Schau zurück… von Frank Ebbinghaus

… und was siehst Du? Dich selbst, viel jünger. Wer warst Du damals? Derselbe wie heute? Schau genau hin! Jetzt kramst Du in Dir herum und suchst den Maßstab für einen Vergleich. Wo soll der herkommen? Aus Deinen alten Texten? Aus inneren Bildern oder aus Fotos? Frag Deine Freunde. Ihre Auskunft wird Dich enttäuschen. Greif zu dem Glas mit dem alten Wein vor Dir, rieche daran und trinke es langsam leer. Na, merkst Du es?

Wir sitzen in den Kurpfalz-Weinstuben und feiern das Ende einer legendären Ära. Nach mehr als 40 Jahren gibt Rainer Schulz das Lokal ab. Zum 1. November 2015 hat er es verkauft. Er bleibt seinen Gästen noch eine Weile als Gastgeber erhalten. Aber es ist nicht mehr sein Laden. Wir sitzen in Fußballmannschaftsstärke um einen Tisch. Die Getränkeversorgung ist zunächst eher zäh. Jemand hat die Idee, Großformate zu bestellen – ‘ne Magnum oder so. Gute Idee. Wir haben Durst. Rainer Schulz schleppt eine Methusalem an: sechs Liter 1997 Rüdesheimer Berg Schlossberg trocken von Georg Breuer (Rüdesheim/Rheingau). Ob wir die wirklich wollen? Klar, wir wollen jetzt schnell ganz viel trinken. Also her damit. Ich darf probieren. Ich rieche am Glas und – plopp!- schon bin ich weg. Ganz weit, irgendwo anders. Der Wein schmeckt enorm frisch und sehr mineralisch, ein klarer, kühler Gebirgsbach, in dem ich baden möchte, die Erinnerung an ein paar gelbe Früchte am Wegesrand und ein winziger Hauch Petrol, der in die Zukunft weist. Die Säure ist durchaus kräftig, der Wein aber perfekt balanciert. Es fällt mir schwer, meinen Schluckreflex zu kontrollieren.

Solche Weine wurden also schon in den 90ern gemacht. Vielleicht nicht oft. Aber es gab sie. Werden die hochgelobten Großen Gewächse der Gegenwart je so gut schmecken wie dieser Wein? So tänzelnd und kraftvoll, so grazil und fordernd zugleich? So ungemein komplex und doch erhabene Trinkfreude auslösend? Dieser Wein ist einer der größten trockenen Rieslinge, die ich je trinken durfte. Er zieht mich zurück in die Vergangenheit, in die Zeit als die Trauben für diesen Wein vielleicht gerade wuchsen. Ich saß mit einem Freund in den Kurpfalz-Weinstuben. Es war heiß. Vor uns ein Glas 1986 Kallstadter Saumagen trocken vom Weingut Koehler-Ruprecht. Und ich versuchte, den Freund zu missionieren. Der Wein schmeckte grauenhaft, offensichtlich eine schlechte Flasche. Aber ich pries ihn und seinen Winzer in höchsten Tönen, fand weder Maß noch Ziel. Der Freund hatte keine Ahnung von Wein und keinen Sinn dafür. Er schwieg, schaute an mir vorbei, während ich immer enthusiastischer meine Kennerschaft bewies, mich also, recht besehen, um Kopf und Kragen redete.

Es war nicht mein erster Besuch in den Kurpfalz-Weinstuben, aber mein furchtbarster. Weitere Erinnerungen steigen in mir auf, Gespräche, Gesichter, Gerüche und Geschmäcker. Alles trug sich hier zu. Und nichts hat sich in den Kurpfalz-Weinstuben seither verändert. Die dunkle Holztäfelung der Wände, die Wappen pfälzischer Weinbaugemeinden, die schmucklosen dunklen Holztische und –Stühle. Die Schoppenkarte aus Holz. Die hölzerne, an die Wand genagelte Speisekarte. Pfälzer Saumagen, Spießbraten, von Rainer Schulz persönlich zubereitet (nie habe ich hier jemanden Salat essen sehen), die gewaltigen Wurst- und Schinkenplatten. Die Gäste: überwiegend 75plus. Sabine, die aufmerksame, freundliche und zurückhaltende Bedienung. Rainer Schulz in Schürze und rotem Pullunder, der die Gäste unterhält und meist persönlich verabschiedet. Die imposante Weinkarte, auch eine Hommage an Bernhard Breuer und Koehler-Ruprecht/Bernd Philippi, deren Weine Rainer Schulz besonders verehrt. Der gewaltige Weinkeller, aus dem Rainer Schulz hin und wieder ganz unglaubliche Trouvaillen hervorzaubert. So habe ich es 20 Jahre erlebt

Das hat was Beruhigendes. Berlin wandelt sich in rasendem Tempo. Man selbst läuft irgendwie mit. Aber wohin? In den Kurpfalz-Weinstuben betrachtet man sich selbst aus einer entspannten Rückenlage. Das Tempo draußen, der Lärm, die Leute, die Hysterie – pah! nicht wichtig. Hier bin ich an einem Ort der Besinnung, ein Kloster, in dem es sehr fröhlich zugehen kann, aber stets hemdsärmelig-stilvoll. Rainer Schulz ist Hanseat. Nur die können das so.

Ich trinke den 1997er Berg Schlossberg in großen Zügen aus vollen Gläsern. Der Wein hat seine Geschichte, aber er ist nicht alt. So wie Rainer Schulz, der bald 77 wird, aber so lebendig und zackig wirkt wie eh und je. Und mit welcher Leichtigkeit er die Methusalem-Flasche schwingt. Wie er, wie die Kurpfalz-Weinstuben selbst sind wir weder alt noch jung, wenn wir hier sitzen, Gespräche führen, Wein trinken und Spießbraten essen. Unsere Lebenserfahrungen: Hier wird ihre Schwerkraft aufgehoben. Wir schweben in der Zeit.

Fotos von Gerhard Gneist.

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One Response to Schau zurück… von Frank Ebbinghaus

  1. Eva Raps says:

    Schade, da bin ich seit 1997 regelmäßig in Berlin und habe die Kurpfalzstuben und Ihren Inhaber nie erlebt…
    Eine schöne Hommage!

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