Category Archives: @deutsch

Der Jahrgang 2014 beim Weingut Keller (Flörsheim-Dalsheim/Rheinhessen) von Frank Ebbinghaus

Schwierig, schwierig, so lautet die überwiegende Einschätzung des Weinjahrgangs 2014 in Deutschland, der jetzt auf den Markt kommt. Unerfahrene Konsumenten kann das verunsichern. Andererseits: Wer in einem sehr uneinheitlichen Jahr, das mit Reifeproblemen und Fäulnisdruck zu kämpfen hatte, ausgezeichnete Weine erzeugt, dem darf man auch künftig blind vertrauen.

Wo wären solche Erwartungen besser aufgehoben als beim Weingut Keller (Flörsheim-Dalsheim/Rheinhessen)? Hier klagt man jedoch nicht über Wetterkapriolen, sondern freut sich über eine Ernte, „die uns ein glückliches Lächeln ins Gesicht zaubert!“

In der Tat verfügen die probierten 2014er Keller-Weine über die immer wieder gelobte Harmonie und Präzision, welche die Herzen vieler Keller-Fans höher schlagen lässt. Ich gehöre eher nicht dazu, was weniger am Winzer und seinen Weinen liegt (allerdings fand ich manchen trockenen Keller-Riesling in der Vergangenheit etwas langweilig) als an der fast schon religiösen Verehrung, die ihm von manchen Weinfreunden entgegengebracht wird. Das hat mich immer wieder abgeschreckt. Der furchtbarste Keller-Fan ist der Gault Millau Weinguide, der auf der Suche nach unverbrauchten Superstars in den 90ern das Weingut in den Himmel hob und meine damaligen rheinhessischen Lieblingsweingüter Gunderloch und St. Antony aus demselben Grund systematisch abwertete. Dass das eine nicht ohne das andere ging, nahm ich übel.

Allerdings habe ich Keller-Weine getrunken, die mich stets begeisterten. Das Große Gewächs AbtsE, zum Beispiel und vor allem der restsüße Riesling-Kabinett, der auf mich wie eine Hommage an Weine dieses Typs von Mosel, Saar und Ruwer wirkt. Das sind Jahr für Jahr ungeheuer sinnliche und expressive Weine, die man, obwohl hoch-komplex eimerweise trinken möchte. Klaus-Peter Keller hegt offenbar eine große Zuneigung zum Riesling Kabinett, was sich in der ehrgeizigen Preisgestaltung niederschlägt wie auch in dem Umstand, dass er jedes Jahr eine Versteigerungsabfüllung erzeugt, der den regulären Kabinett nicht nur preislich toppt – ein Wein wie ein Feuerwerk: schlank, kühl, brillant, sehr mineralisch, mit einer sexy Frucht.

Auch der 2014er Riesling Kabinett H ist wieder sehr gelungen. In der Nase pudrig süß, kalkig, mit feiner Honigmelone, am Gaumen zunächst ziemlich süß, wobei die gut verborgene, aber nicht unbeträchtliche Säure für die Balance sorgt. Feinste mineralische Adern durchziehen den Wein, der noch sehr unfertig wirkt und viele Jahre reifen kann. Wenn ein Winzer hervorragend hohe Säurewerte managen (soll heißen: verstecken) kann, dann Keller. Auch der feinherbe 2014 Riesling RR hat gewiss keine geringe Säure, aber sie schmiegt sich so eng an den schlanken, jedoch keineswegs kargen Körper, dass dieser Wein auch jedem säureempfindlichen Gaumen schmeichelt. Die ausgeprägte Mineralität wirkt drucklos und sanft, aber stets spürbar, angenehm verhalten steigen gelbe Früchte und rosa Grapefruit auf – den Eindruck großer Eleganz bestärkt nicht zuletzt der Alkoholgehalt von gerade mal 12%.

Stilistisch eng verwandt und äußerst gelungen ist die 2014 Scheurebe trocken. Weine dieser Rebsorte können leicht unharmonisch schmecken, vor allem, wenn die Säure nicht richtig reif ist. Hier aber zeigt sie sich perfekt integriert. Der Wein riecht nach Cassis, kühlem Weinbergpfirsich, später auch nach Litschi und schmeckt nach zartem Pfirsich Melba, je einer Prise Muskat und Liebstöckel – alles ist fein, kühl, saftig und sehr animierend auch bei gerade 12% Alkohol.

Der Eindruck von Präzision, Zartheit und fast schwebender Anmut zeigt sich beim trocknen Riesling RR wie bei der Scheurebe besonders, wenn man die Weine nach einer Woche aus der offenen Flasche erneut probiert: Ballerinen, versunken im ätherischen Spitzentanz –für alle, die Ballett-Weine mögen.

Fotos von Thorsten Jordan

Posted in @deutsch | Leave a comment

Sein Name ist HE von Frank Ebbinghaus

HE: Das Monogramm eines Mannes von Welt und Stil schmückt nicht mehr Hemdkragen oder Manschettenknopf, sondern eine Weinflasche. Diese Verbindung zielt mit minimalem Aufwand auf maximale Synergien und größtmögliche Distinktion ab.

HE: So steht es auf dem Etikett einer Flasche Pinot Noir. Und mehr muss man in bestimmten Kreisen nicht sagen, um Glanz in die Augen zu zaubern. Natürlich ist dieser Wein ziemlich exklusiv. Was freilich weder am Preis von knapp 80 Euro pro Flasche (das ist kein Pappenstil, aber es gibt weitaus exklusiveres), noch am Namen liegt („HE“ = Hans Erich Dausch = ein Allerweltsname, kennt kein Mensch außer ein paar Eingeweihten). Sondern am Konsumenten selbst, der sich durch den Kauf von „HE Pinot Noir“ als wahrer Kenner von erlesenem Weingeschmack ausweist.

Rar sind die Weine nicht unbedingt, Google nennt Bezugsquellen. Bei öffentlichen Verkostungen sind die HE-Pinots aber nicht präsent. Marketing gibt’s nicht und mal eben probieren ist auch nicht, es sei denn, man hat einen guten Freund, der vom HE-Virus infiziert ist und eine Flasche aufreißt. Wer HE Dausch googelt, findet dessen Uralt-Homepage, dann die Überschrift “ eines Weinhändlers: „HE The Guru“. Klingt doch vielversprechend mysteriös.

Aber dann steht da an einem sonnig-warmen Samstagabend im Berliner Sternelokal Frühsammers Restaurant eine fröhlich grinsende Pfälzer Frohnatur, die der Grünewalder Tennis-Schickeria, die auf den angrenzenden Plätzen schweißtreibend und lautstark übt, die rote Daunenweste zeigt. Hans Erich Dausch, der sich HE nennt, war mal Bankmanager, auch Skilehrer. Er entstammt einer Pfälzer Winzerfamilie, fünf Hektar Reben und Schnapsbrennerei: „anständige Qualität, aber nix zu verdienen“, sagt HE selbst. Deshalb die Flucht ins Geldgewerbe, das ihn jedoch direkt zurück zum Wein führte.

Denn als Bank-Angestellter in Siebeldingen machte er die Bekanntschaft mit Spitzenwinzer Hansjörg Rebholz, der ihn zu Proben mitschleifte und in ihm die Liebe zum Wein weckte. HE verfügt über keine weinspezifische Ausbildung, er hat sich alles ehrlich selbst ertrunken. Die großen Pinot Noirs des Burgunds liebt er.

Seine Leidenschaft ist freilich nicht nur auf Konsumtion beschränkt. HE verfügt über die Fähigkeit Weine zu „lesen“ wie ein mit allen Wassern gewaschener Bankprüfer eine Karstadt-Bilanz. Ihm entgeht nichts. Und er weiß, wie man’s besser macht. Kurz nach der Jahrtausendwende holte ihn Heidrun Becker als Berater ins Weingut Friedrich Becker (Schweigen/Pfalz), das für seine Spätburgunder längst berühmt war. 2006 hat HE angefangen, eigene Weine zu erzeugen. Einen Hektar Rebfläche besitzt er in der Lage Eschbacher Hase. Ein Weingut hat er nicht- Seine Weine produziert HE seit 2010 in dem bekannten Pfälzer Weingut Knipser (Laumersheim).

HE hat klare Ansichten über Wein und besonders über Pinot Noir. Seine Philosophie legt er mit bestechender Einfachheit dar: „98 Grad Oechsle sind mir am liebsten“, sagt er zum Beispiel, „die Traubenkerne müssen sich vom Fruchtfleisch lösen“. HE schwört darauf, dass eisenhaltige Kalkböden für Pinot Noir am besten sind. Je mehr Eisen, desto besser.

Das Burgund – und dort natürlich nur die Top-Erzeuger – sind für ihn die Benchmark. Aber er ist kein Guru und auch kein Burgund-Jünger, der vermeintliche Patentrezepte nachahmt. Wie auch? Es gibt ja nicht den einen burgundischen Stil. Wohl aber Vorstellungen von Eleganz, Finesse und Sinnlichkeit. Und genau dahin will HE mit seinen Weinen.

Und nicht nur mit den eigenen. Er arbeitet inzwischen als Berater. Seine Kunden sind die Weingüter Bernhard Koch (Hainfeld/Pfalz), Uli Metzger (Grünstadt/Pfalz), Thomas Hörner (Hochstadt/Pfalz) und seit letztem Jahr Dr. Corvers-Kauter (Oestrich-Winkel/Rheingau). Dass die Spätburgunder-Weine von Bernhard Koch und Uli Metzger seither Verkostungswettbewerbe gewinnen, ist sicher kein Zufall.

HE verfügt über die Fähigkeit, Erfahrungen in Aphorismen zu gießen: Er sagt Sätze wie: „Viele faule Leute sagen viele faule Sachen.“ Soll heißen: Schöne Worten machen keinen großen Wein. Oder: „Dass ich der Magier bin, einfach die Hand aufs Fass lege und alles wird gut? So läuft der Job nicht“. Ziemlich cool fand ich den Satz: „Romanée-Conti [den berühmtesten und teuersten Wein des Burgunds] aus der Flasche habe ich noch nicht probiert, wohl aber aus dem Fass.“ Klingt großmäulig, ist es aber nicht. Eher typisch HE. Er hat sich von dem besonderen Moment (Romanée-Conti aus dem Fass probieren zu dürfen ist noch exklusiver als den Wein für eine fünfstellige Summe zu kaufen) nicht blenden lassen, sondern hielt Sinne und Verstand eingeschaltet. Seither schwört HE zum Beispiel auf die Fässer der berühmten Tonnellerie Francois Frères in Saint Romain. Er baut seinen HE Pinot Noir zu 100% in neuem Holz aus. Doch das schmeckt man selbst seinen jungen Weinen kaum an.

Im Jahrgang 2012 konnte er drei Weine erzeugen. Sie sind von außergewöhnlicher Eleganz und Feinheit, duftig und obwohl völlig trocken von einer feinen Himbeersüße durchzogen. Beim 2012er Eschbacher Hasen Pinot Noir riecht man förmlich den Boden: nasses Eisen, aber auch Blut. Der 2012 Herrschaftswingert Pinot Noir verfügt noch über einen aparten Stinker vom Ausbau, aber neben der eleganten Frucht auch über ultrafeine Tannine, während der Spitzenwein 2012 HE Pinot Noir bei aller Feinheit rauchig und animalisch wirkt. Hier ist Großes im Werden, das braucht viel Zeit. Gleiches gilt für den Jahrgang 2011, der reif wie der 2009er ist, nur viel feiner. Und wenn ein Wein wie der 2009 HE Pinot Noir, der Rauch, Himbeergeist, Herzkirsche, einen Hauch Vanille und Lorbeerholz mit einer schönen Säure zusammenführt, bei diesem Winzer ein Höchstmaß an Reife darstellt, dann weiß man, dass HE selbst in einem sehr reifen Jahrgang seine Vorstellung von burgundischer Eleganz durchzusetzen vermag.

An diesem Abend wurde aber auch eine eindrucksvolle Ehrenrettung für sehr deutsch schmeckende Spätburgunder eingelegt. Der 1989 Assmannshäuser Höllenberg Spätlese trocken der Hessischen Staatsweingüter roch zwar nach einer seit 1989 getragenen Birkenstocksandale, schmeckte aber fein und zart nach Kirsche, verblüffte mit elegantem Tannin und fein-säuerlichem Abgang.

Nicht nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt dass der Abend mit einem eindrucksvollen „Jungwinzer-Debüt“ begann: Ein 2013 Kallstadter Saumagen trocken, der die frühlingshafte Stimmung dieses schönen warmen Maitages mit allen Düften und Farben wachrief, aber auch schon den Sommer mit reifem Pfirsich und Aprikose ankündigte und mit feiner Salzigkeit endete. Der Wein stammte von keinem geringerem als Winzerlegende Bernd Philippi, der nach seinem Ausstieg aus seinem ehemaligen Weingut Koehler-Ruprecht ein kleines Stück aus der berühmten Lage Saumagen gekauft hat. Kaum mehr als tausend Flaschen erzeugte er 2013. In den Verkauf kommen sie freilich nicht. Er will sie selbst trinken.

Fotos Gerhard Gneist

 

Posted in @deutsch | Leave a comment

Farewell Charakterkopf! von Frank Ebbinghaus

Der Weinkeller: Unendliche Weiten, aber keine gähnende Leere. Und irgendwo im verdichteten Raum des flaschenreichen Kosmos treiben schwarze Löcher ihr Unwesen. Dort, wo manche Bouteille mitunter einfach verschwindet, um dann nach Jahren in Raum und Zeit wieder aufzutauchen. Kein ordnendes Schöpfungsprinzip kann temporäre Verluste hindern, ab einer gewissen Kellergröße stellen sich Unauffindbarkeiten ein, die bisweilen auch absichtsvollem Vergessen geschuldet sein können. Denn was sich dem sicheren Zugriff entzieht, ist das oft wenig Geliebte, bewusst Unbeachtete, dem man nicht nachgeht, wenn einem der Verlust dämmert. Aber alles findet sich auf Dauer wieder ein. Und dann können Wunder geschehen.

Es war eigentlich nur preiswerter Beipack für die teuren Burgunderweine des Weinguts Rudolf Fürst (Bürgstadt/Franken). So landeten vor rund zehn Jahren jeweils drei Flaschen „Bundsandsandstein-Terrassen Alter Satz von Riesling & Silvaner“ der Jahrgänge 2003 und 2004 in meinem Keller. Sie wurden nach Ankunft kurz genossen, ohne das Bedürfnis nach mehr zu wecken. Sehr mineralisch waren sie, fruchtarm, mit ordentlich Säure sogar im Jahrgang 2003 – echte Charakterköpfe, herausfordernd. Vor zwei oder drei Jahren öffnete ich eine vergessene Flasche 2003er und war begeistert: Der Wein war ungeheuer hedonistisch, fantastisch balanciert – ein Saufwein für Wein-Gebildete. Ich fand eine Flasche 2004er, von der ich glaubte, sie sei die letzte, war aber enttäuscht. Der Wein wirkte flach.

Aber nun geriet mir die allerletzte 2004er in die Hände. Und, oh Wunder: Der Wein entpuppte sich als perfekter Gentleman: Grüngold funkelte er im Glas, mit feiner Reife, Apfel, Seetang, zarter Süße, reifer, unterstützender Säure im Hintergrund (wohl mehr Silvaner als Riesling) und einer fast etwas schaumigen Viskosität – ein Hochgenuss.

Es gibt eben keine schwachen Weine von großen Winzern. Nur falsche Trinkfenster.

Jetzt ist sie unwiederbringlich dahin, die letzte Flasche eines Weines, der schon lange nicht mehr produziert wird.

Fränkischer Charakterkopf, gerne hätte ich mich noch länger mit Dir unterhalten. Doch habe ich Dich zu lange verkannt. Und jetzt bist Du für immer verstummt. Farewell! Hier setzte ich Dir Dein wohl verdientes Denkmal.

Posted in @deutsch | Leave a comment

Franz Hirtzbergers Singerriedel Riesling “Smaragd” von Frank Ebbinghaus

Kaum eine Weinbergslage auf der ganzen Welt wird so stark mit einem einzigen Winzer assoziiert wie der Singerriedel von Spitz in der Wachau/Österreich mit Franz Hirtzberger. Seit den frühen 1980er Jahre trieb er mit großem Nachdruck die Rekultivierung von den weitgehend brach liegenden Terrassen dieser Steillage voran. 1987 hat er den ersten (recht bescheidenen) Wein geerntet und schon während der 1990er wurde der Singerriedel Riesling von Weingut Franz Hirtzberger ein begehrter Kult-Wein. Inzwischen ist der Wein der Inbegriff des üppigen Wachauer Riesling “Smaragd”. Frank Ebbinghaus hat 20 Jahrgänge davon verkostet und der Mythos ergründet.

Man schließe für einen Moment die Augen. Und male sich den verführerischen Gedanken aus, von einem der besten Weißweine der Welt 20 Jahrgänge am Stück verkosten zu dürfen. Was wäre da zu erwarten? Eine blitzsaubere Reihe von Topweinen, die witterungsbedingten Unwägbarkeiten trotzen und in jedem Jahr gleich hell strahlen, um alles in den Schatten zu stellen? Edle Tropfen, deren jahrgangstypische Ausprägungen ihren Spitzenrang kontinuierlich bestätigen? Oder Weine, in denen sich natürliche Einflüsse wie Mikroklima, Boden und Witterungsverlauf konsequent spiegeln sollen, weshalb der Winzer seinem Gestaltungswillen bewusst Grenzen setzt. Diese Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich vergangenen Samstag das Restaurant Annabelles Kitchen in Berlin verließ. Hinter mir lag eine Verkostung von 20 Jahrgängen des sehr berühmten, teuren und hoch bewerteten Riesling Smaragd Singerriedel des ebenfalls sehr renommierten Wachauer Weinguts Franz Hirtzberger (Spitz/Österreich).

Franz Hirtzberger muss der Welt nichts mehr beweisen. Jahr für Jahr werden seine Spitzenweine von der internationalen Kritik mit hohen Bewertungen bedacht. Sein Weingut steht im Zeichen einer ausgeprägten Kontinuität, die auch seinen längst in den Betrieb eingestiegenen Sohn einschließt. Umso bemerkenswerter, dass er zu dieser Probe persönlich nach Berlin gekommen war und einem kleinen Kreis von Weinfans Rede und Antwort stand. Er tat dies mit einem ganz unaufdringlichen Selbstbewusstsein, das seinen Weinen genug Platz bot für sich selbst zu sprechen. Und das taten sie vernehmlich.

Deshalb zurück zur Eingangsfrage: Welches Ergebnis brachte die Verkostung von 20 Jahrgängen eines solchen Ausnahmeweins? Zunächst ein ernüchterndes: Acht Weine waren nach meinem Geschmack lediglich gut oder sehr gut, bei zwei Weinen notierte ich mir Steigerungspotential, das sich mit weiterer Reife einstellen könnte. Von herausragender Qualität erschienen mir neun Weine, wovon zwei zu wahrer Größe heranwachsen könnten. Nur zwei Weine habe ich als vorbehaltlos groß eingestuft. Bei einem Wein, dem 2007er, den Franz Hirtzberger für sehr vielversprechend hält, lag womöglich ein Flaschenfehler vor. Er ging nicht in die Bewertung ein.

Man sollte das nicht auf die Goldwaage legen. In dieser Bewertung spiegelt sich natürlich mein persönlicher Geschmack. Überdies relativiert genauere Betrachtung das kritische Fazit: Kein einziger Wein schmeckte alt. Und in keinem Jahrgang vermisste man das typische Singerriedel-Geschmacksbild: In der Jugend sind das überschwängliche Marillen- und Litschi-Aromen, mit zunehmender Reife stellen sich Waldhonig ohne Süße, Tabak- und Kräuteraromen ein, wobei diese Weine bei aller Reife über eine sehr präsente Säurefrische verfügen.

Zu diesem sensorischen Eindrücken passen die Aussagen des Winzers, die eine klare Philosophie ausdrücken: In jedem Jahr, so Franz Hirtzberger, wolle man herausholen, was möglich sei. Das bedeutet: Eine späte Lese möglichst reifer Trauben. Wenn Botrytis, dann nur von gesunden, voll ausgereiften Beeren. Und in der Regel wird dem Wein vier bis fünf Gramm natürlicher Restzucker oder mehr gelassen, der für Balance sorgt. Hier hat ein Winzer über Jahrzehnte hinweg ein tiefes Verständnis für „seinen“ Weinberg entwickelt. So ist eine Partnerschaft zwischen gestaltendem Subjekt und Natur gewachsen, wobei letzterer alle Möglichkeiten eingeräumt werden sollen, um sich ohne Zwang bestmöglich zu entwickeln.

Es wundert daher nicht, dass die Weine sehr unterschiedlich schmecken und meine Vorstellung von einem großen Wein mitunter deutlich verfehlen. Das gilt besonders für die Jahrgänge 1998, 1999 und 2000, die bei allen Unterschieden eine übermächtige Wucht einte, die mir jedes Trinkvergnügen raubten. Auch der seinerzeit von der Kritik zum Super-Jahrgang hochgejazzte 2006er enttäuschte mich mit seiner Schwerfälligkeit und dem brandig-süßen Abgang.

Überhaupt: Wer auf Finesse und Eleganz steht, wird mit dem Singerriedel nicht zwangsläufig glücklich. Über einige Feinheit verfügt der 1997er, der heute bereits sehr beeindruckt, aber noch zu echter Größe heranreifen kann. Den 1992er Singerriedel zeichnet eine seidige Säure aus und eine große Harmonie – ein tolles Ergebnis für diesen Jahrgang. Eine echte Überraschung bot der 2003er Singerriedel: Im Hitzejahr gelang Franz Hirtzberger trotz geringer Säure ein sehr animierender, keineswegs fetter Wein. Gelbe Früchte werden von einer nur leichten Süße und von Tabaknoten umspielt, so dass sich ein schöner Trinkfluss einstellt.

Ebenfalls sehr eindrucksvoll, wenn auch geschmacklich aus dem Rahmen fallend, der außergewöhnlich schlanke 1990er. In diesem Jahr hat Hirtzberger einen völlig trockenen Wein erzeugt, der trotz neun Promille Säure und nur einem Gramm Restzucker, sehr harmonisch schmeckt, aber aufgrund seiner markanten Säurefrische nicht jedem am Tisch gefiel.

Was aber macht die wirklich großen Singerriedel-Rieslinge aus? Es ist wohl vor allem die perfekte Balance aus gezügelter Reife und mineralischer Säure, wobei die Frucht in der Jugend nicht zu reif schmecken darf, die Säure hingegen nicht reif genug sein kann. So ein Wein ist der 2004er Singelrieder Riesling Smaragd, ein sehr konzentrierter, aber keineswegs übermächtiger, sondern eleganter Wein, der jetzt in einem ersten Reifestadium ist und mit feinen Fruchtnoten einen charmanten Gegenpol setzt zum lebendigen Mineralienspiel – für mich der beste Wein der Probe, der mühelos neben allen großen trockenen Weißweinen besteht, die ich je probieren durfte. Kaum weniger eindrucksvoll der 2002er aus einem Katastrophenjahr, wie Franz Hirtzberger erzählte, als durch starke Regenfälle im Sommer rund 50.000 Quadratmeter terrassierendes Mauerwerk in den Wachauer Weinbergen eingestürzt waren und zur Rettung das Bundesheer anrücken musste. Der Herbst aber war gut. Und so brilliert auch dieser Wein mit einer eleganten, sehr animierenden Art.

Drei weitere Jahrgänge haben das Zeug, sich ebenfalls zu derartigen Monumenten der Rieslingkultur zu entwickeln: Das ist der recht leicht, fein und ebenfalls elegant wirkende 1997er mit seiner feinen, leicht röstigen Paprikanote, dessen Trauben vor der Lese Frosttage zu überstehen hatten, ohne dass sie selbst gefroren waren. Ebenso der 2001er, der mit einer kühlen Tabaknase besticht, nicht zu reif wirkt und dessen im Moment noch recht deutliche Säure sich mit den Jahren zu einem noch mineralischerem Finish entwickeln kann. Und dann ist da noch der 2013er, der zwar sehr gelbfruchtig-reif wirkt, aber im Gegensatz etwa zum 2009er und 2011er nicht üppig schmeckt, sondern seine reife Frucht durch eine bereits perfekt eingebundene mineralische Säure in einer feinen Salzigkeit bändigt – der macht viel Spaß und hat eine große Zukunft.

Was ist das Fazit? Wer große Weine sammelt, sollte ihren Stil sehr mögen. Mir ist der Singerriedel Riesling Smaragd von Franz Hirtzberger oft einfach zu mächtig und zu kraftvoll. Deshalb kommen für mich auch angesichts der Preise, die im Internet bei knapp 60 Euro gerade erst beginnt, nur wenige Jahrgänge überhaupt in Frage. Und ich würde sie nie blind kaufen. Was aber jene Fans durchaus tun, die diese Weine sehr lieben. Sie können darauf bauen, dass Franz Hirtzberger Jahr für Jahr einen Wein präsentiert, der die Geschichte des Jahrgangs und seiner berühmten Lage erzählt und sich als selbstbewusste Persönlichkeit nicht verbiegen lässt – genau wie seine Erzeuger. Es ist ein Wein, wie ihn der Winzer will und die Natur hergibt. Nicht mehr und nicht weniger.

 

Posted in @deutsch | Leave a comment

Erich Machherndl und die ganz andere Wachau (Österreich) von Frank Ebbinghaus

Wer Erich Machherndl reden hört, schaut ihm beim Denken zu. Man spürt, wie Energieströme in Lichtgeschwindigkeit durch die Neuronen und Synapsen seines Gehirns rasen, um als Schallwellen mehr ausgestoßen als sorgsam artikuliert zu werden. Die salvenartige Suada wird in dem Tempo gesprochen in dem sie gedacht wird: impulsiv, aber doch keineswegs ungeordnet. Machherndl, der ein kleines Familienweingut in Wösendorf/Wachau (Österreich) betreibt, hat sich so ziemlich über jedes Detail der Weinbereitung seine Gedanken gemacht. Und lässt seine Zuhörer, die sich in der Berliner Weinschenke „Weinstein“ zur Probe zusammenfanden, keineswegs darüber im Unklaren, dass sich seine Weine detaillierter Überlegungen versanken, die selbst vermeintlichen Kleinigkeiten größte Bedeutung beimessen, wobei der Winzer sehr aufmerksam die Produktionsweisen seiner zum Teil hoch berühmten Kollegen beobachtet.

Knochentrocken und Null Botrytis: So lautet Machherndls Kredo. Er gehört zu einer neuen Generation Wachauer Winzer, die auf einen klaren, mineralischen Weinstil schwört. Und tatsächlich gibt es an diesem Abend einige beeindruckende Weine in diesem Stil zu probieren. Aber die besten Weine sind doch ganz anders.

Was wie ein Widerspruch wirkt, ist doch nur Ausdruck einer urwüchsig kreativen Energie, die diesen Winzer auch dazu antreibt, seine Überzeugungen nicht in Dogmatismus erstarren zu lassen. Aber der Reihe nach. Es gab an diesem Abend die Gelegenheit, neben dem aktuellen Jahrgang auch gereifte Weine zu probieren. Erich Macherndl selbst führt seit 1998 das Weingut, betont aber die große Kontinuität zu seinem Vater, mit einem Unterschied: „Im Gegensatz zu meinem Vater bin ich richtig charmant.“

Das durfte er ruhig aussprechen, denn die gereiften Machherndl-Weinen bestachen mehr durch ihren kompromisslos mineralischen Charakter als durch Charme. So wie der 1992 Kollmütz Grüner Veltliner Smaragd, der, nachdem er eine unangenehme Kellernote abgelegt hatte, nach nassem Stein und feuchtem Laub duftete, unter Lufteinfluss zulegte und vor allem als Essensbegleiter gute Dienste leistete.

Noch lebendiger war der 2001 Jochinger Steinwand Grüner Veltliner Smaragd mit seinem Duft nach grünen Walnüssen, die sich auch im Geschmack wiederfanden, als eine leicht medizinale Aromatik in den Hintergrund trat. Wie gesagt: Fordernd, uncharmant, aber charakterstark und mit Trinkfluss ausgestattet – was für Fans.

Welche Überraschung aber bereitete uns der 1990 Kollmütz Riesling Smaragd? Feine Bienenwachsnoten mischten sich mit Melonenduft, die frische, feine Frucht klang am Gaumen in einer leichten Nougatnote aus. Der Wein verfügt über eine spürbare Süße, die ihm einen gesetzten Alterscharme verleiht, der freilich einer pointierten Lebendigkeit und Eleganz den Vortritt lässt. Gerne würde ich wissen, welcher trockene deutsche Riesling aus diesem vormaligen „Jahrhundertjahrgang“ es mit diesem Wein noch aufnehmen könnte.

Deutlich süßer schmeckte der 2007 Kollmütz Riesling Alte Reben halbtrocken, der schon recht gereift wirkte und einem Eindrücke von mürbem Apfel, Orange und Orangenzeste über den Gaumen schickte bis einen das steinige Finale wieder erdete. Besonders bemerkenswert: Dieser Wein hatte versehentlich einen biologischen Säureabbau vollzogen. Rieslinge können dann oft schlapp und fett schmecken, sie verlieren mit der Äpfelsäure oft ihre Spritzigkeit und Brillanz, was bei diesem Wein aber überhaupt nicht ins Gewicht fiel.

Noch einen spektakulären „Ausreißer“ aus der Produktphilosophie erbrachte die Verkostung des aktuellen, noch nicht abgefüllten Jahrgangs 2014. Denn der erst am Vortag filtrierte 2014 Kollmütz Riesling Smaragd, der mit seiner knochentrockenen, von einer laserstrahlartigen Säure getragenen Art geradezu bestach, weil der Wein eine tolle Harmonie und beeindruckende Länge aufwies, hatte einen noch eindrucksvolleren Zwillingsbruder. Dieser Riesling gleichen Namens wurde am 26. Oktober 2014 gelesen, als sich auf den sehr reifen Trauben gerade ein wenig Botrytis bildete. Eben so viel, dass sie die vielschichtige Frucht des Weins zum Tanzen brachte, während die kräftige Säure ein salziges Finale beschert – ein Meisterwerk im Werden.

Dass auch Erich Machherndls Neuronen und Synapsen gelegentlich ein heißes Tänzchen hinlegen, bewies zum Abschluss ein Experiment. Die Trauben für das 2014 Grüner Veltliner Federspiel waren erst am 26. November 2014 gelesen worden! Der Most lag ganz zehn Tage auf der Maische. „Mein leichtester Wein,“ grinste Machherndl als wir probierten und von einer Wahnsinnsaromatik, die grüne Nüsse, weißen Pfirsich und vieles andere enthielt, hingerissen wurden. Leicht waren hier nur der Alkoholgehalt von 11,6 Prozent und die Gedanken, welche die Entstehung dieses Wunderwerks ermöglichten.

Posted in @deutsch | Leave a comment

Jay Somers: Winemaker / Lead Guitar von Frank Ebbinghaus

“Pinot-Noir-Musik die meinen Herz trifft aber bezahlbar ist!” Stuart Pigott 

Nina ist so eigenwillig und kompromisslos wie man es von einem Winzer oder einer Winzerin erwarten kann. Für sie gibt es nur ein Ziel, das sie mit Geduld und äußerster Beharrlichkeit verfolgt. Alles andere ist untergeordnet. Egal, ob Wetterkapriolen, Hunger, Schmerz oder völlige Erschöpfung: Kein Hindernis und keine Qual sind groß genug, um Nina auch nur ein Jota von ihrem Weg abzubringen. Wie wohl die Pinot Noirs von J. Christopher (Oregon/USA) schmecken würden, wenn Nina für ihre Erzeugung zuständig wäre? Die Antwort bleibt hypothetisch. Denn Nina ist die deutsche Schäferhündin des Weinmachers Jay Somers (im Bild oben). Und ihre einzige Leidenschaft, die in dieser totalen Hingabe selbst unter Caniden nicht eben häufig zu beobachten ist, liegt im Apportieren von Bällen.

Aber über die Wesensähnlichkeiten von Herrn und Hund kursieren ja die unterschiedlichsten Mutmaßungen. So darf man fragen, inwieweit der Herr nach seinem Hund geraten ist. Und was das für die Pinots des jungen Weinguts J. Christopher bedeutet. Zielstrebigkeit mag man Jay Somers durchaus unterstellen, bedenkt man, dass er seine Winzerkarriere 1996 mit zwei Eimern Trauben im elterlichen Haus begann. Und heute über über 10 Hektar eigene sowie 16 Hektar  zugekaufte Reben gebietet sowie über eine stattliche Winery, deren Fasskeller in die Felsen der Chehalem Mountains getrieben wurden.

Und doch würde man prima vista nicht behaupten wollen, Jay Somers sei einer dieser super-ehrgeizigen Masterplan-Winzer. Er wirkt wie ein Künstler, der die Empfindsamkeit seiner sensiblen Seele mit einer Prise Selbstironie bestäubt. Und Künstler ist er in der Tat, einer von hohen Graden sogar, sehr begabt, wie man hier sehen und hören kann:

https://www.youtube.com/watch?v=ytoP4jAlaR0

Der Ziegenabart am Bass ist übrigens Tim Malone. Der hat am feinen Berklee College of Music in Boston studiert und ist im Weingut so was wie Jays rechte Hand. Zwei Musiker, die Pinot Noir erzeugen: Das klingt recht romantisch. Und vielleicht würden die beiden auch heute noch in irgend einer Garage handgemachte Preziosen kreieren, die die Welt nie erreichen, wenn nicht ein deutscher Riesling-Winzer und Burgunder-Aficionado auf Jays Weine aufmerksam geworden wäre und in ihnen die burgundischsten in Oregon gesehen hätte. Eine steile These, gewiss. Aber wenn man weiß, dass sie aus dem Mund von Mosel-Winzer Ernst Loosen stammt, der neben Riesling auch Pinot Noir liebt wie sonst nichts auf diesem Planeten: Dann wird man doch neugierig.

Ernst Loosen wollte immer schon Pinot Noir erzeugen: Das Burgund war ihm zu teuer, die Pfalz, wo er mit seinem Weingut Villa Wolf auch sehr guten Spätburgunder herstellt, für seinen Ehrgeiz zu wenig. Aber die Weine von Jay Somers faszinierten ihn von Anfang an. Und weil Loosen nicht nur das Duracell-Häschen unter den deutschen Weinmachern ist, sondern in puncto kompromissloser Fokussierung auch der wahre Wesensverwandte von Jays Schäferhündin Nina, wurde die Idee eines gemeinsamen Weinguts schnell in die Tat umgesetzt. Dabei war Loosen völlig egal, dass das Mini-Weingut J. Christopher bis dato in den USA keinen Ruf hatte. Loosen dagegen verfügt über einen nicht eben geringen, seit er im Rahmen eines Joint Ventures mit Chateau Ste. Michelle (Woodinville/Washington State) Riesling erzeugt und auch mit seinem Mosel-Marken-Riesling „Dr. L.“ in Amerika gut im Geschäft ist. Dass es riskant ist, wenn ein Riesling-Star in einer anderen Region plötzlich Pinot Noir (ko-)produziert, weil die Marken-Identität Schaden nehmen könnte:  Das ist Loosen völlig wurscht. Und der Erfolg scheint ihm Recht zu geben. Die Weine sind von der Kritik positiv aufgenommen worden.

Kürzlich haben Loosen und Somers einige Pinot Noirs von J. Christopher in Berlin präsentiert. Schnell wurde deutlich, dass Jay Somers, der für Weinstil und -erzeugung verantwortlich ist, sehr klare Ansichten hat. Er holte erdgeschichtlich weit aus, rief die urzeitliche Überschwemmung des Columbia Valley durch die Missoula Flood in Erinnerung, folgte der Entwicklung von Gesteinsmassiven und Böden, räumte mit ein paar Vorurteilen über Neue-Welt-Pinots auf (von wegen breit und fett. Oregon ist kühler als das nördlich gelegene Washington, das Klima ist ziemlich unberechenbar, die Jahrgangsunterschiede groß). Dann erklärte er ausführlich die unterschiedlichen Terroirs und ließ zur Anschauung Bodenproben durch die Zuhörerschaft wandern. Dass die Trauben mit Füßen gestampft und mit Schalen vergoren werden (bringt Struktur und Eleganz), ist kein PR-Gag, ebenso wenig das Bekenntnis zu biodynamischen Produktionsmethoden, die die Böden lebendig und gesund halten. Und klar, spontanvergoren wird auch. All das sollte heißen: Hier weht der Geist von old Europe.

Aber wie schmecken die Weine? Mitgebracht hatte Jay Somers je drei Pinots der Jahrgänge 2011 und 2012, kühl der eine, der andere sehr warm. Man merkte die Unterschiede freilich kaum. Stil des Hauses ist ein kühler, straffer, sehniger und eleganter Pinot-Stil mit viel Struktur und Mineralität. Alle Weine wirkten embryonal und reduktiv. Sie sind komplex, verbergen ihre Frucht aber im Hintergrund. Wer sich jetzt mit ihnen beschäftigen will, braucht Zeit, Geduld und einen großen Decanter.

Und doch schmeckten die Weine sehr unterschiedlich: Während sich der vulkanische, sehr eisenhaltige Boden (ähnlich der Mosellage Ürziger Würzgarten) im 2012 Pinot Noir Dundee Hills in einer fast „blutigen“ Aromatik widerspiegelt, während von Ferne Johannisbeeren und Kirschen grüßen, gibt sich der auf felsigem Meeressediment gewachsene 2012 Pinot Noir ‚Nuages’ (Jazzfans wissen, woher der Name kommt) noch vornehm zugeknöpft, ein eleganter Gentleman, dessen Unnahbarkeit nicht über seine Sinnlichkeit hinwegtäuschen kann. Noch kühler, aber weniger tanninhaltig wirkt der 2012 Pinot Noir ‚Lumiere’, kein Wunder, ist ja auch die kühlste Lage, der Wein wirkt klar und präzise, die süße Kirschfrucht kündigt sich mit viel Finesse an.

Ein sehr warmer Jahrgang? Kaum zu glauben. Die Alkoholwerte liegen bei jedem Wein unter 14 % und damit auch unter den Werten (14,5% – 16%), die im Burgund in einem sehr reifen Jahr erreicht werden.

Die Pinots des Jahrgangs 2011 wirken nur wenig entwickelter. Ein kühlerer Jahrgang, aber auch einer, in dem die Trauben langsam reiften. Gelesen wurde erst im November. Der 2011 Pinot Noir ‚Bella Vida’ trägt dem Jahrgang durch seine kühle Aromatik Rechnung, die aufgrund des eisenhaltigen Vulkangesteins wieder diese eigenartige Blut-Aromatik aufweist, aber auch den Geschmack von Veilchen und kleinen Waldersbeeren. Etwas aus dem Rahmen fiel der 2011 Pinot Noir Lia’s Vineyard, dem Aromen von schwarzer Schokolade und Nougat entströmen, aber auch Kirsche und vieles andere, das noch recht ungeordnet wirkt. Eleganz auch hier, aber auch große Expression. Bevor wir den 2011 Pinot Noir Olenik verkosteten, hatte Jay Somers vernehmlich geseufzt: In richtig warmen Jahrgängen würden die Weine aus dieser Lage locker mehr als 16 % Alkohol aufweisen – eine echte Herausforderung. Aber 2011 war kühl und der auf Basalt und Sandstein gewachsene Olenik zeigt sich wie seine Geschwister sehr fein und elegant, Säure und Tannin sind gut integriert, die Veilchen-, Kirsch- und feinen Orangenaromen deuten auf eine reiche Frucht.

All diese Weine zeigen sehr gute Entwicklungsperspektiven. Das galt erst recht nach der Verkostung des 2007 Pinot Noir Dundee Hills, den ich vor ein paar Jahren schon mal sehr fein und verführerisch im Glas hatte, an diesem Tag aber sehr verschlossen fand. In den USA sei der schwer zu verkaufen, meinte Jay Somers. Das kann man auch als Kompliment für den Wein betrachten.

Und hier noch Musik mit Jay Somers:

https://www.youtube.com/watch?v=qDu1wHsc8dg

 

Posted in @deutsch | Leave a comment

Lustiger Wein von Frank Ebbinghaus

Jede Weinkarte ist unterteilt in verschiedene Sektionen: Weiß- und Rotwein, Rebsorten, Herkunft, trocken, rest- oder edelsüß. Ein System wie ein Möbelhaus oder das Zentralkomitee der SED, positivistisch, funktional, nicht in Frage zu stellen. Und genau deshalb wieder auch höchst zweifelhaft.

Befrage ich mich nämlich selbst, auf welche Flasche ich Lust hätte, und reiche diese Frage an meinen Weinkeller oder Kühlschrank weiter, so wäre die Weinkartensystematik kaum hilfreich. Ich denke nicht in Regalsystemen oder Sektionen, sondern rufe Sinneseindrücke hervor, betrachte diese wie Seifenblasen, lasse ihre Anmutung auf mich wirken bis eine Entscheidung gereift ist.

Dieser Prozess lässt sich zwar versachlichen, etwa, wenn es um einen Wein geht, der zu einem bestimmten Essen passen soll. Wer sich ihm jedoch sklavisch unterwirft, findet nur selten zum großen Wein-Glück. Denn das Weingenussbedürfnis führt ein starkes Eigenleben. Es ist oft stärker als der Anlass, ein Essen zu begleiten. Ich will in diesem Moment genau diesen Wein. Da ist mir gerade recht, dass er auch zum Essen passen könnte.

Ich befinde mich also in einer erinnerten Aromenwelt, die ich mit meinen Stimmungen und Bedürfnissen abgleiche. Ein Zwiegespräch, das ich natürlich auch mit einer herkömmlichen Weinkarte im Restaurant führen kann, sofern ich die angebotenen Tropfen aus eigenem Erleben kenne. Oder mit einem Sommelier, was überaus reizvoll ist, wenn sein Werben für diesen oder jenen Wein auf mich eine Verführungskraft ausstrahlt. Eine solche Beziehung setzt ein intuitives Verständnis voraus, das mehr im Zwischenmenschlichen als in der Weinkompetenz allein gründet. Um mich anzufixen muss mir keiner eine Terroir-Arie singen oder die Weinbereitungsphilosophie vorbeten. Auch ist mir völlig gleichgültig, ob der Winzer auf Punk steht oder sich als Frau fühlt. Es geht vielmehr um die Wirkung von Poesie (was freilich nicht heißt, dass der Sommelier oder die Sommeliere Sprachkünstlerinnen oder –künstler sein müssten, nein, es geht nur um die Wirkung: den Moment der Verzauberung).

Ich bin deshalb schon froh, wenn die Weinberatung zu dem Ergebnis führt, dass der Wein zum Essen passt und auch noch gut schmeckt. Verzauberung erwarte ich nicht unbedingt im Restaurant.

Und das ist eigentlich schade. Gerade dort, wo der Wein im Mittelpunkt steht, in Weinbars oder Restaurants, die sich zu einer Weinpassion bekennen, wäre doch genau der richtige Ort, um den Moment der Verzückung nicht nur zu suchen, sondern auch zu finden. Wobei – um ein weiteres Missverständnis auszuschließen – das in einem bestimmten Moment größtmögliche Weinglück nicht unbedingt im größtmöglichen Wein liegt. Ja, der Weinkenner oder die Weinkennerin, die eine Karte zu lesen vermögen, sind hier im Vorteil. Aber der große Rest vergnügungssüchtiger und verführbarer Gäste?

Eben daran musste ich denken, als ich mich kürzlich mit Stuart und Freunden in der Berliner Weinschenke „Weinstein“ traf. Naturgemäß oblag dem Großkritiker und Welt-Rieslingversteher, die erste Flasche auszuwählen. Und Stuart sagte zu meiner Überraschung: „Nehmen wir einen lustigen Wein“. Oh Gott, diese Pigottsche Exzentrik! Ein „lustiger Wein“, was soll das bitte schön sein?

Ich erinnerte mich in diesem Moment an meinen Großvater, der mit großem Eifer auszurufen pflegte: „Wein muss nach Wein schmecken, und nach sonst nichts!“ Und phantasierte Loriotsche Restaurantszenen herbei, á la: „Ober, einen Wein, bitte. Aber einen schönen Wein.“

Und doch liegt in diesen satirischen Zuspitzungen eine tiefe Wahrheit und Aufrichtigkeit, die nur deshalb seltsam wirkt, weil sich solche Ansagen und Wünsche nicht aus dem Reich des völlig Subjektiven heraus begeben. Ebenso wie im Pigottschen Bestellwunsch. Ein „lustiger Wein“! Wären wir Fremde unter Fremden gewesen, eine slapstickhafte Kommunikation hätte sich angeschlossen. Aber wir erkannten schnell (und ahnten es bereits früher), was Stuart wollte: Einen Wein, der die Sinne weckt, der freudige Gefühle und gute Stimmung animiert, der auf der Zunge tanzt, ohne das Gespräch durch einnehmendes oder forderndes Verhalten zu behindern. Ein sichere Plattform, auf der sich der Abend und was er an zu leerenden Flaschen mit sich brachte, sinne- und geschmackspapillenweitend aufbauen konnte. Also das, was in vielen Restaurants das Glas Champagner zu Beginn leisten soll, aber selten schafft. (Foto von Vuk Karadzic)

Es wäre also an der Zeit, die hergebrachte Weinkartensystematik zu hinterfragen. Warum gibt es auf Weinkarten keine „lustigen Weine“? Warum keine „Meditationsweine“, die doch immerhin den Hinweis liefern, dass sie alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen und jedes Gespräch absterben lassen? Weshalb fehlen Hinweise auf eine unmittelbare, durchaus sexualisierbare Sinnlichkeit, die dem Genießer eine Schnappatmung und Schweißperlen auf der Stirn bescheren können? Warum werden nicht explizit Weine empfohlen, die Dialog oder Disput hervorrufen. Ja, sogar der „schwierigen Wein“, der erobert werden will und dem Genießer oder der Genießerin alles abverlangt, sei erlaubt. Denn all dies sind soziale Kontexte, die beim Weingenuss denkbar oder sogar wünschenswert sind.

Wer in einem Restaurant oder einer Bar sitzt, will sich unterhalten und zwar auf eine andere Art als zu Hause – selbst wenn ein Gast allein ist. Wein ist Katalysator von Kommunikation, wird aber in diesem Zusammenhang oft völlig unterschätzt. Mit Wein entsteht ein Gespräch, das seine besondere Stimmung erst durch den Zusammenklang von Personen, ihren Emotionen und den passenden Flaschen erzielt. So wie es der „lustige Wein“ vermochte. Es war übrigens ein 2012 Ayler Kupp Riesling Fass 2 des Weinguts Peter Lauer (Ayl/ Saar) – verdammt lustiges Zeug für einen lustigen Abend.

Posted in @deutsch | Leave a comment

OFF von Frank Ebbinghaus

Ich tue es keineswegs aus hehren ethischen oder gar religiösen Motiven. Nicht mal der gesundheitliche Aspekt, der ja wohl nicht von der Hand zu weisen ist, juckt mich. Meine Haltung zum Fasten ist ausschließlich dem Genussprinzip unterworfen. Kurz: Ich faste, um meine Genussfähigkeit zu steigern. Mit Fasten meine ich den Verzicht auf Alkohol. Da ich nur Wein trinke, verzichte ich darauf wie auch auf die Zuführung alternativer alkoholischer Getränke. Null, nichts, nada, dreieinhalb Wochen lang, zwei Mal im Jahr. Sogar unterhalb der Woche – auch da bin ich humorlos prinzipiell – trinke ich zwischen Sonntag und Mittwoch nicht. Nicht immer, aber meistens.

Es ist zum einen ein lustvolles Spiel mit der Abhängigkeit. Denn natürlich – machen wir uns nichts vor – ist die Lust am Weingenuss auch eine Lust am Alkohol. Die überaus sinnliche Erfahrung der komplexen Aromatik des Weins ist von seiner Wirkung nicht zu trennen. Zum Luxus der Weingenießerin oder des Weingenießers gehört, mehrere unterschiedliche Flaschen gleichzeitig zu öffnen und nach gusto und Kondition auszutrinken. Erfahrene Trinkerinnen und Trinker wissen den Zustand einer gepflegten Trunkenheit zu schätzen und zu kultivieren. Die wunderbare Jancis Robinson erzählte mir mal, dass sie privat nur wenig trinke, ein Glas am Abend oder so – genau weiß ich es nicht mehr. Aber ich erinnere mich noch, enttäuscht gewesen zu sein. Von ihr hätte ich mehr Genusssucht erwartet. Aber vielleicht geht das nicht anders, wenn man täglich mehrere Dutzend Weine probieren (und spucken) muss, beginnend vor dem ersten Zähneputzen, wenn der Geschmackssinn noch gänzlich unbelastet ist. Wird der Genuss zum Beruf, ist die Hölle meist nicht weit.

Ich selbst probiere auch gerne, aber nicht zu oft. Ausufernde Proben verleiden mir alles. Ich trinke lieber. Und manchmal saufe ich auch gerne. Beides tue ich ohne jede Reue, weil ich mir Grenzen auferlege. Ein richtiges Gelage oder vielleicht auch an zwei oder drei Abenden  hintereinander genieße ich in vollen Zügen, weil ich mich auf die Abstinenz danach freue. Vier Tage ohne am Stück, die ich mir jede Woche nehme, sind dazu da, meine Akkus wieder aufzuladen und Lust auf das nächste Glas zu wecken.

Trinke ich eine Woche durch (ja, ja, ist auch schon vorgekommen), verliere ich zunehmend die Lust. Am vierten Abend schmeckt es mir nicht mehr so wie am ersten oder zweiten. Und der Rausch wird lästig.

Wenn ich zweimal im Jahr jeweils knapp drei Wochen keinen Wein oder sonstigen Alkohol anrühre, dann ist das eine Zeit der Besinnung. Ich werte die Weingenüsse und –erfahrungen der letzten Zeit aus und überlege, was mir wirklich wichtig ist. Denn es ist doch so: Trinke ich regelmäßig, brauche ich ständig einen neuen Kitzel. Über den Wachauer Winzer F. X. Pichler habe ich mal die Anekdote gehört, er trinke in seinem Urlaub jeden Abend eine Flasche seines Spitzenweins „Unendlich“. Auch so stelle ich mir die Hölle vor. Ich dagegen lasse es nach dem komplexen, introvertierten Moselriesling gerne mal richtig krachen und greife zum Killer-Juice aus dem Barossa Valley. Oder suche in meinem Keller nach einem Wein, den ich ewig nicht getrunken habe. Vielfalt und Gegensätze ziehen mich an. Ich bin verwöhnt und mein Keller oder der meiner Freunde lässt mich selten im Stich. Aber manchmal doch. Dann sitze ich über irgendwelchen Listen, überlege, worauf ich Lust haben könnte und finde nichts. Meine Genussfähigkeit befindet sich dann im Zustand der Abnutzung – höchste Zeit für eine Pause.

Vielleicht ist das der Moment, der manchen Connaisseur dazu treibt, sich an einem oxidativen Naturwein zu erfreuen. Neue Welten tun sich auf, Gedankengebäude werden schmeckbar. Ich faste da lieber.

Kurz vor Ende einer Fastenzeit überlege ich, was ich am ersten Abend trinken will. Eine sehr lustvolle Beschäftigung. Meistens ist es der introvertierte, komplexe Moselriesling. Oft gehe ich dann in Berlin ins Weinstein und beginne mit einem Glas Riesling „Molaris L“ vom Weingut Karlsmühle (Mertesdorf/Ruwer). Ein Riesling, der mir eine Geschichte erzählt. Einfach, aber saugut.

Posted in @deutsch | Leave a comment

RIESLING HEROES 2014 – Die Riesling-Helden des Jahres von Stuart Pigott

Riesling-Helden? Klingt das nicht abgedroschen? Vielleicht schon. The Stranglers haben 1977 sehr überzeugend „No More Heroes“, keine Helden mehr, gesungen. Dieses Lied gegen Helden begeistert mich heute wie damals. Die Stranglers hatten durchaus Recht, weil das 20. Jahrhundert der Welt ein Überangebot an Demagogen und idealistischen  Ungeheuern geliefert hat. Sie haben sich als Helden verkleidet ins Rampenlicht gestellt und Millionen von Menschen über den Tisch gezogen. Aber Riesling ist nicht Macht oder Ideologie, sondern ein besonderes Getränk, das Millionen von Menschen Freude bereitet. Meiner Meinung nach ist jemand, der sich hartnäckig und nachhaltig dafür einsetzt, diese Freude erheblich zu vergrößern Riesling-Held oder -Heldin. Weil die Leistung dieser Menschen eine größere Bekanntheit verdient, habe ich die Auszeichnung „Riesling Held(in) des Jahres“ ins Leben gerufen. Heute stelle ich die ersten Preisträger vor.

Meine (oben abgebildeten) Riesling-Helden 2014 sind (von links nach rechts) Pascal Brooks, der Besitzer von Brooks Wines in Oregon, Janie Brooks Heuck, die Verwalterin, und Chris Williams,  der Winemaker. Pascal ist der Sohn des 2004 frühzeitig verstorbenen Gründers Jimi Brooks. Janie ist Jimis Schwester, die bis zu dessen Tod nichts von Wein verstanden hat, und Chris war zu Jimis Lebzeiten seine rechte Hand im Keller. Jetzt entwickelten sie gemeinschaftlich die besondere, von Jimi erfundene Weinstilistik weiter, vor allem bei Riesling und Pinot Noir. Ihre Geschichte habe ich ausführlich in PLANET RIESLING erzählt, aber sie ist damit nicht zur Ende.

Schon bevor mein Buch erschienen ist, hat Janie mit ihrer rechten Hand, Jess Pierce, die RIESLING INVASION in Portland/Oregon organisiert. Diese größte Präsentation von Oregon Riesling-Weinen aller Zeiten begeisterte am 19. Juli mehr als 300 Fans. An diesem Tag wurde mir klar, dass Oregon eine kompakte, aber äußerst dynamische Riesling-Szene hat, die von den Wein- und Gastro-Medien immer noch nicht richtig wahrgenommen wird. Den Grund dafür habe ich in meinem Buch „Pinot-Nebel“ genannt. Mehr als 60% der Gesamtrebfläche Oregons ist mit Pinot Noir bestockt, weitere 10% mit Pinot Gris. Zusammen lenken sie die Aufmerksamkeit der Konsumenten und Journalisten von Riesling und anderen Traubensorten ab.

Während dieses Oregon-Besuchs ist es mir auch klar geworden, dass das Brooks-Team nicht die einzigen Riesling  Helden in diesem Bundesstaat sind. Die Peterson-Nedrys der Chehalem Winery – Vater Harry (oben doppelt abgebildet) und seine Winemaker-Tochter Wynne – verdienen ebenfalls diese Auszeichnung. Und seit ein paar Jahren steht sie auch Andrea und James Frey von Trisaetum zu. Aber nur Janie Brooks Heuck ist so oft und so hartnäckig in Sache Oregon-Riesling unterwegs. Sie hat diese Weine zu einem Thema gemacht, das von den Mitgliedern der amerikanische Weinszene  nicht mehr leichtsinnig ignoriert werden kann.  Manche tun es trotzdem und geben dabei keine gute Figur ab.

Im stillen Kämmerlein des Kellers arbeitet Chris Williams weiter an der Verfeinerung der Brooks-Rieslinge.  Er hat das Sortiment in die zart-süße (die Spätlese-artige ‚Sweet P’) und süße (der mächtige und super-konzentrierte ‚Tethys’) Richtung erweitert. Staubtrockene Weine bleiben der Kern des Sortiments, und da setzt Chris so konsequent auf Spontangärung wie kaum ein anderer Riesling-Winemaker des Kontinents. Seine Weine sind Langläufer mit enormem Entwicklungspotential. Es gibt nur ein Handvoll trockener Weine auf dem PLANET RIESLING, die am Anfang ihres Lebens so karg und mineralisch wirken und durch Flaschenreife so viel Charme gewinnen. Diese Weine regelmäßig zurückzuhalten und erst auf den Markt zu bringen, wenn sie aufblühen, verlangt nicht nur starke Nerven, sondern auch einen Businessplan, der wie Janies extra darauf ausgerichtet ist.

Neben der ganzen anderen Arbeit hat Janie den Betrieb im letzten Jahr durch eine große Umstellung gesteuert. Der alte Keller war nicht nur klein, er war viel zu klein für die Produktionsmenge und verlangte von Chris eine Meisterleistung an Improvisation. Inzwischen ist die geräumige neue Kellerei an der Spitze der Estate Vineyard in den Eola-Amity Hills im Betrieb.  Die Riesling-Helden 2014 haben eine neue Heimat!

Posted in @deutsch | Leave a comment

WEINHIER – Dönnhoff: Riesling-Licht oder Riesling-Schatten? von Frank Ebbinghaus

Es ist kein Drama, dass das Weingut Dönnhoff (Oberhausen/Nahe) vom Gault Millau Weinguide abgestuft worden ist und nun nach dessen Lesart nicht mehr zu den weltbesten Weinerzeugern zählt. Ein Weinführer, der so fett geworden ist wie die Weine, die man nicht mehr mag, braucht die Polarisierung in diesen, für das Printgeschäft sicherlich nicht ganz einfachen Zeiten mehr denn je als Marketinginstrument. Besonnene Winzer wie die Dönnhoffs (abgebildet oben ist Helmut Dönnhoff) wissen das, halten Abstand und bleiben ansonsten hoffentlich ihrer Linie treu.

Ich selbst hätte davon gar nichts mitbekommen, wenn Stuart nicht so fulminant gegen diese Entscheidung Stellung bezogen hätte. Eine gute Gelegenheit also für eine Begegnung mit aktuellen Dönnhoff-Weinen.

Zunächst gestehe ich gerne, ein großer Dönnhoff-Fan zu sein, genauer: gewesen zu sein. Denn ich mag die Dönnhoff-Rieslinge gerne gereift, habe früher viel gekauft und weil ich einige Flaschen im Keller habe, beachtete ich die jüngeren Jahrgänge immer weniger. Ich behaupte: Nicht weil sie mir nicht gefielen, sondern im Gegenteil: Das Qualitätsniveau erschien mir jedes Jahr zuverlässig so immens hoch, dass ich die Weine blind hätte kaufen können. Hinzu kam: Die Spitzenrieslinge sind in der Jugend oft eher unauffällig – Ausnahmen stellen die Goldkapsel-Auslesen oder die legendären Eisweine dar, die wahre Aromen-Explosionen verursachen können. Unauffällig heißt: Es sind ruhige, selbstbewusste Persönlichkeiten, denen jede Aufgeregtheit abgeht. Modische Spontistinker, die Wildheit suggerieren, sucht man hier vergebens. Alles Vordergründige meiden sie. Anders gesagt: Sie können in der Jugend durchaus vergleichsweise etwas langweilig wirken. Aber der Schein trügt.

Bei den diversen Casting-Shows unter dem Motto „Deutschland sucht das Super GG des Jahrgangs“ fallen Dönnhoffs trockene Spitzenrieslinge stets durch vornehme Zurückhaltung auf. Als sei ihnen der Rummel öffentlicher Vorführung zuwider.

Ihre Stunde schlägt nach mindestens acht bis zehn Jahren (die der rest- und edelsüßen Rieslinge noch später), wenn sie ihre Finesse und ihren großen Schatz an Mineralien ausspielen. Aber auch dann geht ihnen alles Laute ab. Sie verlangen Hinwendung und Konzentration. Wer dazu bereit ist, wird mit einer atemberaubenden Tiefe und Eleganz belohnt, die zu einem Markenzeichen der Dönnhoff-Weine geworden ist. Und mehr noch: Das Weingut Dönnhoff hat auch einen typischen Stil für die Nahe (mit)geprägt, moselanische Finesse mit etwas mehr Kraft und steiniger Mineralität, wie sie auch den Rieslingen des Weinguts Emrich-Schönleber (Monzingen/Nahe) eigen sind.

Wenn ich sage, dass ich die Dönnhoff-Rieslinge gerne gereift trinke, dann heißt das, dass ich die jungen Spitzenweine meide. Nicht, weil ich sie nicht mag, sondern weil ich finde, dass es Verschwendung ist, jetzt aktuelle Jahrgänge der Großen Gewächse in sich hinein zu schütten. Aber von einer 1995er Spätlese oder Auslese, der 2001er Hermannshöhle Spätlese trocken oder ihrem Pendant aus dem Jahrgang 2002 kann ich nicht lassen. Das ist für mich ein Inbegriff großer deutscher Rieslinge.

Nun könnte man einwenden, dass meine Unterlassung bezüglich jüngerer Dönnhoff-Jahrgänge (abgebildet links ist Cornelius Dönnhoff, der Sohn von Helmut, der seit 2007 für den Keller verantwortlich ist) entgegen meinen Beteuerungen und Bekenntnissen vielleicht doch auf eine Abkühlung meiner Leidenschaft deuten könnten, ähnlich dem Befund des Gault Millau Weinguide.

Wäre möglich. Zumal ich mit dem Jahrgang 2011 in der Tat Probleme hatte. Die GG aus dem Dellchen und der Hermannshöhle waren mir zu reif und zu kraftvoll (und zu weit weg vom klassischen, filigranen Dönnhoff-Stil), einen restsüßen Riesling Kabinett (Lage vergessen) empfand ich als zu fett. Aber ich hatte für diese Stichprobe sehr ungünstige Momente gewählt: Die Weine waren viel zu warm, die Probe noch gar nicht eröffnet. Und zumindest dem 2011 Hermannshöhle GG habe ich sofort zugestanden, dass es ein großer Wein ist (auch wenn mir der Stil damals nicht zu 100% zusagte).

Genauso flüchtig probierte ich im September bei der GG-Premiere in Berlin das 2013 Hermannshöhle GG und war mir sofort sicher, dass dies einer der größten trockenen Rieslinge des Jahrgangs ist. Genauer: Ein wahrhaft großer trockener Riesling aus einem schwierigen Jahrgang.

Jetzt wollte ich es genau wissen und habe die Hermannshöhle Riesling GG’s der Jahrgänge 2012 und 2013 über einen Zeitraum von neun Tage parallel probiert.

Ich war stark beeindruckt. Beide Weine strahlen eine Frische und Eleganz, Tiefe und Harmonie aus, die ihresgleichen sucht. Sie zeigten über neun Tage keine Ermüdungserscheinungen, entwickeln über ihre mineralische Säure enormen Zug und zeigen mit angedeuteten Aromen von Tabak, gelben Früchten, grüner Banane und etwas Rauch, dass man sich in ein paar Jahren noch auf vieles mehr freuen kann. Eine feine Phenolik verleiht beiden Wein Grip.

Das 2012 Hermannshölhe GG hat 13,5% Alkohol (wie das von mir seinerzeit wenig goutierte Pendant aus 2011), der etwas herausschmeckt. Aber der allgemeine Eindruck kühler Frische ist so überwältigend, dass das kein Problem sein dürfte. Überhaupt wirkt dieser Wein im Wortsinn wie in Stein gemeißelt, dabei recht verschlossen, aber kein bisschen angestrengt oder anstrengend. Das 2013 Hermannshöhle GG mit 13 % Alkohol wirkt dank seiner leicht traubigen Frucht im Moment zugänglicher. Aber auch hier wird Geduld in einigen Jahren gewiss reich belohnt.

Was mich auch an diesen Dönnhoff-Weinen sehr beeindruckt, ist dieser völlig unkapriziöse, geradezu schlichte Gestus, mit dem sich ihre Größe und Komplexität mitteilen. Diese schwer zu beschreibende Eigenschaft (sie erinnert mich an Menschen höchster geistiger und charakterlicher Bildung, deren Auftritt dank eines Selbstbewusstseins, das sich in völligem Einklang mit der Welt weiß, größte Natürlichkeit ausstrahlt und deshalb so eindrucksvoll wirkt) verbindet sie mit den größten Weinen dieser Welt, die ich bisher trinken durfte.

Posted in @deutsch | Leave a comment