Weintelegramm 105

Manche deutsche Journalisten fanden meine Äußerungen zum Thema HOCHMOSELÜBERGANG, die gigantisch große und gigantisch teure Betonbrücke, die die Mosel überspannen soll und dabei weltberühmte Spitzenlagen wie Wehlener Sonnenuhr und Graacher Himmelreich massiv bedrohen, zu „drastisch“. +++ Der kulturelle Unterschied zwischen Deutschland (mit einer Tradition von Obrigkeitsdenken, die viel weiter als 1933 zurückreicht) und England (mit einer noch längeren Tradition von Skepsis gegenüber der Obrigkeit) erklärt dies nur zum Teil. +++ Der andere wesentliche Punkt ist, dass ich versuche, die logische Konsequenz nicht nur in dieser Sache zu erkennen und für Leser, Zuhörer und Zuschauer deutlich zu machen, unabhängig davon, ob es um eine neue kellerwirtschaftliche Methode geht oder eine politische Position. +++ Dabei fühle ich mich oft wie das Kind in „Des Kaisers neue Kleider“. +++ Nehmen wir etwa den Brief von Hendrik Hering (SPD), Minister für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau in Rheinland-Pfalz, an Hugh Johnson vom 11.12.2009. +++ Da bat Hering meinen britischen Kollegen höflich aber bestimmt, sich nicht weiter zum Thema Hochmoselübergang zu äußern. +++ Aus meiner Sicht ist das ganz eindeutig die Aufforderung zur Selbstzensur (wozu Johnson als Brite selbstverständlich nicht bereit ist) und daher verfassungswidrig. +++ Auf www.spiegel.de schrieb Ralf Best, dass ich auf der INTERNATIONAL RIESLING RESCUE-Veranstaltung in Berlin am 11.04.2010 Herings Rücktritt verlangte. +++ Das ist nicht ganz richtig. +++ Ich habe Hering zu einem Bekenntnis zu Pressefreiheit und Grundgesetz aufgefordert und dann gefragt, wie ein Minister im Amt bleiben kann, wenn er sich nicht zur deutschen Verfassung bekennt. +++ Oder sind wir doch schon so weit vom demokratischen Weg abgekommen, dass dies akzeptabel ist? +++ Hinter Herings Brief an Johnson glaube ich auch folgende Haltung zu erkennen: „Das ist unsere interne Sache, das geht Sie als Ausländer nichts an“. +++ Doch jeder der Moselwein trinkt oder das wunderschöne Moseltal besucht, hilft den Fortbestand dieser einmaligen Kulturlandschaft zu sichern und hat damit ein berechtigtes Interesse, unabhängig von seiner Nationalität. +++ So gesehen ist das Tal bereits jetzt ein inoffizielles Weltkulturerbe! +++ Über diese Punkte hat die Obrigkeit in Rheinland-Pfalz offensichtlich nicht nachgedacht und ist fassungslos +++ Sie scheinen davon auszugehen, dass die Presse sich konform ihrer Position verhält und Kritik entweder weglässt oder stark dämpft. +++ Wie die FAZ am 21.12.08 schrieb, Ministerpräsident Beck (SPD) ist in Rheinland-Pfalz an eine eher zahme Presse gewohnt, in Vergleich mit dem robusten Pressecorps der Hauptstadt. +++ Ich habe das Glück, hier in Berlin in einem demokratiestarken Gebiet zu leben, während zumindest manche Teile von Rheinland-Pfalz wie die Mosel mir eindeutig demokratieschwach vorkommen. +++ Vielleicht ändert sich das aber bald. +++ Um 18:15 am Mittwoch in Reiss& Leute in SWR3 stellt sich Hering endlich seinen Gegnern und wird auch mir ins Auge schauen müssen. +++ Die Frage lautet jetzt ganz einfach: für die Mosel oder für Beton-Gigantismus ohne wirtschaftlichen bzw. jeglichen Sinn. +++ Wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) neulich sagte: Verantworten wir Zukunft oder verbrauchen wir Zukunft? Das ist eine Frage politischer Entscheidungen und materieller Entscheidungen, aber es ist auch eine Frage der Moral.

This entry was posted in Wein Telegramm@de. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *