Der Jahrgang 2014 beim Weingut Keller (Flörsheim-Dalsheim/Rheinhessen) von Frank Ebbinghaus

Schwierig, schwierig, so lautet die überwiegende Einschätzung des Weinjahrgangs 2014 in Deutschland, der jetzt auf den Markt kommt. Unerfahrene Konsumenten kann das verunsichern. Andererseits: Wer in einem sehr uneinheitlichen Jahr, das mit Reifeproblemen und Fäulnisdruck zu kämpfen hatte, ausgezeichnete Weine erzeugt, dem darf man auch künftig blind vertrauen.

Wo wären solche Erwartungen besser aufgehoben als beim Weingut Keller (Flörsheim-Dalsheim/Rheinhessen)? Hier klagt man jedoch nicht über Wetterkapriolen, sondern freut sich über eine Ernte, „die uns ein glückliches Lächeln ins Gesicht zaubert!“

In der Tat verfügen die probierten 2014er Keller-Weine über die immer wieder gelobte Harmonie und Präzision, welche die Herzen vieler Keller-Fans höher schlagen lässt. Ich gehöre eher nicht dazu, was weniger am Winzer und seinen Weinen liegt (allerdings fand ich manchen trockenen Keller-Riesling in der Vergangenheit etwas langweilig) als an der fast schon religiösen Verehrung, die ihm von manchen Weinfreunden entgegengebracht wird. Das hat mich immer wieder abgeschreckt. Der furchtbarste Keller-Fan ist der Gault Millau Weinguide, der auf der Suche nach unverbrauchten Superstars in den 90ern das Weingut in den Himmel hob und meine damaligen rheinhessischen Lieblingsweingüter Gunderloch und St. Antony aus demselben Grund systematisch abwertete. Dass das eine nicht ohne das andere ging, nahm ich übel.

Allerdings habe ich Keller-Weine getrunken, die mich stets begeisterten. Das Große Gewächs AbtsE, zum Beispiel und vor allem der restsüße Riesling-Kabinett, der auf mich wie eine Hommage an Weine dieses Typs von Mosel, Saar und Ruwer wirkt. Das sind Jahr für Jahr ungeheuer sinnliche und expressive Weine, die man, obwohl hoch-komplex eimerweise trinken möchte. Klaus-Peter Keller hegt offenbar eine große Zuneigung zum Riesling Kabinett, was sich in der ehrgeizigen Preisgestaltung niederschlägt wie auch in dem Umstand, dass er jedes Jahr eine Versteigerungsabfüllung erzeugt, der den regulären Kabinett nicht nur preislich toppt – ein Wein wie ein Feuerwerk: schlank, kühl, brillant, sehr mineralisch, mit einer sexy Frucht.

Auch der 2014er Riesling Kabinett H ist wieder sehr gelungen. In der Nase pudrig süß, kalkig, mit feiner Honigmelone, am Gaumen zunächst ziemlich süß, wobei die gut verborgene, aber nicht unbeträchtliche Säure für die Balance sorgt. Feinste mineralische Adern durchziehen den Wein, der noch sehr unfertig wirkt und viele Jahre reifen kann. Wenn ein Winzer hervorragend hohe Säurewerte managen (soll heißen: verstecken) kann, dann Keller. Auch der feinherbe 2014 Riesling RR hat gewiss keine geringe Säure, aber sie schmiegt sich so eng an den schlanken, jedoch keineswegs kargen Körper, dass dieser Wein auch jedem säureempfindlichen Gaumen schmeichelt. Die ausgeprägte Mineralität wirkt drucklos und sanft, aber stets spürbar, angenehm verhalten steigen gelbe Früchte und rosa Grapefruit auf – den Eindruck großer Eleganz bestärkt nicht zuletzt der Alkoholgehalt von gerade mal 12%.

Stilistisch eng verwandt und äußerst gelungen ist die 2014 Scheurebe trocken. Weine dieser Rebsorte können leicht unharmonisch schmecken, vor allem, wenn die Säure nicht richtig reif ist. Hier aber zeigt sie sich perfekt integriert. Der Wein riecht nach Cassis, kühlem Weinbergpfirsich, später auch nach Litschi und schmeckt nach zartem Pfirsich Melba, je einer Prise Muskat und Liebstöckel – alles ist fein, kühl, saftig und sehr animierend auch bei gerade 12% Alkohol.

Der Eindruck von Präzision, Zartheit und fast schwebender Anmut zeigt sich beim trocknen Riesling RR wie bei der Scheurebe besonders, wenn man die Weine nach einer Woche aus der offenen Flasche erneut probiert: Ballerinen, versunken im ätherischen Spitzentanz –für alle, die Ballett-Weine mögen.

Fotos von Thorsten Jordan

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