Sein Name ist HE von Frank Ebbinghaus

HE: Das Monogramm eines Mannes von Welt und Stil schmückt nicht mehr Hemdkragen oder Manschettenknopf, sondern eine Weinflasche. Diese Verbindung zielt mit minimalem Aufwand auf maximale Synergien und größtmögliche Distinktion ab.

HE: So steht es auf dem Etikett einer Flasche Pinot Noir. Und mehr muss man in bestimmten Kreisen nicht sagen, um Glanz in die Augen zu zaubern. Natürlich ist dieser Wein ziemlich exklusiv. Was freilich weder am Preis von knapp 80 Euro pro Flasche (das ist kein Pappenstil, aber es gibt weitaus exklusiveres), noch am Namen liegt („HE“ = Hans Erich Dausch = ein Allerweltsname, kennt kein Mensch außer ein paar Eingeweihten). Sondern am Konsumenten selbst, der sich durch den Kauf von „HE Pinot Noir“ als wahrer Kenner von erlesenem Weingeschmack ausweist.

Rar sind die Weine nicht unbedingt, Google nennt Bezugsquellen. Bei öffentlichen Verkostungen sind die HE-Pinots aber nicht präsent. Marketing gibt’s nicht und mal eben probieren ist auch nicht, es sei denn, man hat einen guten Freund, der vom HE-Virus infiziert ist und eine Flasche aufreißt. Wer HE Dausch googelt, findet dessen Uralt-Homepage, dann die Überschrift “ eines Weinhändlers: „HE The Guru“. Klingt doch vielversprechend mysteriös.

Aber dann steht da an einem sonnig-warmen Samstagabend im Berliner Sternelokal Frühsammers Restaurant eine fröhlich grinsende Pfälzer Frohnatur, die der Grünewalder Tennis-Schickeria, die auf den angrenzenden Plätzen schweißtreibend und lautstark übt, die rote Daunenweste zeigt. Hans Erich Dausch, der sich HE nennt, war mal Bankmanager, auch Skilehrer. Er entstammt einer Pfälzer Winzerfamilie, fünf Hektar Reben und Schnapsbrennerei: „anständige Qualität, aber nix zu verdienen“, sagt HE selbst. Deshalb die Flucht ins Geldgewerbe, das ihn jedoch direkt zurück zum Wein führte.

Denn als Bank-Angestellter in Siebeldingen machte er die Bekanntschaft mit Spitzenwinzer Hansjörg Rebholz, der ihn zu Proben mitschleifte und in ihm die Liebe zum Wein weckte. HE verfügt über keine weinspezifische Ausbildung, er hat sich alles ehrlich selbst ertrunken. Die großen Pinot Noirs des Burgunds liebt er.

Seine Leidenschaft ist freilich nicht nur auf Konsumtion beschränkt. HE verfügt über die Fähigkeit Weine zu „lesen“ wie ein mit allen Wassern gewaschener Bankprüfer eine Karstadt-Bilanz. Ihm entgeht nichts. Und er weiß, wie man’s besser macht. Kurz nach der Jahrtausendwende holte ihn Heidrun Becker als Berater ins Weingut Friedrich Becker (Schweigen/Pfalz), das für seine Spätburgunder längst berühmt war. 2006 hat HE angefangen, eigene Weine zu erzeugen. Einen Hektar Rebfläche besitzt er in der Lage Eschbacher Hase. Ein Weingut hat er nicht- Seine Weine produziert HE seit 2010 in dem bekannten Pfälzer Weingut Knipser (Laumersheim).

HE hat klare Ansichten über Wein und besonders über Pinot Noir. Seine Philosophie legt er mit bestechender Einfachheit dar: „98 Grad Oechsle sind mir am liebsten“, sagt er zum Beispiel, „die Traubenkerne müssen sich vom Fruchtfleisch lösen“. HE schwört darauf, dass eisenhaltige Kalkböden für Pinot Noir am besten sind. Je mehr Eisen, desto besser.

Das Burgund – und dort natürlich nur die Top-Erzeuger – sind für ihn die Benchmark. Aber er ist kein Guru und auch kein Burgund-Jünger, der vermeintliche Patentrezepte nachahmt. Wie auch? Es gibt ja nicht den einen burgundischen Stil. Wohl aber Vorstellungen von Eleganz, Finesse und Sinnlichkeit. Und genau dahin will HE mit seinen Weinen.

Und nicht nur mit den eigenen. Er arbeitet inzwischen als Berater. Seine Kunden sind die Weingüter Bernhard Koch (Hainfeld/Pfalz), Uli Metzger (Grünstadt/Pfalz), Thomas Hörner (Hochstadt/Pfalz) und seit letztem Jahr Dr. Corvers-Kauter (Oestrich-Winkel/Rheingau). Dass die Spätburgunder-Weine von Bernhard Koch und Uli Metzger seither Verkostungswettbewerbe gewinnen, ist sicher kein Zufall.

HE verfügt über die Fähigkeit, Erfahrungen in Aphorismen zu gießen: Er sagt Sätze wie: „Viele faule Leute sagen viele faule Sachen.“ Soll heißen: Schöne Worten machen keinen großen Wein. Oder: „Dass ich der Magier bin, einfach die Hand aufs Fass lege und alles wird gut? So läuft der Job nicht“. Ziemlich cool fand ich den Satz: „Romanée-Conti [den berühmtesten und teuersten Wein des Burgunds] aus der Flasche habe ich noch nicht probiert, wohl aber aus dem Fass.“ Klingt großmäulig, ist es aber nicht. Eher typisch HE. Er hat sich von dem besonderen Moment (Romanée-Conti aus dem Fass probieren zu dürfen ist noch exklusiver als den Wein für eine fünfstellige Summe zu kaufen) nicht blenden lassen, sondern hielt Sinne und Verstand eingeschaltet. Seither schwört HE zum Beispiel auf die Fässer der berühmten Tonnellerie Francois Frères in Saint Romain. Er baut seinen HE Pinot Noir zu 100% in neuem Holz aus. Doch das schmeckt man selbst seinen jungen Weinen kaum an.

Im Jahrgang 2012 konnte er drei Weine erzeugen. Sie sind von außergewöhnlicher Eleganz und Feinheit, duftig und obwohl völlig trocken von einer feinen Himbeersüße durchzogen. Beim 2012er Eschbacher Hasen Pinot Noir riecht man förmlich den Boden: nasses Eisen, aber auch Blut. Der 2012 Herrschaftswingert Pinot Noir verfügt noch über einen aparten Stinker vom Ausbau, aber neben der eleganten Frucht auch über ultrafeine Tannine, während der Spitzenwein 2012 HE Pinot Noir bei aller Feinheit rauchig und animalisch wirkt. Hier ist Großes im Werden, das braucht viel Zeit. Gleiches gilt für den Jahrgang 2011, der reif wie der 2009er ist, nur viel feiner. Und wenn ein Wein wie der 2009 HE Pinot Noir, der Rauch, Himbeergeist, Herzkirsche, einen Hauch Vanille und Lorbeerholz mit einer schönen Säure zusammenführt, bei diesem Winzer ein Höchstmaß an Reife darstellt, dann weiß man, dass HE selbst in einem sehr reifen Jahrgang seine Vorstellung von burgundischer Eleganz durchzusetzen vermag.

An diesem Abend wurde aber auch eine eindrucksvolle Ehrenrettung für sehr deutsch schmeckende Spätburgunder eingelegt. Der 1989 Assmannshäuser Höllenberg Spätlese trocken der Hessischen Staatsweingüter roch zwar nach einer seit 1989 getragenen Birkenstocksandale, schmeckte aber fein und zart nach Kirsche, verblüffte mit elegantem Tannin und fein-säuerlichem Abgang.

Nicht nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt dass der Abend mit einem eindrucksvollen „Jungwinzer-Debüt“ begann: Ein 2013 Kallstadter Saumagen trocken, der die frühlingshafte Stimmung dieses schönen warmen Maitages mit allen Düften und Farben wachrief, aber auch schon den Sommer mit reifem Pfirsich und Aprikose ankündigte und mit feiner Salzigkeit endete. Der Wein stammte von keinem geringerem als Winzerlegende Bernd Philippi, der nach seinem Ausstieg aus seinem ehemaligen Weingut Koehler-Ruprecht ein kleines Stück aus der berühmten Lage Saumagen gekauft hat. Kaum mehr als tausend Flaschen erzeugte er 2013. In den Verkauf kommen sie freilich nicht. Er will sie selbst trinken.

Fotos Gerhard Gneist

 

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