklehnen und bei einer Flasche Steinmetz-Riesling den Jahrgang 2014 hochleben lassen.

Posted in @deutsch | Leave a comment

Riesling Revelations 2015 – Die größte Riesling-Offenbarungen des Jahres von Stuart Pigott

Im vergangenen Jahr verursachte die Bekanntgabe meiner Riesling-Revelations, bzw. Offenbarungen einige Aufregung. Deshalb hatte ich keinen Zweifel, die Vergabe dieser Auszeichnungen zum selben Zeitpunkt in diesem Jahr zu wiederholen. Letztes Jahr kamen alle Gewinner aus Nordamerika, dieses Mal entschloss ich mich, einfach die aufregendsten und innovativsten Rieslinge herauszupicken, die ich im Laufe des Jahres verkostet habe. Dabei habe ich mich wieder an den vier Kategorien der International Riesling Foundation (IRF) orientiert: Dry – Trocken / Medium Dry – Feinherb / Medium Sweet – Zartsüß / Sweet – Süß. Mitunter fiel mir die Wahl sehr schwer, deshalb gibt es einen offiziellen Zweitplatzierten in der Kategorie Dry – Trocken.

Natürlich bin ich wieder sehr interessiert an Ihren Reaktionen. Leider ist es unmöglich, alle Importeure aufzulisten, die diese Weine rund um den Planeten Wein vertreiben, aber diese Informationen sind über das Internet leicht zugänglich.

RIESLING REVELATION 2015 DRY – TROCKEN:

2014 Watervale Riesling

Mitchell (Clare Valley, Südaustralien)

Nicht völlig zu Unrecht werfen Sommeliers und Konsumenten in Amerika und anderswo australischen Riesling-Erzeugern vor, extreme Weine zu produzieren. Wegen ihres besonderen Stils – knochentrocken und säurebetont, kombiniert mit intensiven Zitrusfruchtaromen – sind diese Weine in ihrer Jugend oft eine echte Herausforderung, weshalb ich diese Rieslinge oft auch als Bladerunner-Weine bezeichne. Verantwortlich für die hohe Säure wie für die spezielle Aromatik sind die intensive Sonneneinstrahlung, das enorme Tag-Nacht-Temperaturgefälle und die sehr trockenen australischen Sommer. Deshalb wird oft behauptet, diese Weine bräuchten etwas Süße, aber das erscheint mir eine allzu leichte Lösung. Dieser Wein beweist hingegen, dass höhere Eleganz auch erreicht werden kann ohne Süße oder irgendeinen anderen Trick, der die fundamentale Persönlichkeit dieses Weines verändern würde. Dieser trockene Riesling ist der beste, den die Familie Mitchell seit ihrem ersten Jahrgang 1977 erzeugte. Die Aromen von Passionsfrucht Melone und tropischen Blüten wirken in Kombination mit den leicht hefigen (meinst du das mit „funky“?) Noten der Spontanvergärung noch aufregender. Spüren Sie der komplexen Textur und Saftigkeit dieses Rieslings nach, genießen Sie das elegante, delikate mineralische Finale, um herauszufinden, warum der 2014 Watervale Riesling diese Kategorie gewinnen musste.

Etwa $ 22 in Australien, aber leider noch nicht in Deutschland erhältlich.

Direkte Kontakt: www.mitchellwines.com

Zweiter Platz RIESLING REVELATION 2015 DRY – TROCKEN:

2014 Riesling „239“

Boundary Breaks (Finger Lakes, New York)

Bis vor kurzem hatte ich immer, wenn ich trockene FLX (Finger Lakes) Rieslinge in Upstate New York probierte, das Gefühl, ihnen fehle es an Reife, um weltweit in der ersten Liga der trockenen Rieslinge mitzuspielen. Die einzige, aber häufige Ausnahme war Herrmann J. Wiemer von der Westseite des Lake Seneca. Doch mit den letzten Jahrgängen hatte eine kleine Handvoll anderer Winzer bewiesen, dass sie aufgrund hervorragender Weinbergsbewirtschaftung und später Lese ebenfalls imstande waren, diesen Kunstgriff hinzubekommen. Bruce Murrays erster Jahrgang war 2011. Dieser Wein stammt also erst aus der vierten Lese dieses Weinguts, das am Ostufer des Lake Seneca zu Hause ist. Weil Bruce die Lese bis zum 28. Oktober herauszögerte, konnte er perfekt reife, goldene Rieslingtrauben ohne jede Fäulnis lesen. Es war dann Kelby Russell von Red Newt Cellars (siehe unten), der mit seinem großen Gespür für Balance diesen bahnbrechend vollen, cremigen und würzigen trockenen FLX-Riesling vinifizierte. Das Resultat ist ein Wein so weit außerhalb aller FLX-Kategorien, dass ihm sicherlich beides widerfahren wird, wenn er am 16. März 2016 in den Verkauf kommt: Höchstes Lob und tiefste Verdammnis.

Um $19 in die USA, aber leider noch nicht in Deutschland erhältlich.

Direkte Kontakt: info@boundarybreaks.com, www.boundarybreaks.com

RIESLING REVELATION 2015 MEDIUM DRY – FEINHERB:

2014 Riesling Kabinett feinherb „Rotlack“

Schloss Johannisberg (Rheingau, Deutschland)

Wie kann ein Riesling des weltweit berühmtesten Erzeugers dieser Rebsorte eine Entdeckung/Enthüllung sein? Schloss Johannisberg ist international bestens bekannt für seine restsüßen Riesling Spätlesen, und seit Christian Witte 2005 Gutsdirektor wurde, erstrahlen die Weine dieser Kategorie in neuem Glanz (halten Sie unbedingt Ausschau nach der erstaunlichen 2013 Riesling Spätlese „Grünlack“!). In jüngster Zeit ist das Riesling Großes Gewächs (GG) „Silberblack“ in die erste Liga der trockenen Rheinweine aufgestiegen (der Jahrgang 2014 ist der vielleicht bisher beste). Weniger gesucht und bejubelt werden die „normalen“ Weine von Schloss Johannisberg wie dieses Meisterwerk, das mit seiner sehr feine Pfirsichnote und große Finesse das perfekte Getränk für eine Verführung oder eine vornehme Konversation ist. Mit gerade 10,5% Alkohol ist das ein großartiger Wein, von dem man locker eine ganze Flasche trinken kann und sich dem Verlauf einer intensiven Gesprächs oder einer Verführung gewachsen fühlen kann.

Durchschnittlicher EVP in Deutschland: Euro 22,-.

Direkte Kontakt:  www.schloss-johannisberg.de

RIESLING REVELATION 2015 MEDIUM SWEET – ZARTSÜß:

2014 Riesling „Circle“

Red Newt Cellars (Finger Lakes, New Yok)

Der Grund, weshalb ich diesen Wein auszeichne, liegt in der Kombination aus Weinqualität, der Produktionsmenge von 36.000 Flaschen und dem erstaunlich freundlichen Endverbraucherpreis von $13. Wie konnte der mengenmäßig größte und preiswerteste Riesling von Big Newt Cellars so gut werden? Hauptgrund ist, dass die meisten Weinberge, aus denen die Trauben stammen – das Weingut selbst besitzt selbst keine einzige Rebe – nach hohen Standards bewirtschaftet werden. Hinzu kam herausragendes Wetter im Herbst, das es Weinmacher Kelby Russell erlaubte, die Trauben für diesen „einfachen“ Wein erst Ende Oktober zu lesen. Sie gärten sehr langsam, und der fertige Wein blieb bis zum Abstich, Filtrierung und Abfüllung zehn Monate auf der Vollhefe. Dieser Riesling wird nicht vor Mai/Juni 2016 in den Handel kommen, was bedeutet, dass er seinen Weg zum Konsumenten in optimaler Form antritt. Seine Aromen reichen von Pfirsich und Aprikose bis zu Rauch und Grapefruit. Der Wein ist gerade so süß, dass er in diese Kategorie passt, verfügt aber über eine vollmundige Saftigkeit, der ein super-frische Abgang folgt. Kurz: Dieser Riesling ist wunderbar!

Etwa $13 in die USA, aber leider noch nicht in Deutschland erhältlich.

Direkte Kontakt: www.rednewt.com

RIESLING REVELATION 2015 SWEET – SÜß:

2014 Wolfer Goldgrube Riesling Spätlese

Daniel Vollenweider (Mosel, Deutschland)

Im Jahr 2000 wurde Daniel Vollenweider der erste nicht-deutsche Winzer an der Mosel. Ich werde nie vergessen, wie mich vor zehn Jahren ein deutscher Kollege bat, einen aufregenden neuen Winzer zu nennen und er, als ich ihm diesen jungen Schweizer empfahl, voller Verachtung fragte: „Wer ist Daniel Vollenweider?“ Aber kaum, dass er dessen Weine probiert hatte, rühmte er ihn plötzlich als neuen Star des Mosel-Rieslings. Natürlich ist er nicht mehr so neu, aber er hat seinen Weg, die Grenzen für trockenen wie restsüßen Riesling auszureizen, kontinuierlich fortgesetzt. Und dieser Wein ist eine der aufregendsten jungen Riesling Spätlesen von der Mosel, die ich je probiert habe. Er ist bis zum Rand mit Aromen aller möglichen weißen und gelben Früchte sowie mit floralen Noten vollgepackt, er bebt vor reifer Säure und saftiger Süße. Er schmeckt schlicht und ergreifend köstlich. Aber so wie Die Macht hat dieser Wein eine dunkle Seite. Die gibt ihm einen gefährlichen Kick, den andere Weine dieser Kategorie vermissen lassen.

Durchschnittlicher EVP in Deutschland: Euro 20,-.

Direkte Kontakt:  www.weingut-vollenweider.de

Posted in @deutsch | Leave a comment

Colares, Ramisco und ein 103 Jahre alter Winzer, von Frank Krüger

Vor ein paar Jahren erzählte mir ein italienischer Sommelier von der sagenumwobenen portugiesischen roten Rebsorte „Ramisco“ aus Colares – eine Art Pinot Noir mit geringerem Alkohol, mehr Säure, mehr Tannin und im Charakter wilder als der heftigste Pommard. Die Traube würde direkt am Atlantik nordwestlich von Lissabon angebaut, salzig und kühl durch die Meeresbrise, aufgrund der sechs Meter tiefen Sandböden von der Reblauskrise verschont und somit nicht veredelt. Reifepotential: Jahrzehnte!
Die Diktatur von Salazar, mühselige Handarbeit und die charmante Lage am Meer (ein begehrter Standort für die Feriendomizile der Lissabonner) hätten die Appellation auf ein paar Hektar zusammenschrumpfen lassen.

Die Geschichte ließ mir keine Ruhe und ich flog mit zwei Weinfreaks im Januar 2015 nach Lissabon. Wir hatten einen Termin bei einem der letzten übrig gebliebenen Weingüter, „Viúva Gomes“. José Baeta, ein Mitglied der Besitzerfamilie, empfing uns in der beeindruckenden alten Halle der Adega. Nach einigen Basisweinen verkosteten wir den reifen Ramisco.

Der 1967iger Ramisco war krass: Getrocknete eingekochte Früchte, ätherisch, enorm mineralisch, salzig, erdig, eisenhaltig, blutig, dabei mit heftiger Säure, saftig und lang. Während wir verkosteten, erzählte José von einem anderen Winzer in Colares: Baron von Bruemmer, 103 Jahre alt, deutschstämmig. Ende der 1960iger kam er nach einer hoffnungslosen Krebsdiagnose gemeinsam mit seiner Frau nach Colares, um in dieser wundervollen Natur in Ruhe sterben zu dürfen. Es kam anders, von Bruemmer starb nicht und gründete mit 96 Jahren sein eigenes Weingut. Hier und da verkaufe er ihm ein Fass, berichtete José, allerdings würde der Baron die Qualität vorher mit seinem Pendel begutachten.

Zurück in Berlin ließ mich der 103jährige Winzer Baron Bodo von Bruemmer nicht mehr los. Ich checkte alle Fakten über von Bruemmer – Josés Geschichte stimmte.

Ende August 2015 flog ich erneut gemeinsam mit zwei Berliner Weinfreaks nach Lissabon und weiter nach Colares, um das Weingut, seine Weine und den Baron selbst kennenzulernen. Wir hatten es tatsächlich geschafft, einen Termin mit ihm zu vereinbaren.

António Figueiredo, einer seiner Winemaker, empfing uns auf diesem wunderschönen Weingut hoch über Colares – bisher keine Spur von dem alten Baron.

Antonio führte uns durch die Weingärten: Ramisco, Malvasia, Arinto, Chardonnay, Pinot Noir, Merlot, Touriga und sogar Riesling. Aufgrund der hohen Feuchtigkeit sei Fäulnis in der Region ein großes Problem, meinte Antonio, exakte Weinbergsarbeit deshalb enorm wichtig. Die Vegetation im Garten rund um die Weinberge war wunderschön: Palmen, wilde Rosen (von Bruemmers Frau liebte Rosen), alte Brunnen, eine Kapelle mit Azuleijos Kacheln.

Im Weinkeller verkosteten wir seine Weißweine aus dem Fass:

Fantastischer 2014er Chardonnay (Lisboa): Tropisch, Zitronenschalen im Auftakt, aber dann eng, mineralisch und salzig zumachend.

Der 2014er Malvasia (Colares DOC) beeindruckte mit Zitrusaromen, Orangenschalen, Akazienhonig und feinem nussigem Schmelz im Abgang.

Der rote Ramisco 2006 (Colares DOC) zeigte sich nach einigen Jahren Flaschenreife mit wilder Kirsche, rauchig, mineralisch, ätherisch mit seidigen Tanninen und präsenter Säure. Ramisco braucht allerdings viel Zeit.

Wir verkosteten sogar einen maischevergorenen Malvasia, aber nicht, weil die aktuelle Weinwelt diese Stilistik vorschreibt, sondern weil der Baron in alten Schriften von dieser Technik gelesen hatte.

Nach ca. 3 Stunden Weinberg und Keller hatte endlich Bodo von Bruemmer seinen Auftritt. Was folgte, waren 103 Jahre gelebte Geschichte und eine Zusammenkunft, die weit über das Thema Wein hinausging:

Guten Tag! Herr Krüger aus Berlin, richtig? Ich habe mal in Berlin gewohnt, am Kaiserdamm, zwischen den beiden Weltkriegen. Gestatten, Bodo von Bruemmer, 103 Jahre, Weltkriege & Revolutionen in Russland und Portugal überlebt, Gründer der Herstatt-Bank, Züchter von Araber Hengsten, heute Winzer.

Wir wollten unbedingt erfahren, wie ein 96-Jähriger auf die Idee kam, Wein zu machen. So berichtete der Baron von seinem Leben und seiner Ankunft in Portugal:

Wissen Sie, ich kam zum Sterben nach Lissabon. Die Ärzte diagnostizierten bei mir in den 1960igern in Zürich Pankreaskrebs und gaben mir noch einige Wochen zu leben. Ich dachte, ich suche einen charmanten Ort für meine Frau, damit sie es schön hat, wenn ich nicht mehr bin. Wir stolperten über eine FAZ-Anzeige, kamen am Flughafen in Lissabon an und ich wusste sofort – hier bin ich zuhause. Meine Frau roch allerdings nur Kerosin! Wir kauften dieses Grundstück hier in Colares. Es waren anfangs nur ein paar Steine! Ich begann Rosenwasser zu trinken und eine Woche verging. Ich starb nicht. Eine zweite Woche verging. Ich starb nicht. Monate vergingen. Ich starb nicht. Irgendwann vergaß ich meine Diagnose und begann, mich um andere Dinge zu kümmern. Ich nahm wieder mein Bankerleben auf und begann, Araber-Hengste zu züchten. Ich gewann Rennen in aller Welt, wir lebten wie ein fahrender Zirkus, das war schon lustig, Herr Krüger. Doch die Katastrophe, der Tot war immer präsent.

1994 starb seine Frau und die Pferdepest rafft seine Hengste hinweg. Der Baron lebt weiter.

Wissen sie, sie dürfen nie aufgeben! Die Ärzte haben mich viermal als unheilbar krank diagnostiziert. Ich habe einen Tumor im Herzen, der sieht aus wie ein kleiner Atompilz. Er macht mir keine Angst mehr, man muss sich mit seinen Krankheiten anfreunden.

Mit jedem seiner Sätze spürt man seinen durchaus esoterischen Zugang zu leben und Existenz, der sich auch auf seine Idee von Wein auswirkt. Wirkliches Vertrauen hat „Mister Bodo“, wie ihn seine Mitarbeiter nennen, nur in sein Pendel. Seit 40 Jahren pendelt er jede Lebensentscheidung aus. Auch die Einstellung seines Mitarbeiters Antonio wurde ausgependelt. Andere Bewerber hatten exzellente Önologie-Diploma, aber das Pendel entschied sich für ihn – alles, was für den Baron zählt.

Mit 96 Jahren zwang von Brümmer eine schwere Operation in ein Züricher Krankenhaus. Als von Bruemmer aus der Narkose erwachte, war ihm klar: Er muss Wein anbauen in Colares!

Trotz Widerstand in der Familie und im Freundeskreis, ließ sich von Bruemmer nicht beirren. Er engagierte Berater, investierte eine Million Euro in seinen Keller, in dem früher seine Araberhengste überwinterten.

Geben sie nie auf, Herr Krüger!

Der Baron hat es geschafft, die Weine sind exzellent, haben Preise gewonnen, werden exportiert. Er schaut mich an und fragt mich, warum der deutsche Markt so schwierig sei für seine Weine. Vielleicht könne ich etwas für sein Weingut tun? Er lächelt, er ist ehrgeizig, seine Augen funkeln spitzbübisch. 10 Jahre müsse er noch leben, um alles auf den Weg zu bringen. Er hat das sicher ausgependelt. Er scheint das selbst in der Hand zu haben, und man nimmt es ihm ab.

Posted in @deutsch | Leave a comment

Schau zurück… von Frank Ebbinghaus

… und was siehst Du? Dich selbst, viel jünger. Wer warst Du damals? Derselbe wie heute? Schau genau hin! Jetzt kramst Du in Dir herum und suchst den Maßstab für einen Vergleich. Wo soll der herkommen? Aus Deinen alten Texten? Aus inneren Bildern oder aus Fotos? Frag Deine Freunde. Ihre Auskunft wird Dich enttäuschen. Greif zu dem Glas mit dem alten Wein vor Dir, rieche daran und trinke es langsam leer. Na, merkst Du es?

Wir sitzen in den Kurpfalz-Weinstuben und feiern das Ende einer legendären Ära. Nach mehr als 40 Jahren gibt Rainer Schulz das Lokal ab. Zum 1. November 2015 hat er es verkauft. Er bleibt seinen Gästen noch eine Weile als Gastgeber erhalten. Aber es ist nicht mehr sein Laden. Wir sitzen in Fußballmannschaftsstärke um einen Tisch. Die Getränkeversorgung ist zunächst eher zäh. Jemand hat die Idee, Großformate zu bestellen – ‘ne Magnum oder so. Gute Idee. Wir haben Durst. Rainer Schulz schleppt eine Methusalem an: sechs Liter 1997 Rüdesheimer Berg Schlossberg trocken von Georg Breuer (Rüdesheim/Rheingau). Ob wir die wirklich wollen? Klar, wir wollen jetzt schnell ganz viel trinken. Also her damit. Ich darf probieren. Ich rieche am Glas und – plopp!- schon bin ich weg. Ganz weit, irgendwo anders. Der Wein schmeckt enorm frisch und sehr mineralisch, ein klarer, kühler Gebirgsbach, in dem ich baden möchte, die Erinnerung an ein paar gelbe Früchte am Wegesrand und ein winziger Hauch Petrol, der in die Zukunft weist. Die Säure ist durchaus kräftig, der Wein aber perfekt balanciert. Es fällt mir schwer, meinen Schluckreflex zu kontrollieren.

Solche Weine wurden also schon in den 90ern gemacht. Vielleicht nicht oft. Aber es gab sie. Werden die hochgelobten Großen Gewächse der Gegenwart je so gut schmecken wie dieser Wein? So tänzelnd und kraftvoll, so grazil und fordernd zugleich? So ungemein komplex und doch erhabene Trinkfreude auslösend? Dieser Wein ist einer der größten trockenen Rieslinge, die ich je trinken durfte. Er zieht mich zurück in die Vergangenheit, in die Zeit als die Trauben für diesen Wein vielleicht gerade wuchsen. Ich saß mit einem Freund in den Kurpfalz-Weinstuben. Es war heiß. Vor uns ein Glas 1986 Kallstadter Saumagen trocken vom Weingut Koehler-Ruprecht. Und ich versuchte, den Freund zu missionieren. Der Wein schmeckte grauenhaft, offensichtlich eine schlechte Flasche. Aber ich pries ihn und seinen Winzer in höchsten Tönen, fand weder Maß noch Ziel. Der Freund hatte keine Ahnung von Wein und keinen Sinn dafür. Er schwieg, schaute an mir vorbei, während ich immer enthusiastischer meine Kennerschaft bewies, mich also, recht besehen, um Kopf und Kragen redete.

Es war nicht mein erster Besuch in den Kurpfalz-Weinstuben, aber mein furchtbarster. Weitere Erinnerungen steigen in mir auf, Gespräche, Gesichter, Gerüche und Geschmäcker. Alles trug sich hier zu. Und nichts hat sich in den Kurpfalz-Weinstuben seither verändert. Die dunkle Holztäfelung der Wände, die Wappen pfälzischer Weinbaugemeinden, die schmucklosen dunklen Holztische und –Stühle. Die Schoppenkarte aus Holz. Die hölzerne, an die Wand genagelte Speisekarte. Pfälzer Saumagen, Spießbraten, von Rainer Schulz persönlich zubereitet (nie habe ich hier jemanden Salat essen sehen), die gewaltigen Wurst- und Schinkenplatten. Die Gäste: überwiegend 75plus. Sabine, die aufmerksame, freundliche und zurückhaltende Bedienung. Rainer Schulz in Schürze und rotem Pullunder, der die Gäste unterhält und meist persönlich verabschiedet. Die imposante Weinkarte, auch eine Hommage an Bernhard Breuer und Koehler-Ruprecht/Bernd Philippi, deren Weine Rainer Schulz besonders verehrt. Der gewaltige Weinkeller, aus dem Rainer Schulz hin und wieder ganz unglaubliche Trouvaillen hervorzaubert. So habe ich es 20 Jahre erlebt

Das hat was Beruhigendes. Berlin wandelt sich in rasendem Tempo. Man selbst läuft irgendwie mit. Aber wohin? In den Kurpfalz-Weinstuben betrachtet man sich selbst aus einer entspannten Rückenlage. Das Tempo draußen, der Lärm, die Leute, die Hysterie – pah! nicht wichtig. Hier bin ich an einem Ort der Besinnung, ein Kloster, in dem es sehr fröhlich zugehen kann, aber stets hemdsärmelig-stilvoll. Rainer Schulz ist Hanseat. Nur die können das so.

Ich trinke den 1997er Berg Schlossberg in großen Zügen aus vollen Gläsern. Der Wein hat seine Geschichte, aber er ist nicht alt. So wie Rainer Schulz, der bald 77 wird, aber so lebendig und zackig wirkt wie eh und je. Und mit welcher Leichtigkeit er die Methusalem-Flasche schwingt. Wie er, wie die Kurpfalz-Weinstuben selbst sind wir weder alt noch jung, wenn wir hier sitzen, Gespräche führen, Wein trinken und Spießbraten essen. Unsere Lebenserfahrungen: Hier wird ihre Schwerkraft aufgehoben. Wir schweben in der Zeit.

Fotos von Gerhard Gneist.

Posted in @deutsch | 1 Comment

Unter Schweizerfahne: Das Weingut Hans Lang von Frank Ebbinghaus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Winzer Ernst Loosen (Dr. Loosen/Bernkastel) stammt folgende Anekdote: Anfang der 90er Jahre klingelte sein Telefon: Ein Unbekannter orderte in breitem Schwyzerdütsch einige Kisten Riesling Auslese. Loosen habe sofort aufgelegt. Denn: Ein Schweizer, der damals Mosel-Riesling bestellte – das konnte nur ein Fake sein. Hier täuschte sich der welterfahrene Winzer. Der Bittsteller war echt und ließ nicht locker bis er seinen Wein bekam. Inzwischen baut er selbst in Graubünden Riesling an, von dem er schreibt: „Mit Verlaub: Man spricht deutsch“. Es handelt sich – mit Verlaub – um Daniel Gantenbein.

Während Gantenbein Riesling-Reben in die Schweiz einführte, um dort Mosel-Riesling herzustellen, erzeugt Daniel Vollenweider, ebenfalls ein waschechter Schweizer, Mosel-Riesling an der Mosel – und zwar der Spitzenklasse.

Neuerdings zieht es die Schweizer auch in das Rheingau. Damit endet dieser etwas holprige Einstieg. Und wir sind beim Weingut Hans Lang (Hattenheim/Rheingau), das 2013 von dem Schweizer Brieftaubenzüchter und Käser (mehr Klischee geht nicht! Oder bläst er auch das Alphorn?) Urban Kaufmann und dessen Lebensgefährtin Eva Raps, der langjährigen Geschäftsführerin des Verbandes deutscher Prädikatsweingüter (VDP), übernommen wurde.

Hans Lang? Hat jeder Riesling-Fan bestimmt schon mal gehört. Aber auch probiert? Ich jedenfalls nicht, abgesehen von zwei gereiften Weinen an einem heißen Berliner Sommerabend nach einer anstrengenden Rotweinprobe. Sie schmeckten mir nicht, aber das zählt nicht. Stuart schreib über dieses Weingut in seinem Buch „Die führenden Winzer und Spitzenweine Deutschlands“, Econ Verlag, Düsseldorf 1997: „Hans Langs Weine sorgen nur selten für Schlagzeilen und sind vielleicht nicht unbedingt der Stoff, aus dem die Träume sind, aber sein Betrieb ist eine zuverlässige Quelle für gut gemachte trockene Rheingau-Rieslinge …“. Eine gute Begründung, warum die Weine bisher unter meinem Radar blieben.

Jetzt aber haben Urban Kaufmann und Eva Raps ihren ersten Jahrgang erzeugt und gleich eine den Aufbruch schon optisch bezeugende Sonderedition aufgelegt. Das Etikett ziert die Farben der Schweiz auf goldenem Grund sowie den Namenszug „Kaufmann“. Und ein Wein heißt auch noch „Tell“ oder, wenn man den Schriftzug auf dem Etikett als zusammenhängenden Text liest: „kaufmann tell Rheingau Riesling“, was ja, wenn man von einer kleinen Konjugationsschwäche des Englischen absähe, eine echte Ansage wäre.

Aber großes Gedöns ist nicht die Sache des Jungwinzerpaars. Sie gehen es bescheiden an: Keine gigantischen Investitionen, kein pompöser, von einem flying winemaker kreierter neuer Weinstil. Urban Kaufmann und Eva Raps sind ins kalte Wasser gesprungen (am Rand hielt der freundschaftlich verbundene Hans Lang den Rettungsring bereit). Mit schweizerischer Bedachtsamkeit gehen sie Schritt für Schritt voran, um Weine zu machen, die sie mögen und für typisch Rheingau halten: „klar, präzise und elegant“.

Drei Weine sind so bisher entstanden. Sie sollen zeigen, wohin die Reise geht. Und das tun sie auch, wenngleich recht unterschiedlich. Der 2014 Kaufmann Rheingau Riesling empfängt einen mit seinem feinen Bratapfelduft, die kräftige Säure ist gut integriert, eine zarte Mineralität lädt ein zum Trinken – ein erfrischender Wein, der allerdings auch etwas einfach ausgefallen ist und nach drei Tagen aus der offenen Flasche genossen zunehmend rustikaler wirkt und abbaut.

Einen Quantensprung stellt der 2014 Kaufmann Tell Rheingau Riesling aus Hattenheimer Spitzenlagen dar. Der Wein hält eine kühle, jederzeit elegante mineralische Spannung, wie man sie sich von trockenen Rheingau-Rieslingen wünscht. In der Nase ein Hauch gelber Früchte und ein sehr feiner Anflug von Süße, die von reifen Trauben stammt. Ansonsten ist der Wein zunächst etwas zugeknöpft, zeigt aber unter Lufteinfluss noble, kühle Steinfrucht und einen sehr animierenden mineralischen Abgang. Nach einer Woche schmeckt der Tell nach Mirabellen und einer hellen, an Tabak erinnernde Würze, die sich mit der präsenten mineralischen Säure bestens verbindet. Der Tell hat Potential.

Eindeutig in der Liga der Großen Gewächse (GG) spielt der 2014 Kaufmann Wisselbrunnen Riesling. Es ist ein Wein, der sich mit Schweizer Bedächtigkeit (um dieses Klischees jetzt totzureiten) am Gaumen entwickelt und vor einem langen Leben steht. Dieser Spitzenwein ähnelt dem Tell, nur weist er eine weit höhere Komplexität und Tiefe aus. Auch hier sind die Aromen gelber Früchte im Moment mehr zu erahnen als zu schmecken, aber sie sind einen Tick reifer als beim Tell (der Wisselbrunen hat 12,5% Alk., die beiden anderen Weine je 12 %), aufgrund einer geradezu steinigen, aber nicht aufdringlichen Mineralität ist das Geschmacksbild noch nobler. Die mineralische Säure trägt alles, sie ist nie spitz und gibt dem Wein trotz seiner Reife und Kraft auch Zartheit und Tiefe. Nach einer Woche hat sich der Wisselbrunnen in der halbvollen Flasche im Schneckentempo weiterentwickelt. Er duftet nun deutlich nach gelben Pflaumen ohne zu viel Süße, entwickelt am Gaumen eine feine Würze sowie eine vibrierende Lebendigkeit und Vielschichtigkeit. Mit 25 Euro pro Flasche ab Hof ist der Wisselbrunnen für Rheingau-Verhältnisse recht fair bepreist (der Rheingau Riesling kostet ab Hof 9,50 Euro, der Tell 16,50).

Hier zeigt ein Jungwinzerpaar eine deutliche Handschrift. Diese ersten Ergebnisse sind umso beeindruckender als der Jahrgang nicht eben einfach war. Urban Kaufmann und Eva Raps sollten den eingeschlagenen Weg, elegante klassische Rheingau-Rieslinge zu erzeugen, entschlossen weitergehen. Der Hitze-Jahrgang 2015 hält die nächste große Herausforderung bereit.

Posted in @deutsch | Leave a comment

Einfach Verdammt Gut: der Jahrgang 2014 beim Weingut Dr. Loosen von Frank Ebbinghaus

Man könnte diesen Beitrag mit einer originelleren Feststellung beginnen als: Dr. Loosen hat im schwierigen Jahrgang 2014 einen echten Volltreffer gelandet! Man könnte sicherlich über ein originelleres, trendigeres Weingut schreiben. Und man könnte origineller über dieses Weingut schreiben, zum Beispiel einen Totalverriss. Könnte man alles. Geht aber nicht. Denn in Wahrheit ist Dr. Loosen bei genauerem Hinsehen ziemlich originell und spektakulär, und der Jahrgang 2014 ist ein echter Kracher!

Der Reihe nach: Dr. Loosen in Bernkastel, Mosel galt Anfang der 90er Jahre einer der hottest rising stars (Wine Spectator) unter den deutschen Rieslingerzeugern, 2001 kürte der Gault Millau Ernst Loosen zum „Winzer des Jahres“. Dann wurde es hierzulande etwas still. Die aufkommende Bloggerszene konnte sich nicht recht für die Weine des umtriebigen Ernst Loosen erwärmen, vielleicht auch, weil Loosen erst spät auf den Trend zur Erzeugung trockener Spitzenrieslinge einstieg. 2008 erzeugte er sein erstes Großes Gewächs (GG), heute sind es immerhin deren sechs. Und auch qualitativ haben Loosen und sein kongenialer Kellermeister Bernhard Schug enorm an der Qualitätsschraube gedreht. Dank moderatem Alkoholgehalt und langem Vollhefelager verbinden ihre GGs moseltypische Eleganz und Finesse mit großer Komplexität und Langlebigkeit. Mit den GG Reserven, die zwei oder mehr Jahre auf der Vollhefe liegen, erzeugt Dr. Loosen einige der spektakulärsten trockenen Rieslinge in Deutschland. Mehr über die trockenen Spitzenweine gibt es bald von Stuart.

Hier geht es um die trockenen Gutsrieslinge sowie die restsüßen Weine bis zu den Spätlesen des Jahrgangs 2014. Mag das Jahr auch schwierig gewesen sein, bei Dr. Loosen haben die auf den Punkt gereiften Trauben für elegante, mineralische und perfekt balancierte Rieslinge gesorgt. Bei allen Weinen spielt die Säure das Generalthema. Sie ist höchst präsent, aber nie spitz, sondern vor allem als intensiver mineralischer Geschmack erfahrbar. Das beginnt schon den Gutsrieslingen, die sehr unterschiedlich ausfallen, aber für mich zu den Jahrgangsbesten zählen. Der 2014 Dr. Loosen Blauschiefer Riesling trocken schmeckt im Moment durch und durch mineralisch, an der Hintertür klopft aber bereits der Pfirsich an. Die reife Säure und pure Mineralität bieten großes Trinkvergnügen. Noch eindrucksvoller ist der 2014 Dr. Loosen Rotschiefer Riesling trocken, dessen Säure sehr präsent und seidig zugleich wirkt und immer wieder kühle Aromen von Pfirsich, Aprikose oder Walderdbeeren freigibt. Aus der offenen Flasche entwickelt sich dieser Wein im Verlauf einer Woche aufs Beste und erreicht nach acht Tagen seinen Höhepunkt. So lange muss man beim 2014 Graacher Himmelreich Riesling feinherb nicht warten. Die Restsüße ist perfekt integriert, weißer Pfirsich, ein Hauch Nougat und Orangenzeste steigen in die Nase, während am Gaumen zur Zeit Fenchel, Kümmel und nasser Stein den Ton angeben, aber auch hier kündigt sich viel Frucht an.

Die vier Riesling Kabinett-Weine schmecken naturgemäß sehr unterschiedlich. Aber sie sind allesamt feingliedrige, moseltypische Kabinettweine wie aus dem Bilderbuch. Während der 2014 Wehlener Sonnenuhr Riesling Kabinett in seiner noblen Zartheit dem Spitzentanz einer Ballerina ganz in weiß gleicht, schlägt das 2014 Erdener Treppchen Kabinett mit seiner typischen Windhund-Rasse am Gaumen einen atemberaubenden salto mortale. Tief in sich ruhend, kühl und nobel zeigt der 2014 Ürziger Würzgarten Kabinett feine Aromen von Ananas und orientalischen Gewürzen. Seine Zeit kommt noch. Hingegen ist die des 2014 Bernkasteler Lay Kabinett bereits angebrochen. Nach ein paar Tagen Luftzufuhr in der offenen Flasche entfaltet dieser Wein eine geradezu unwiderstehlich erotische Anziehungskraft.

Die restsüßen Spätlesen verbergen ihre Säure zunächst. Der 2014 Wehlener Sonnenuhr Riesling Spätlese entströmen florale und Pfirsicharomen, am Gaumen dominiert der Pfirsich, der Wein wirkt fast etwas üppig, aber doch nie fett. Unter viel Luftzufuhr kommt eine tolle Säure ins Spiel und diese Spätlese fängt an zu tanzen. Anders die 2014 Erdener Treppchen Riesling Spätlese, die von Anfang an ihre Rasse ausspielt und mit floralen Aromen und etwas weißem Pfirsich glänzt, während die sehr dicht gewirkte 2014 Ürziger Würzgarten Riesling Spätlese mit ihren Pfirsich-, Ananas- Tabak- und Gewürzaromen ein klassisches Drama aufführt, das erst in vielen Jahren seinen glücklichen Ausgang nehmen wird.

Eine eindrucksvolle Leistung, also, die dieses Weingut 2014 vollbracht hat. Sie wird in den Schatten gestellt durch die große Konstanz, mit der Dr. Loosen zuletzt selbst unter schwierigen Witterungsbedingungen einen ausgezeichneten Jahrgang an den anderen reihte.

Posted in @deutsch | Leave a comment

38 Grad im Schatten von Frank Ebbinghaus

38 Grad im Schatten. Ich ziehe die Schuhe an und gehe Laufen. Kaum Menschen draußen. Keine Hunde, gut so. Krähen mit geöffneten Schnäbeln hüpfen über den Weg. Sehen verzweifelt aus. Ich laufe. Spüre wie sich vom Kopf aus eine Lähmung ausbreitet und schnell nach unten sinkt. Unterhalb des Brustbeins wächst eine Übelkeit, der ich lieber nicht nachgehen will. Die Beine gehorchen nicht richtig. Laufe aber weiter gegen eine fahle Sonne über einer diffusen schwarzen Wolkenwand. Laufe durch eine Kleingartenkolonie. Pralle Menschen zerfließen in der Hitze auf viel zu kleinen Liegen und Campingstühlen. Kleines Glück, großes Glück – spürbar wie eine leichte Brise.

Zuvor am Mittag in Kreuzberg. Die Hitze steht in den Straßen. Männer mit perfekt getrimmten Vollbärten, Clubwear-Hüten, großen Sonnenbrillen, Tattoos und Flipflops, die bei jedem Schritt wegen des Fußschweißes schmatzen. Abgeklärtes, weltgenießerisches Grinsen. Junge Frauen, knapp bekleidet, tragen auf der Haut, was sie sie auf der Seele haben: Cellulite, Tattoos, Piercings, die volle Bedeutungsdröhnung. Die Körperhaltung, die Sprechweise: monadenhafte Individualität, die öffentlichen Raum in Besitz nimmt, ihn kolonisiert. Jedes dieser Ichs beansprucht viel Platz, da wird es schnell eng. Und laut.

Ich ging in die Markthalle IX, aß eine geniale Gazpacho, fuhr mit dem Rad durch den Treptower Park, der am Spreeufer eine Baustelle ist. Auf den Grünflächen überall junge Menschen. Hippiestimmung. Die Gruppen: Jemand spricht, die anderen nicken sehr deutlich oder lachen sehr laut. Netzwerke bei der Empathieproduktion. Die Umwelt als Spiegel. Sonst viel roboterhaftes Ins-Handy-Starren. Hier fehlt doch was, dachte ich: Wo ist das Glück? Wo Anmut, Schönheit, echtes Gefühl, ein Lächeln vielleicht? Nicht auf den Wiesen im Treptower Park, nicht in den Straßen von 36. Aber in der Gazpacho. In den Schrebergärten, zur bräsigen Zufriedenheit gedimmt. Und sonst? Muss man ins Museum gehen, um was Echtes, Berührendes zu erleben? In die Bahnhofsmission? Zu einer Weinverkostung? Darum geht’s ja hier. Berlin Gutsriesling Cup, vor ein paar Wochen. Am Start 37 Rieslinge (meist Einstiegsweine, deren Etiketten das Weingut zeigen; daher Gutsrieslinge) von Gastgeber Martin Zwick sehr gekonnt ausgewählt. Und eine Jury aus Weinliebhabern (laut Begeisterung oder Missfallen ausdrückend), Weinkennern (breit dozierend über Weinfehler, Entsäuerung, Reifeprobleme) und Weinprofis (reden über Gott und die Welt, nur nicht über die Weine vor ihnen).

Einer muss gewinnen. Ist schon komisch, wenn kein schwacher Wein dabei ist und kein wirklich überragender. Selbst in dieser Kategorie ist das Niveau inzwischen sehr hoch. Und die stilistische Vielfalt sehr breit: Vom puristischen Mineralismus bis zum Happy-Sunshine-Wein. Bei der Probe gab es zum Glück nicht wenige Weine, die lächelten, die Glück, Anmut, Schönheit verbreiteten, gemacht für Weinliebhaber wie mich. Man vergab Punkte wie Parker. Am Ende entschieden ein paar Stellen hinterm Komma. Was soll‘s, ist ein Riesenspaß. Ein paar Tage später warb ein großer norddeutscher Weinhändler mit einem Probierpaket „Best of Gutsriesling“. „Die drei Sieger des BerlinGutsrieslingCup mit jeweils zwei Flaschen in einem Paket“. Ein vom Händler eingekaufter Blogger hatte an der Probe teilgenommen und den Deal eingefädelt. So werden in aller Unschuld vergebene Punkte zum Geschäft. Willkommen in der kommerziellen Verwertungskette! Künftig ohne mich. Klar, bei Wein geht es immer auch um Absatz und Geld. Aber nicht für mich. Für mich geht‘s nur um Schönheit und Genuss.

Ich muss den Brechreiz spüren, um gegen ihn anrennen zu können. 38 Grad, keine Sonne mehr, ich laufe weiter, gegen die Lähmung, die Übelkeit. Ich schwitze nicht mehr. Mein Hirn schmilzt. Ich denke an gebratene Gänseleber, außen geröstet, innen cremig. Ich möchte mein Hirn essen. Ich genieße den Moment vor dem Kollaps, zögere ihn hinaus bis zum Ziel. Das ist schön, denke ich, das ist ein wahres Gefühl.

Gutsriesling & Co. 2014: Sechzehnmal Glück, Anmut. Schönheit:

Gunderloch  (Nackenheim/Rheinhessen) 2014 “Als wär´s ein Stück von mir“ Riesling trocken

Robert Weil (Kiedrich/Rheingau) 2014 QbA trocken.

Katrin Wind (Landau-Arzheim) 2014 Riesling trocken

Emrich-Schönleber  (Monzingen/Nahe) 2014 Riesling trocken

Von Winning (Deidesheim/Pfalz) 2014 WinWin Riesling trocken

Dr. Bürklin-Wolf (Wachenheim/Pfalz) 2014 Dr. Bürklin-Wolf Riesling trocken

Georg Mosbacher (Forst/Pfalz) 2014 Riesling trocken

Schätzel (Nierstein/Rheinhessen) 2014 ReinStoff Riesling trocken

St. Antony (Nierstein/Rheinhessen) 2014 Rotschiefer trocken

Wagner Stempel (Siefersheim/Rheinhessen) 2014 Riesling Gutswein trocken

Josten & Klein (Remagen/Mittelrhein) 2014 Riesling Mittelrhein trocken

Wittmann (Westhofen/Rheinhessen) 2014 Riesling trocken

Thörle (Saulheim/Rheinhessen) 2014 Riesling trocken

Joh. Bapt. Schäfer (Nierstein/Rheinhessen) 2014 Riesling trocken

Schloss Johannisberg (Johannisberg/Rheingau) 2014 Schloss Johannisberger Riesling Gelblack trocken

Weedenborn (Monzernheim/Rheinhessen) 2014 riesling trocken

Posted in @deutsch | Leave a comment

Arndt Köbelin in Eichstetten (Baden) von Frank Ebbinghaus

Kommt der Hauptstädter nach Eichstetten am Kaiserstuhl, so ist er geblendet von so viel Schönheit. Sie wohnt nicht dem Ort selbst inne, einem Bauerndorf ohne von Tourismusvermarktern aufgepappter Idylle, das aber deshalb in seiner ungeschminkten Ehrlichkeit und Selbstzufriedenheit durchaus eindrucksvoll wirkt. Nein, die Schönheit beginnt, wo das Dorf endet: in den schier endlosen Reb-, Gemüse- und Obstgärten des Kaiserstuhls, dessen meterhohe Lössschicht alles aufs trefflichste gedeihen lässt. Ein Arkadien, dessen gewundene und geschwungene Landschaft atemberaubende Ausblicke gewährt und jede Eintönigkeit, die landwirtschaftlichen Nutzflächen sonst innewohnt, fernhält. Hier wachsen die von hippen Berlinern teuer eingekauften grünen Smoothies gleichsam am Wegesrand, ebenso Blumen in großer Pracht und Vielfalt, scheinbar herrenlose Walnuss- und Kirschbäume verwöhnen mit Früchten, die man so noch nie probiert zu haben glaubt.

Da ist viel zuviel Schönheit, denkt der Berliner mit René Pollesch („Kill your Darlings! Streets of Berlidelphia“), die vertrage ich nicht, die ist nicht zu leben, deshalb müssen wir sie rausschneiden. Aber Eichstetten ist kein Theaterstück. Eichstetten ist das Gegenteil.

Hier hat der Mensch sein nutzbringendes Wirken offensichtlich im Einklang der Natur vollbracht: Dem Wanderer begegnen schwarmweise Wiederhopfe, Habicht und Bussard ziehen am Himmel ihre Kreise, während der Falke im Tiefflug nach Beute jagt und da und dort ein Reh über den Weg springt. Muss man noch erwähnen, dass Eichstetten eine der großen Bio-Anbaugemeinden in Baden-Württemberg ist, deren Produkte auch in den hauptstädtischen Bioläden feilgeboten werden? Das Schöne und Wahre: Hier fügt es sich.

Wanderer, kommst Du nach Eichstetten, so genieß diese Landschaft und die trefflichen Früchte, die sie hervorbringt. Und, ja, Wanderer, sind die Trauben reif, so koste sie. Sie schmecken vortrefflich. Aber meide den Wein. Denn der Wein ist ein Spiegelbild der Landschaft: üppig, idyllisch, träge, selbstzufrieden, von der Sonne verzogen. Eichstetten liegt in einer der wärmsten Gegenden Deutschlands. Lössböden und große Hitze: Das ist für Wein schwierig. Wer also partout glaubt, in einem der malerischen Winzerhöfe einkehren zu müssen, kann sich nur den Wein mit der Landschaft schönsaufen. Denn die Reben hier sind wie die Blumen am Wegesrand: ein Stück Dekor, Kulisse, Ausstattungsmerkmal einer Idylle.

Aber, Wanderer, willst du diesen Ort nun fliehen, so eile nicht. Denn es gibt selbst hier Perlen des Winzerhandwerks, Könner mit dem Ehrgeiz, dem Schönen und Wahren auch das Gute abzuluchsen. So einer ist Arndt Köbelin. Die ortsüblichen, pittoresken „Schwiboge“ (Sandstein-Rundbögen)-Romantik anderer Winzerhöfe sticht er mit der todschicken Sachlichkeit einer modernen Winery am Ortsrand aus. An der Mosel sagt man: „Das Tal ist eng.“ Eichstetten ist auch eng. Arndt Köbelin weiß das. Er hat das Winzerhandwerk unter anderem bei Seifried Estate in Neuseeland, bei Dr. Heger in Ihringen sowie in der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg gelernt, hat als Kellermeister in Oberbergen und in der Ortenau gearbeitet und ist  – herzlichen Glückwunsch! – seit genau zehn Jahren selbständig.

15 Hektar bewirtschaftet er auf seinem Familienweingut, das fast fünf Jahrzehnte der Vater geführt hat (dennoch sollen die Verhältnisse zwischen den Generationen sehr harmonisch sein). Das moderne Gutsgebäude hält moderne Technik bereit, die helfen soll, die Philosophie des Winzers umzusetzen, die auf eine möglichst schonende Behandlung der Trauben und des Weins setzt. So werden Weine nicht gepumpt, sondern durch Falldruck bewegt. Im Weinberg wird mit Grünschnitt und Pferdemist gedüngt. Man arbeitet ökologisch, ist aber nicht zertifiziert.

Die trockenen Basisweine, die hier Gutsweine heißen, sind mehr als ordentlich: Rivaner, Weiß- und Grauburgunder habe eine animierende Frucht, sind für die Gegend moderat im Alkohol (maximal 13 Prozent). Es fehlt ihnen der mineralische Säurebiss nördlicher Regionen, aber sie schmecken schön frisch und saftig. Es gibt auch einen ansprechenden Riesling, der nicht auf Löss, sondern auf vulkanischem Gestein wächst (der Kaiserstuhl verdankt seine Entstehung einen gewaltigen, im Tertiär aktiven). Er ist nicht ganz trocken, unterscheidet sich aber vor allem wegen seines mineralischen Charakters stark von den andren Basisweinen. Trotz 8,5 Gramm Säure, die man hier gar nicht erwartet, schmeckt der 2014 Riesling feinherb sehr harmonisch und nach reifen grünen Äpfeln.

Sehr gefallen hat mir auch der in Flaschengärung hergestellte Pinot Brut „Privat Cuvée“ aus Weißburgunder, Grauburgunder und Spätburgunder, der neben Hefe- und Zitrusnoten mit Himbeer- und Kirscharomen aufwartet, überdies eine feine Perlage beisitzt und mit elf Euro ab Hof ein Schnäppchen ist.

Sehr spannend sind die 2014er „Lösswand *** Selektionsweine“ von Weißburgunder und Grauburgunder, die von alten Reben stammen und noch im kleinen Holzfass liegen. Beide Weine präsentieren sich derzeit recht verschlossen, wirken aber frisch und mineralisch mit viel Substanz und einem feinem Holzton. Da wächst was spannendes heran.

Echte Knüller sind die Spätburgunder-Rotweine, zu denen auch der ausgezeichnete 2014 Spätburgunder Rosé gezählt werden muss. Denn diesem Nebendarsteller der Rotweinproduktion gibt Arndt Köbelin eine Hauptrolle. Und so duftet dieser Wein expressiv nach Kirschen und schmeckt durch eine reife Säue gestützt nach einem Korb frischer Himbeeren – mit 11 Alkohol ein perfekter Sommersaufwein für gerade mal 7,80 Euro ab Hof. Nicht jeder mag schwere Rotweine im Sommer trinken, zumal, wenn sie am Holz tragen. Aber Arndt Köbelins einfachster Spätburgunder, der 2013 „Spätburgunder Holzfass“ besitzt eine explosive Frucht mit Kirschen Heidelbeeren, einem Hauch Vanille und etwas Pfeffer. Ein Wein, so leicht und frisch, dass man ihn flaschenweise saufen mag, aber auch komplex genug, um ihn wirklich genießen zu können.

Noch ausdrucksstärker und etwas mehr vom Ausbau im kleinen Holzfass geprägt ist der 2013 „Spätburgunder *** Barriquefass“, der bereits jetzt schmeckt, sich aber in den nächsten zwei bis drei Jahren weiter entwickeln wird. Bei diesem Wein wird bereits eine Finesse spürbar, die der nächste fast auf die Spitze treibt: Der „2012 Spätburgunder Eichenlaub“ ist ein Wein, den man hier nicht erwartet: So fein und elegant, so kühl mit tollem Säurebiss. In der Nase feine Kirsche und etwas Holz brilliert dieser Spitzenwein mit Himbeere, Kirsche und etwas Vanille. Der „2012 Spätburgunder Eichenlaub“ ist jetzt bereits ein Hochgenuss, wozu der meisterhafte Holzeinsatz von Arndt Köbelin beiträgt: Hier wird nichts mit Holz überdeckt, sondern lediglich gestützt. Dieser Wein aus mehr als sechzig Jahre alten Burgunderstöcken wächst unterhalb des Waldes, der die 521 Meter hohe Eichelspitze einkleidet. Und man muss es erlebt haben, wenn man an einem heißen Sommertag diesen Wald betritt und schlagartig die Linderung spürt, die seine feuchte Kühle aussendet. Sie fließt in den Abendstunden die alten Rebhänge hinab und trägt ganz erheblich dazu bei, dass Arndt Köbelin ein Meisterwerk gelungen ist, das sich neben den deutschen Spätburgunder-Spitzenweinen dieses großen Jahrgangs mehr als sehen lassen kann.

Also, Wanderer, kommst Du nach Eichstetten am Kaiserstuhl, genieße die Schönheit der Landschaft, vergeude Deine Leberzellen nicht, sondern widme sie den Weinen Arndt Köbelins.

Posted in @deutsch | 1 Comment

Seahorse Winery, oder das ganz andere Israel zu Gast in Berlin von Frank Ebbinghaus

Da sitzt also eine satyrhafte Gestalt mitten auf dem Gehweg der Lychener Straße in Prenzlauer Berg, macht immer wieder Fahrradfahrern, Kinderwagenschieberinnen und -schiebern Platz und wirkt auch sonst wie aus Zeit und Raum gefallen. Ze’ev Dunie trägt Bart wie hier jeder Mann, nur ist seiner schlohweiß und umrahmt das Gesicht von Ohr zu Ohr, auch die Glatze wäre unter den coolen Pappies hier kaum auffällig, würden nicht von seinem Hinterhaupt strubbelige graue Locken wasserfallartig bis über den Kragen herabfallen. Ein wenig angespannt schaut er in die Runde der schlürfenden und spuckenden Weinexperten, die sich über seine Flaschen hermachen. Ze’ev selbst spuckt nicht, kann man sich bei ihm auch nicht vorstellen.Aber Ze’ev Dunie huldigt nicht nur Dionysos. Er ist in Berlin, der Heimat seines Vaters, um hier einen Roman zu schreiben. Und nur halblaut sagt er, wieviel es ihm bedeutet, ausgerechnet in Berlin seine Weine zeigen zu können.

Früher war er Filmregisseur. Früher heißt: Bis er vor einigen Jahren die Seahorse Winery in den Judean Mountains in Israel gründete. Stuart schrieb darüber, und zwar hier: http://www.stuartpigott.de/?s=seahorse

Jetzt sitzt er vor der Weinschenke Weinstein, um seine Weine vorzustellen. Vier hat er mitgebracht, viel mehr gibt es auch nicht. Denn die Seahorse Winery produziert insgesamt lediglich 25.000 Flaschen im Jahr. Die Probe kam durch die langjährige VDP-Geschäftsführerin Eva Raps zustande, die zusammen mit ihrem Lebensgefährten Urban Kaufmann 2013 das Rheingauer Weingut Hans Lang in Eltville-Hattenheim übernahm (über die neuen Weine von Hans Lang werde ich später berichten). Die beiden Jungwinzer schlossen sich der deutsch-israelischen Partnerschaftsinitiative Twin Winery an und kamen mit Ze’ev Dunie zusammen.

Leider ist es nicht so, dass ich jeden Tag israelische Weine probiere. Eigentlich habe ich das noch nie getan. Ich habe nicht mal eine Vorstellung wie israelische Weine schmecken können und bin daher sehr erfreut, überrascht über die Kühle, Präzision und Sinnlichkeit dieser Weine.

Trotz bis zu 15% Alkohol geht ihnen jede Hitze oder Opulenz ab. Sie schmecken reif, aber auch kühl und fein. Die Weinberge liegen 700 Meter hoch, daher die Frische.

Der 2013 Chenin blanc „James“ besticht in der Nase mit Quitte, Birne und Bratapfel, am Gaumen spürt man fein das drei Jahre alte Holzfass, der Wein hat eine schöne Viskosität und Würze, schmeckt aber sehr frisch.

Der 2010 Antoine ist eine Rhone-Cuvée aus hauptsächlich Syrah mit Grenache und Mourvèdre, wobei Charakterkopf Ze’ev den Syrah in Barriques ausbaut, in denen zuvor Weißweine gelegen haben. Auch dieser Wein schmeckt kühl und komplex, nach roten Johannisbeeren,  Schattenmorellen und Pfeffer.

And now to something completly different: Der 2010 Lennon trägt eine Hommage nicht nur im Namen, sondern auch im Geschmack. Der Blend aus 75% Zinfandel, je 12,5% Petit Syrah und Mourvèdre erinnern an die großartigen Zinfandel-Weine von Ridge Vineyards (Cupertino/Kalifornien). Und er schmeckt auch ähnlich, trotz 15% Alk. gar nicht fett, sondern mit viel Blaubeer- und Kirschfrucht sehr konzentriert und bei aller Fülle wieder kühl und strukturiert. Vor Jahren hat Ze’ev gemeinsam mit dem legendären Winemaker von Ridge, Paul Draper, dessen Weine probieren können – eine Schule fürs Winzer-Leben.

Über den 2010 Elul sagt Ze’ev: „This wine ist the closest mainstream I can make“. Das liegt vor allem am dominierenden Cabernet Sauvignon, der dem Wein sein Cassis-Aroma verleiht. Aber hier ist wirklich nichts eindimensional, mainstreamig oder langweilig. Schwarze Schokolade, jodige Aromen und etwas Marzipan sorgen für einen faszinierend undurchsichtigen Geschmack, viel mürbes Tannin und eine elegante Säure kontern die feine Süße.

Später sitzen wir beim Essen zusammen. Gastgeber Roy Metzdorf hat eine Flasche 2009 Lytton Springs von Ridge blind serviert, die natürlich niemand erkennt. Aber Ze’evs Augen leuchten und  schwupp ist die Flasche leer.

Posted in @deutsch | 1 Comment

Der Jahrgang 2014 beim Weingut Müller-Catoir (Neustadt-Haardt, Pfalz) von Frank Ebbinghaus

Als das Weingut Müller-Catoir Mitte der 90er drei Hektar Reben im Haardter Bürgergarten gekauft hatte und die Aussicht lockte, dass den bis dato überirdischen nun astralische Weine folgen würden, prophezeite Stuart: „Scharen von Privatkunden könnten sich im Morgengrauen des Tages, wenn der Wein in den Verkauf kommt, vor dem beeindruckenden blaugrünen Tor des Weingutes drängen, in der Hoffnung, sich so wenigstens eine einzige Flasche zu sichern.“ (Stuart Pigott, Die führenden Winzer und Spitzenweine Deutschlands. Econ Verlag, Düsseldorf 1997.) So ist es nicht gekommen. Oder eigentlich doch: Die Weine wurden noch mal eklatant besser. Aber niemand drängte am Hoftor, flehte um Zuteilung. Nach einem letzten Höhepunkt, dem Jahrgang 2001, verließ Kellermeister-Legende Hans-Günther Schwarz das Weingut – nicht ganz im Frieden, das machte es seinem Nachfolger doppelt schwer.

Heute spricht niemand in die Weinszene mehr über die Weine von Müller-Catoir. Und wenn, dann nur in der Vergangenheitsform. Das ist ungerecht. Aber gut für mich. Denn ich muss nicht mit Entleibung drohen, um Wein zu bekommen. Ich kaufe sie ganz bequem im Online-Shop. Und zu fairen Preisen. Sollen die anderen doch ihrem mineralischen Extremismus frönen oder sich an überholztem Riesling aufgeilen. Ich stehe auf die klassische Nummer: Frucht und Mineralität, Eleganz und Finesse, Sinnlichkeit und Sexyness. Das haben die Müller-Catoir-Weine von heute so reichlich wie früher. Nur, dass sich der Stil verändert hat. Die unter Schwarz zum Markenzeichen erhobene hoch expressive, die Sinne überfordernde Fruchtaromatik bei äußerster Brillanz und perfekter Balance ist unter seinem Nachfolger Martin Franzen einem ruhigeren mineralischen Stil gewichen. Sind die Weine deswegen schwächer geworden? Nein! Sind sie langweiliger geworden? Nur für die Super-Langweiler, die einem bei Verkostungen die Weinwelt mit aufgeschnappten Halbwahrheiten erklären wollen, womit sie überdecken, dass ihnen Stil und Geschmack völlig abgehen. Sie geben heute gerne damit an, welche tollen Müller-Catoir-Weine der Ära Schwarz sie einst getrunken haben, obwohl sie heute fruchtbetonte Weine auf den Index setzen.

Ich habe seit dem Jahrgang 2002, mit dem Martin Franzen (siehe Foto oben) begann, nicht einen schwachen Wein von Müller-Catoir getrunken. Im Gegenteil: Sie waren ohne Ausnahme großartig. Bei einer Blind-Verkostung der Großen Gewächse des Jahrgangs 2007 vor zwei Jahren, bei der alle großen Riesling-Erzeuger am Start war, zählte das 2007 Riesling GG „Breumel in den Mauern“ von Müller-Catoir für mich zu den fünf besten Weinen. Nach dem Aufdecken wurde dieser Wein von einzelnen Teilnehmern verhöhnt. Sollen sie nur. Ich würde das Zeugt notfalls alleine trinken. Aber ich kenne viele Enthusiasten, mit denen ich gerne teile.

Ich könnte endlos so weiter schreiben. Jeden einzelnen getrunken Müller-Catoir-Wein der letzten Jahre habe ich im Gedächtnis. Einer besser als der andere.

Aber hier geht es um den Jahrgang 2014. Und der ist verdammt gut. Komischerweise ist der einfachste Wein, der 2014 Müller-Catoir Riesling trocken, im Moment der verschlossenste. Aber die erste Flasche Herrenletten Riesling trocken haben wir inhaliert. Keine Notizen, nix, obwohl ich es vorhatte. Bei der zweiten Flasche musste ich mich zusammenreißen, um meine Geschmackseindrücke zu sortieren: in der Nase Weinbergspfirsich, Maracuja, ein kleiner Stinker, nasser Stein. Am Gaumen sehr gelbfruchtig, nochmal viel Weinbergspfirsich, ein tolles, mineralische Säurerückrad, das immer mehr die Herrschaft übernimmt, aber der Wein hat reichlich Substanz. Noch etwas feiner und nuancierter wirkt im Moment der 2014 Bürgergarten Riesling trocken, der nach einer Woche in der angebrochene Flasche eine bemerkenswerte Mutation durchmacht und nun sehr schlank wirkte und jodig, mineralisch und nach reifer Zitrone schmeckt und einen salzigen Abgang hat. Kein Zweifel: Diese Weine stehen ganz am Anfang einer langen Entwicklung. Wer ihrer betörenden Frucht erliegen will, sollte sie in den nächsten Monaten trinken, dann werden sie sich verschließen und nach einigen Jahren ein neues Gesicht zeigen.

Die 2014 „Breumel in den Mauern“ Riesling Spätlese wirkt noch etwas verschlossen, dank moderater Süße eher schlank und elegant, hat aber viel Zug und Kraft.

Müller-Catoir wird zu recht geschätzt für seine Weine aus Aroma-Rebsorten. Die 2014 Haardt Scheurebe trocken zeigt, welche eleganten trockenen und sehr sinnlichen Weine aus dieser oft verkannten Rebsorte möglich sind. Scheißt auf Sauvignon Blanc! Trinkt Scheurebe! Und der 2014 Haardt Muskateller trocken duftet schon vielversprechend nach reifen Trauben, reifem Pfirsich, Muskat und roter Grapefruit und schmeckt schon mineralisch und komplex mit viel angedeuteten Fruchtnoten, die sich im Laufe der nächsten Monate deutlicher zeigen.

Man kann trendiger trinken als MüllerCatoir, aber kaum besser!

 

Posted in @deutsch | Leave a comment